19.09.2004 - Ausgabe 38/04
Forschung wirkt. Gerade innovationsstarke kleinere Firmen bringen kräftig Geld. Doch die künftigen Überflieger sind nur schwer zu entdecken. Neue Bilanzregeln erleichtern die Suche
Georg Pröbstl/P. Schweizer
Hätte Koni Schaffroth seine kleine Flugzeugbauer-Werkstatt in Bern vor fünf Jahren doch nur Fliegender Thunfisch dotcom genannt. 50 Millionen Mark hätte der Börsengang ihm damals wohl gebracht.
Sein fliegender Smartfish sei billiger in der Herstellung, im Unterhalt und beim Transport von Fracht, als es herkömmliche Flugzeuge sind, sagt Schaff-roth. Er hat auch ein Gutachten der Technischen Hochschule Lausanne, das seine Angaben bestätigt. Ein Patent besitzt er auch.
Doch nach dem Desaster am Neuen Markt gelten Erfinder wie der Schweizer Ingenieur als zu großes Risiko. Kurs/Umsatz-Verhältnisse von über 100 waren vor Jahren nichts Außergewöhnliches: Anlegern schmolzen die Herzen bei Zauberworten wie Dotcom oder Hightech. Die New Economy war erfunden. Innovation und Wachstum pur waren das alles beherrschende Thema.
Wie sich herausstellte, war nicht nur die Ökonomie neu erfunden worden. Bei einigen Unternehmen des Neuen Marktes, wie etwa Comroad, waren auch die Umsätze und Gewinnprognosen eine Erfindung der Vorstände.
Besonders junge Unternehmen haben es seitdem schwer. Kapital, um kostspielige Forschung und Entwicklung (FuE) zu finanzieren, ist rar. Wer forscht, produziert nach geltendem Bilanzrecht erst einmal nur Kosten. Eigene Patente dürfen nicht als Vermögenswert in der Bilanz erscheinen. Anderes Vermögen haben junge Unternehmen aber oftmals nicht. Die Bilanzkennzahlen sehen entsprechend düster aus.
Das wird jetzt anders: Auch selbsterstellte Patente sind künftig nach bestimmten Bewertungsverfahren bilanzierungsfähig (siehe Kasten). Damit haben auch kleinere Unternehmen die Möglichkeit ihr eigentliches Potential besser darzustellen.
Wie groß dieses Potential ist, zeigt eine aktuelle EURO-Untersuchung. Kleine und mittlere Unternehmen, die über Jahre einen überproportionalen Anteil ihres Umsatzes in Forschung und Entwicklung stecken, haben in den vergangenen 20 Monaten exzellente Kurssteigerungen erzielt (siehe Tabelle).
Innovationsexperte Jan Hofmann von der Research-Abteilung der Deutschen Bank überrascht dieses Ergebnis nicht. "Mittlere und kleine Unternehmen sind naturgemäß in Nischen besonders stark. Mit geschütztem geistigem Eigentum können die Unternehmen dort Monopolgewinne realisieren."
Aber es dauert, bis der Erfolg sichtbar wird. Unternehmen wie Rational, Pfeiffer Vacuum oder Beru haben sich über Jahre einen Know-how-Vorsprung und eine beherrschende Stellung auf ihren Märkten aufgebaut. Sie haben bewiesen, daß sie immer wieder Innovation abliefern. Doch wie können Anleger die kleinen Monopolisten von morgen entdecken, und welche Möglichkeiten haben Investoren, die Qualität der Forschung und Entwicklung bei den Etablierten besser abzuschätzen?
"In Zukunft wird dies möglich durch einen Blick auf das Patentportfolio in den Bilanzen", sagt Dirk Loop, Sprecher der IPB Bewertungs AG in Hamburg. Das Unternehmen hat gemeinsam mit der führenden Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG eine neue Methode zur Bewertung von Patenten als Vermögenswert entwickelt. Loop: "Unser Verfahren kommt ausschließlich mit öffentlich zugänglichen Informationen aus und kann sehr schnell und mit geringem Aufwand betrieben werden. Unsere Ingenieure und Statistiker ermitteln einen Marktwert, der als Ansatz in die Bilanz übernommen werden kann und so den Unternehmenswert insgesamt steigert.
Experten schätzen, daß sich die Bilanzwerte patentstarker kleiner und mittlerer Unternehmen so um einen zweistelligen Prozentsatz steigern lassen. Jan Hofmann spricht bei der Bewertung des geistigen Eigentums von einem "ungehobenen Schatz" am Standort Deutschland.
