Harthausen (aktiencheck.de AG) - Die Experten von "Geldanlage-Brief" raten konservativen Anlegern von der Delticom-Aktie (ISIN DE0005146807/ WKN 514680) Abstand zu nehmen.
Delticom sei Europas größter Reifenhändler im Internet. Das 1999 von zwei ehemaligen Continental-Managern gegründete Unternehmen sei in 26 Ländern aktiv und biete über Seiten wie Reifendirekt.de ein üppiges Sortiment: Gut einhundert Reifenmarken und mehr als 25.000 Reifentypen. Zielgruppe seien vorrangig Privatkunden. Sie könnten sich ihre "Schlappen" entweder direkt nach Hause oder an eine von 10.000 Vertrags-Werkstätten liefern lassen.
Delticom arbeite seit der Gründung profitabel und schreibe in allen Märkten schwarze Zahlen, auch in den USA. In 2005 sei der Umsatz um 61 Prozent auf 129 Mio. Euro gestiegen, das Vorsteuer-Ergebnis habe überproportional um knapp 73 Prozent auf 5,7 Mio. Euro zugelegt. Je Aktie seien 1,08 Euro hängen geblieben. Das erste Halbjahr 2006 könne sich sehen lassen. Per 30. Juni würden die Bücher schon Umsätze von 75 Mio. Euro ausweisen, das Vorsteuer-Ergebnis stelle sich bislang auf 3,7 Mio. Euro. So dürfte es auch weitergehen: Die Konsortialbanken würden dem Börsenneuling für 2006 Erlöse von 180 Mio. Euro zutrauen, die in den Folgejahren jeweils zweistellig wachsen sollten, wobei auch das Ergebnis Schritt halten solle. Doch das Fundamental-Profil zeige auch spröde Stellen: Die Eigenkapitalquote habe per 30. Juni kaum 25 Prozent betragen. Zwei Drittel der Verbindlichkeiten seien jedoch kurzfristiger Natur - vorrangig Lieferantenkredite.
Delticom habe gut 1 Million Aktien an den Markt gebracht. Hinzu komme eine Mehrzuteilungsreserve (Greenshoe) von etwa 100.000 Stücken. 850.000 Papiere würden aus einer Kapitalerhöhung stammen. Auf Basis des Ausgabepreises von 36 Euro würden dem Unternehmen gut 30 Mio. Euro an frischem Eigenkapital zufließen. Delticom-Gründer und Vorstand Andreas Prüfer wolle mit dem Kapital dreierlei erreichen: Er möchte den Bekanntheitsgrad steigern, die Lager aufstocken und insbesondere die Marktposition in den USA und Japan stärken.
Keine Frage, das Produkt eigne sich für den Vertrieb über das Internet. Es müsse vom Kunden nicht zuvor verkostet, erfühlt oder - im Falle eines Parfüms - erduftet werden. Die technischen Daten würden die "Schlappen" hinreichend beschreiben. Auch das Marktpotenzial spreche für Delticom: Die Branche setze weltweit rund 1 Milliarde Reifen im Jahr um. Dabei würden erst 1,8 Prozent der Deutschen ihre "Pneus" im Internet ordern. Inwiefern sich die Quote allerdings signifikant ausbauen lasse, sei für die Wertpapierexperten nicht erkennbar - ungeachtet der fest etablierten Marke "Reifendirekt.de". Grund: Der Zusatznutzen für Kunden bleibe eher gering. Die wenigsten Autofahrer würden ihre Reifen selbst montieren. Das würden sie genauso der Werkstatt überlassen, wie auch das ordern der Reifen. Auch deshalb, weil die Preisunterschiede mittlerweile vernachlässigbar gering seien.
So gesehen schmecke den Wertpapierexperten der Vergleich mit großen E-Commerce-Unternehmen á la Amazon, die die Konsortialbanken zur Bewertung der Aktie bemüht hätten, ganz und gar nicht. Mit einem KGV auf Basis der optimistischen Bankschätzungen von knapp 20 sei die Bewertung des Reifenpapiers folgerichtig üppig ausgefallen. Nach Ansicht der Wertpapierexperten sei das Geschäftsmodell schlüssig - Wachstum und Profitabilität seien gegeben. Allerdings sei aktuell etwas zu viel Luft im Reifen. Die Kiste sei höchstens was für spekulative Anleger.
Konservative Anleger sollten vorsichtig fahren und von einem Investment bei der Delticom-Aktie eher Abstand nehmen, so die Experten von "Geldanlage-Brief". (27.10.2006/ac/a/nw)
Analyse-Datum: 27.10.2006