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Der Madoff-Jäger

27.06.2009 - Ausgabe 26/09
Harry Markopolos kam schon vor Jahren dem größten Anlagebetrüger der Geschichte auf die Schliche - und keiner wollte es hören. Nun führen seine Aussagen zur Entmachtung der amerikanischen Börsenaufsicht.

Tim Schäfer

Sie feiern ihn wie einen Star. Als Harry Markopolos in einem New Yorker Hotel erzählt, wie er dem Betrüger Bernard Madoff auf den Fersen war, füllt sich schlagartig der Saal. Nach seiner Rede ruft einer der Zuhörer in den Applaus: "Sie sind ein Held!"

Dafür sieht er eindeutig zu bieder aus: grauer Nadelstreifenanzug, weißes Hemd, lachsfarbene Krawatte. Von Beruf war Markopolos Analyst - die haben ihren Starstatus auch längst verloren. Dennoch beeindruckt er die Amerikaner. Markopolos enttarnte früh das monströse Betrugssystem Bernard Madoffs, warnte jahrelang die Behörden. Allerdings vergeblich. Und so wird der Fall Madoff nun immer mehr zum Fall SEC - denn Markopolos dokumentierte auch das Versagen der amerikanischen Börsenaufsicht.

Seit 1999 wusste Markopolos, dass Madoff kriminell war. Er alarmierte die Börsenaufsicht in den Jahren 2000, 2002 und 2005. Sowohl in Gesprächen als auch schriftlich forderte er die Beamten eindringlich auf, den Schwindel zu stoppen. Doch niemand nahm ihn ernst.

2005 verfasste Markopolos einen 21-seitigen detaillierten Bericht und übergab die Studie der SEC-Niederlassungsleiterin in New York, Meaghan Cheung. "Sie richtete nicht eine einzige Frage an mich", erinnert sich Markopolos. "Arrogante Anwälte", schimpft er über die Führungskräfte der Behörde. Sie hätten keine Ahnung von den Finanzmärkten.

Aber wie kam der heute 53-Jährige Madoffs Schneeballsystem überhaupt auf die Spur? Markopolos arbeitete für den Hedgefonds Rampart Investment Management in Boston, als ihn sein neuer Vertriebskollege Frank Casey auf Madoffs regelmäßige Rendite von einem Prozent im Monat aufmerksam machte. Er wurde skeptisch. "Madoff wählte immer Aktien aus, die im Kurs stabil blieben oder zulegten, Fehlinvestments hätte es nicht gegeben", begründet er seine Zweifel.

Casey nahm daher Kontakt zum Vermögensverwalter René-Thierry Magon de la Villehuchet in New York auf. Der Franzose hatte Madoff ein gigantisches Vermögen anvertraut. Villehuchet gab den Bostonern bereitwillig Auskunft, legte sogar seine Auszüge mit Nettorenditen von zwölf bis 15 Prozent jährlich vor. Markopolos nahm die Performance und die Optionsabsicherungsstrategie unter die Lupe. Er versuchte, die Optionsgeschäfte Madoffs nachzubilden und fand schnell heraus, dass es sich dabei um Betrug handeln musste.

Hätten all die Angaben gestimmt, wäre Madoff der größte Derivate-Trader der Welt gewesen. Sein Portfolio hätte sechsmal so groß sein müssen wie die bedeutendsten Hedgefonds der Welt. Wie kann es sein, fragte sich Schnüffler Markopolos, dass jemand so relativ Unbekanntes ein zigmal so großes Portfolio verwaltet wie Investmentlegende George Soros? Villehuchet glaubte indes felsenfest an Madoff. Trotz der eindringlichen Warnungen der Bostoner Konkurrenten blieb er voll investiert. Als der Betrug Ende 2008 aufflog, verlor Villehuchet 1,4 Milliarden Dollar. Kurz vor Weihnachten nahm er sich das Leben.