Allerdings nicht jeder der kleinen Monopolisten hat es nötig, den Schatz zu heben. Manfred Bender, Finanzvorstand bei Pfeiffer Vacuum gegenüber EURO: "Wir haben eine hervorragende Eigenkapitalbasis und finanzieren unsere Innovationen allein aus Eigenmitteln. Wir sehen derzeit keinen Anlaß, unsere Forschungsergebnisse als Vermögenswerte in die Bilanz zu nehmen, bevor sie sich im Umsatz unserer Produkte tatsächlich als Erfolg niederschlagen."
Bewertungsfachmann Loop hält dagegen: "Natürlich sind starke Erträge und gutes Wachstum aktuell genug gute Argumente. Aber ich gehe davon aus, daß es in Zukunft einfach Standard wird, sein Patentarsenal in der Bilanz abzubilden." So sei in der Pharma-Industrie die Berichterstattung über Patente und Patententwicklungen sogar zu einem dominierenden Faktor der Kursbildung geworden. Das bestätigt aktuell das Beispiel Pulsion. Das Münchner Pharma-Unternehmen erhielt am Freitag die Marktfreigabe der britischen Behörden für sein Medikament ICG-Pulsion. Die Entscheidung begann sich vor vier Wochen abzuzeichnen. Seitdem ist die Aktie um rund 30 Prozent gestiegen.
Tatsächlich ist Schering Spitzenreiter bei den Forschungs- und Entwicklungsausgaben im DAX. Der Pharmakonzern blättert 19,1 Prozent seiner Umsätze für FuE auf den Tisch. Dieser in der kapitalintensiven Branche nicht unübliche Aufwand resultiert aus dem Zwang, immer wieder neue Blockbuster ins Portfolio zu bekommen.
Tatsächlich hängt die Höhe der Ausgaben für Forschung und Entwicklung stark von der Branche ab. Im DAX geben die Versorger E.ON oder RWE für den Bereich FuE weniger als ein Prozent vom Umsatz aus. Um so härter ist der Innovationswettbewerb in der Autoindustrie. Volkswagen etwa gab in der Automobilsparte 4,5 Prozent seines Umsatzes für seine Forschung aus. Beim Konkurrenten BMW kosteten die Forscher 5,5 Prozent des Fahrzeugumsatzes. Die höheren Ausgaben machen sich in der Zahl der angemeldeten Patente bemerkbar. Während Volkswagen im vergangenen Jahr 684 Patente anmeldete, brachte es der weißblaue Konzern auf 736. Auch die Aktienkurse liefen bei den Bayern besser. Die BMW-Stämme stiegen seit Anfang 2003 um rund 20 Prozent. Bei Volkswagen fiel der Kurs im selben Zeitraum um fast zehn Prozent.
Neben der Pharma-Industrie bietet die Softwarebranche den lukrativsten Innovationshebel. Bei den DAX-Werten ragt SAP heraus. Während der Konzern im vergangenen Jahr in allen anderen Bereichen die Kosten gesenkt hat, gingen die Forschungsausgaben weiter nach oben. Sie stiegen um 9,5 Prozent auf rund eine Milliarde Euro. Insgesamt gab SAP vergangenes Jahr 14,2 Prozent vom Umsatz für Neuentwicklungen aus. Der Umsatz im ersten Halbjahr stieg um neun Prozent auf 1,8 Milliarden Euro.
Die Technologieführerschaft zahlt sich für die SAP-Aktionäre aus. Während die Aktie des US-Konkurrenten Oracle seit Anfang 2003 bei plus minus null dümpelt, kletterten die Papiere von SAP rund 70 Prozent nach oben.
Das meiste Gold finden gerade kleine Firmen in Marktnischen. Hier zahlt sich die Erarbeitung und Patentierung von technologischen Vorsprüngen besonders aus. Als Vorzeigeunternehmen der innovationsgesteuerten Mittelständler gilt Rational aus Landsberg am Lech. Das Unternehmen hat in der Gartechnik für Großküchen geradezu einen eigenen Markt erfunden. 170 Patente und 49 Prozent Weltmarktanteil, bei wachsender Tendenz, sprechen eine eindeutige Sprache. Vorstands-Chef Günter Blaschke verweist aber immer wieder darauf, daß zur Innovation die optimale Vermarktung gehört.
