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Heilmittel gesucht

30.05.2009 - Ausgabe 22/09
Experten warnen vor einer Pleitewelle in der Biotechbranche. Manche Investoren wie Carl Icahn sehen gerade darin das beste Argument zum Einstieg.

von Sven Parplies

Der Mann liebt Krawall. Carl Icahn, Milliardär und Investor, kauft sich bei Unternehmen ein und setzt das Management unter Druck. Sein Ziel – natürlich Rendite. Zu den Lieblingsbranchen des 73-Jährigen zählt Biotech. Bei Medimmune, Biogen, Imclone hat er schon für Wirbel gesorgt. Jetzt hat sich Icahn auch das auf Diabetesmedikamente spezialisierte US-Unternehmen Amylin vorgenommen. Börsianer rätseln: Will der neue Großaktionär den Vorstand stürzen? Das Unternehmen komplett verkaufen? Oder gar beides?

Icahn wirft dem Management schwere strategische Fehler vor. Der Kostenapparat der Kalifornier sei aufgebläht, das Management habe bei der Vermarktung des Topmedikamentes Byetta schwere Fehler gemacht. Auf der Hauptversammlung von Amylin in dieser Woche konnte Icahn und der mit ihm verbündete Hedgefonds Eastbourne Capital nach vorläufiger Stimmauszählung immerhin zwei der zwölf Sitze im Managementboard erobern.

Trotz Krawall und enttäuschenden Geschäftszahlen – Amylin zählt zu den Glücklichen der Branche. Das Unternehmen hat nicht nur ein Produkt auf dem Markt, sondern auch schon einen Nachfolger in der Pipeline, das in der Anwendung für den Patienten angenehmer sein soll. Die Masse der Biotechunternehmen ist weit davon entfernt, überhaupt ein fertiges Produkt zu haben. Rund 13 Jahre dauert der Entwicklungsprozess eines Medikaments von der Idee bis zur Zulassung, kalkuliert der Pharmaverband VDA. Die Kosten belaufen sich auf durchschnittlich 800 Millionen Dollar. Nicht nur kleine Unternehmen sind daher ständig auf der Suche nach Investoren.

„Durch die Finanzkrise haben selbst Biotechunternehmen mit attraktiver Produktpipeline Probleme, Investoren zu finden. Sollte sich die Situation nicht bald entspannen, wird ein beträchtlicher Teil der Biotechs nicht überleben“, glaubt Roland Maier von der Beteiligungsgesellschaft BB Biotech. Die Schweizer sind mit einem Investitionsvolumen von umgerechnet mehr als 900 Millionen Euro einer der größten Investoren der Branche. Von weltweit 2000 Biotechfirmen dürften nur ungefähr 100 ein lohnendes Investment sein, kalkuliert Maier.

Wie extrem Chancen und Risiken der Branche sind, lässt sich auch an den Aktienkursen ablesen: Im amerikanischen Biotechindex haben Topperformer wie Amgen, Myrad und Nektar über die vergangenen zwölf Monate zweistellig an Wert gewonnen. Dem stehen Kursverluste von mehr als 60 Prozent unter anderem bei Amylin entgegen. Aber jede Krise hat ihre Profiteure. Die großen Pharmakonzerne, die zwar Milliarden in Forschung und Entwicklung investieren, aber bemerkenswert wenig Ergebnisse erzielen, nutzen Biotechs als Jungbrunnen. Rund 65 Milliarden Dollar wurden in diesem Jahr bislang für Firmenkäufe in der Biotechbranche ausgegeben. Das entspricht dem Dreifachen des Betrags aus dem Jahr 2006. Dickster Brocken ist die 47 Milliarden Dollar teure Übernahme von Genentech durch Roche.

Der Druck auf die großen Pillenhersteller ist enorm: Von 2007 bis 2012 dürften Pharmakonzerne laut Analystenschätzung weltweit durch auslaufende Patente 76 Milliarden Dollar an Umsatz an die Hersteller billiger Nachahmerprodukte verlieren – eine Lücke, die Biotechunternehmen mit neuen Produkten schließen könnten. Entweder aus eigener Kraft oder unter Regie eines neuen Besitzers.

„Alle Pharmafirmen, die heute an der Spitze stehen, haben in den letzten Jahren sehr intelligent Biotechfirmen akquiriert“, resümiert Branchenkenner Maier. „Das wird auch in Zukunft so sein: Wer clever zukauft, wird sich im Pharmabereich durchsetzen.“ Auch Amylin wird immer wieder als Übernahmekandidat gehandelt. Bis zu sieben mögliche Interessenten wollen Analysten ausgemacht haben. Allerdings gilt die enge Bindung an Eli Lilly als Hindernis. Bliebe die Alternative, dass Icahn und seine Verbündeten renditesteigernde Veränderungen im Unternehmen durchsetzen und so den Aktienkurs nach einem Minus von 60 Prozent in den vergangenen zwölf Monaten hebeln. Der Amylin-Vorstand hat bereits angekündigt, die Vertriebskosten um 35 Prozent zu drücken. Damit allerdings wird sich der Krawallmacher nicht zufriedengeben.



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