Der Mann, der den größten Betrüger aller Zeiten enttarnte, hatte zu diesem Zeitpunkt die Jagd auf Missetäter längst zu seinem Beruf gemacht. Seit fünf Jahren arbeitet der Amerikaner griechischer Abstammung und studierte Finanzwissenschaftler als privater Ermittler in Sachen Investmentbranche.

Wie ein professioneller Schnüffler ging Markopolos auch im Laufe seiner Recherchen vor. Denn je länger die dauerten und je mehr Milliarden Madoff trotz seiner Hinweise einsammeln konnte, desto unheimlicher wurde ihm das Ganze. Also traf er Vorsichtsmaßnahmen. Markopolos vermied es beispielsweise, Fingerabdrücke auf den Unterlagen zu hinterlassen. Als er dem damaligen New Yorker Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer einen umfangreichen Bericht zusammenstellte, fasste er die Blätter nur mit Handschuhen an. Die Dokumente ließ er durch einen Dritten überreichen. Doch selbst der ehrgeizige Spitzer ging den Hinweisen nicht nach.

Als ergiebiger erwies sich der Wirtschaftsjournalist Michael Ocrant. Als er, angestoßen von Markopolos und Casey, mit den Recherchen beginnt, kommt Madoff dahinter. Der Betrüger nimmt direkt Kontakt mit Ocrant auf: "Wenn Sie einen Artikel über mich schreiben wollen, dann kommen Sie besser hier vorbei und wir sprechen darüber, damit Sie die richtigen Informationen haben."

Am 1. Mai 2001 publiziert Ocrant einen ebenso kritischen wie umfangreichen Artikel in einem Spezialmagazin für die Hedgefondsbranche. Schon die Überschrift ist deftig: "Madoff übertrifft Charts, Skeptiker fragen sich, wie." Sechs Tage später greift das einflussreiche Börsenmagazin "Barron's" die Geschichte auf und mehrt die Zweifel. Doch die Artikel laufen ins Nichts. Die SEC schläft auch dieses Mal.

Im Juni 2005 versucht Madoff, Kredite von europäischen Banken zu bekommen. Das sind die ersten Anzeichen, dass das Schneeballsystem nicht mehr über ausreichend Liquidität verfügt. Doch noch einmal fließt frisches Geld. Bis die Finanz- und Wirtschaftskrise letztendlich zum Zusammenbruch des Systems führt. Madoff gesteht am 10. Dezember 2008 seinen führenden Mitarbeitern: "Ich habe absolut nichts. Es ist alles eine große Lüge." Seine Söhne informieren die Behörden. Das FBI nimmt den Betrüger fest.

Am 4. Februar sagt Markopolos vor einem Kongressausschuss aus. Im Kern geht es um das Versagen der SEC beim größten Betrugsfall der Geschichte. Die Sitzung wird live im US-Fernsehen ausgestrahlt. Der Abgeordnete Gary Ackerman rastet regelrecht aus und beschimpft die obersten Vertreter der SEC: "Wie können Sie das alles übersehen haben? Wir glaubten, dass Mister Madoff unser Feind ist. Ich glaube, Sie sind es." Seither steht die SEC im Kreuzfeuer der Kritik.

Die Zentralbank und das Finanzministerium sollen Medienberichten zufolge mehr Aufgabenbereiche erhalten. Präsident Obama hat die Entmachtung der einst gefürchteten Börsenaufsicht eingeleitet. Ende Mai wurde bekannt, dass zwei führende SEC-Anwälte jahrelang massiv Aktien in ihren Privatdepots gehandelt haben. Dabei haben die Juristen womöglich die internen Vorschriften verletzt. Der Handel mit Wertpapieren wird für das Personal verboten.

Markopolos hat derweil weitere Schwindler im Visier. In den USA gibt es für Hinweise, die zu einer Aufdeckung von Straftaten wie Steuerhinterziehung oder Subventionsbetrug führen, Erfolgsbeteiligungen. Der Schnüffler arbeitet intensiv mit den Behörden zusammen. Nur nicht mit der SEC.



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