Oft brauchen Firmen aber bei ihren Forschungsbudgets einen langen Atem. Beispiel Jetter AG. 2003 lagen die FuE-Ausgaben des Unternehmens bei 23,7 Prozent des Umsatzes. Zwar gab es seit dem Börsengang 1999 nur rote Zahlen, doch im ersten Quartal 2004 stieg der Umsatz um 26 Prozent auf 3,8 Millionen Euro. Die Eigenkapitalquote von 62 Prozent ist solide, und die neuen Bilanzierungsmöglichkeiten können helfen, weiteres Wachstum zu finanzieren.
Flugzeugrevolutionär Koni Schaff-roth sollte vielleicht mehr über Patente nachdenken. Schließlich braucht er fünf Millionen Euro für den Bau eines Prototypen des Smartfish.
Patente Geistiges Eigentum als Bilanzwert
Seit kurzem steht fest: Nach Maßgabe der EU müssen kapitalmarktorientierte Unternehmen ab 01.01.2005 Konzernabschlüsse nach IFRS (International Financial Reporting Standards) aufstellen. Wesentlicher Unterschied zum HGB: Selbsterstellte Patente sind künftig als Vermögenswert bilanzierungsfähig. Bisher erscheinen Forschungskosten nur als Aufwand in der Gewinn- und Verlustrechnung und wirken sich negativ auf das Betriebsergebnis aus. Dies führt zu einer Verschlechterung der Unternehmenskennzahlen, zu schlechterem Rating und teurer Finanzierung. Verschiedene Studien kommen zu dem Ergebnis, daß heute etwa 80 Prozent des Wertes eines Unternehmens aus immateriellen Vermögenswerten besteht. Große Unternehmen gehen deshalb oftmals einen Umweg: Sie veräußern oder übertragen ihre Patente an ein Tochterunternehmen und kaufen beziehungsweise lizenzieren sie zurück.
Für eine Patentbewertung nach IFRS existieren verschiedene international übliche Verfahren. Der jeweils angemessene Ansatz muß von einem Wirtschaftsprüfer testiert werden.
Sieben Jahre Vorsprung
Rational Chef Günter Blaschke erläutert im EURO-Interview, warum das Kochen immer neu erfunden werden muß.
EURO: Rational ist Weltmarktführer und wächst jährlich zweistellig. Wie verteidigen Sie Ihren Vorsprung?
Blaschke: Gar nicht. Wir sind weltweit mit wachsendem Abstand Technologieführer. Wir blicken nur nach vorne und schauen nicht, was die Konkurrenz macht. Umsatzwachstum und Ergebnis sind für uns kein Ziel, sondern Folge unserer Innovationskraft.
EURO: Was ist dann das Ziel?
Blaschke: Unser oberstes Unternehmensziel ist es, unseren Kunden stets höchstmöglichen Nutzen zu bieten. Wir verstehen uns in erster Linie als Problemlöser und nicht als Maschinenbauer. Unsere Kernkompetenz ist die Übertragung von Wärmeenergie auf Lebensmittel aller Art. Diese Kernkompetenz ist die Quelle für echte technologische Quantensprünge, aber auch für die kontinuierliche Verbesserung. Unsere zweite Kernkompetenz ist unser weltweites Vertriebs- und Marketing-Know-how, denn das beste Produkt nützt nichts, wenn es der Kunde nicht kennt.
EURO: Wie groß ist Ihr Vorsprung vor der Konkurrenz?
Blaschke: Etwa sieben Jahre.
EURO: Sie wenden bis zu acht Prozent vom Umsatz für Forschung und Enwicklung auf. Geht es auch billiger?
Blaschke: Nein. Der Aufwand ist unumgänglich. Wir beschäftigen in der Entwicklung hochqualifiziertes Personal - vom Physiker über Ökotrophologen bis zum Koch und Ingenieur. Diese Strategie ist bewährt. Wir bleiben auch am Hochlohnstandort Deutschland. Wir finden hier die besten Mitarbeiter, und Mitarbeiterqualität bestimmt letztlich die Unternehmensqualität.
EURO: Verstehen Privatanleger Ihre Strategie?
Blaschke: Man muß Investoren immer wieder klarmachen, daß Innovation, verbunden mit dem Streben nach höchstem Kundennutzen, der einzige Weg ist, die jetzige Position zu behaupten und darüber hinaus Wachstum zu erzielen.