30.12.2001 | Euro am Sonntag Archivbericht | Ausgabe 52/01

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Auferstanden aus Konkursen

HISTORISCHE AKTIEN. An Pleite-Aktien verdienen
Kris Harms

Pennystocks – die sind ja nichts mehr wert. Wer so über Aktien denkt, deren Kurs im Cent-Bereich liegt, der hat keine Ahnung. Zumindest nicht von Nonvaleurs. Wie man mit wertlosen Wertpapieren Geld machen kann. Mit Altpapier Geld verdienen – wer will das nicht? Und wer es richtig macht, muss dafür auch nicht mit dem Lkw von Haustür zu Haustür ziehen und Stapel alter Zeitungen einsammeln. Nein, er setzt sich vor den Computer und surft. Etwa zur größten internationalen Sammlerbörse für historische Wertpapiere im Web: scripophily.com. Auf dieser Internet-Seite des Amerikaners Bob Kerstein wechseln nicht nur alte Eisenbahnaktien aus dem 19. Jahrhundert den Besitzer, sondern auch Papiere von Internet-Firmen, die nach rasantem Höhenflug im Börsen-Orbit verglüht sind und deren Trümmer als Pennystocks aufs Parkett regneten. Doch während sie an der Börse zuletzt für ein paar Cent gehandelt wurden, kosten sie bei Kerstein noch immer um die 100 Dollar und mehr. Eine Seite für Verrückte, die von Börse keine Ahnung haben? Nein, Kerstein handelt mit effektiven Stücken, also Anteilscheinen aus Papier. Aktien zum Anfassen. Bis vor einigen Jahren war diese Aktienform gang und gäbe, heute geben nur noch die wenigsten Unternehmen effektive Stücke heraus. Zu teuer, zu umständlich, zu ineffektiv, so die Argumente, die gegen die herkömmliche Form der Aktien ins Feld geführt werden. Gut für Sammler von historischen Wertpapieren, denn die Nonvaleurs, wie Fachleute heute ungültige Wertpapiere nennen, haben zum Teil Wertsteigerungen, von denen mancher normale Börsianer nur träumen kann. So sind die Aktien einiger Unternehmen nach dem Firmenkonkurs teurer als je vorher. Etwa der Lebensmittelhändler Webvan.com. Der meldete am 10. Juli dieses Jahres Konkurs an. Doch nach Pleite sieht der Kurs bei Scripophily nicht aus: Für effektive Stücke müssen Sammler immer noch 99,95 Dollar zahlen. Nächstes Beispiel: buy.com. Die Aktie des kräftig trudelnden Internet-Supermarktes notiert an der Nasdaq nur noch bei 17 US-Cent. Auf Kersteins Website wird sie als effektives Stück zu 89,95 Dollar angeboten. Ornamente und Randverzierungen wiegen bei Sammlern mehr als Charts und Analysen. Wie kam Scripophily-Gründer Bob Kerstein auf die Idee, alte Aktien, Banknoten, Postkarten und Spielgeld online zu verkaufen? „Ganz einfach: Bei einer Veranstaltung über den amerikanischen Bürgerkrieg kaufte ich vor Jahren alte Staatsanleihen“, erzählt er. „Ich dachte noch: Die wirst Du nie wieder los. Dann kamen die Dotcoms und ich lernte, dass ein Papier als Sammelobjekt umso begehrter werden kann, je wertloser die Aktie an der Börse ist.“ Inzwischen besitzt der Antiquitätenliebhaber Tausende alter Aktien, Anleihen und andere Finanzdokumente. Einige behält er für sich persönlich, die meisten verkauft er über seine Website. „Scripophily handelt mit Aktien von 3000 Unternehmen“, verkündet er stolz. Und: „Die sind jetzt alle mehr wert als zum Zeitpunkt des Kaufs.“ Ganz so risikolos sieht Reinhild Tschöpe aus Kaarst bei Düsseldorf das Geschäft mit den Nonvaleurs nicht: „Es gibt nur wenige Papiere, die wirklich Renditebringer sind“, sagt die Frau, die in ihrem Auktionshaus seit mehr als 20 Jahren alte Wertpapiere unter den Hammer bringt. Auf welche würde sie unter Rendite-Gesichtspunkten setzen? „Etwa auf internationale Unternehmen, wie Standard Oil. Mit Originalsignatur des Gründers John D. Rockefeller ist die Aktie heute 120000 Dollar wert“ – und damit die teuerste historische Aktie der Welt. Oder auf große Firmen mit Originalunterschriften von Industriemagnaten und aufwendigen Motiven. „Sind die Urkunden gut erhalten, besteht die Chance auf Wertsteigerung“, weiß Tschöpe. „Hier zu Lande ist die Aktie des Ilmenauer Bergwerks mit Signatur des Geheimrates Johann Wolfgang von Goethe begehrt und teuer.“ Preis: bis zu 45000 Euro. Doch auch effektive Stücke von börsennotierten Firmen haben ihren Reiz. Vor allem optisch ansprechende Aktien werden außerbörslich teuer gehandelt. Neben dem absoluten Renner, der Beate-Uhse-Aktie, auf der sich eine Nackte räkelt, stehen auch Achterbahn, Planet Hollywood, Disney und Penske Motorsport hoch im Kurs. Beispiel Achterbahn: Nicht nur unter Comic-Freaks ist diese Aktie inzwischen begehrt. Wirklich teuer sind die seltenen Achterbahn-Papiere, die jeweils 20 Aktien repräsentieren. Von diesen 20-Stück-Zertifikaten im Nennwert von 100 Mark sind nur 31 mit vollständigem Dividendenbogen im Umlauf – ein Papier mit Seltenheitswert. Besitzer dieser raren Stücke werden sich hüten, die Dividenden-Kupons einzulösen. Denn der Wert könnte langfristig ins Unermessliche steigen. Bei Emittenten schön gestalteter Anleihen, so genannter Schmuckanleihen, spielt manchmal sogar der Spareffekt eine Rolle. So gab die Stadt München 1994 eine Anleihe heraus, die Anleger in Stückelungen zu 100 oder 1000 Mark erwerben konnten. Der Clou: Das Papier mit Ansichten der bayerischen Landeshauptstadt wird bei Endfälligkeit 2004 eingezogen. „Hintergedanke war wohl, dass gerade bei den 100-Mark-Stücken nicht alle Anleger ihre Papiere einlösen“, vermutet man bei der Münchner Stadtsparkasse. Das ist derzeit zwar noch Spekulation, doch solche historische Wertpapiere steigen bisweilen schneller im Wert als ihre börsennotierten Gegenstücke. So geschehen mit der Playboy-Aktie Mitte der 90er-Jahre. Damals änderte Playboy Enterprises das Design der Aktie, weil das Unternehmen nach US-Recht jedem Aktionär, der effektive Stücke zu Hause verwahrt, die Unterlagen für die Hauptversammlung zuschicken muss. Bei Millionen von Sammlern, die nur eine Aktie besaßen, ein riesiger Aufwand. Kurzerhand entschloss sich die Firmenleitung, das Bild auf der Aktie auszutauschen. Statt des leicht bekleideten Ex-Playmates Willy Rey, damals die Geliebte von Firmengründer Hugh Hefner, ist jetzt nur noch eine zugeknöpfte Frau vor markanten Bauwerken zu sehen – nichts übermäßig Erotisches mehr fürs Männerauge. Folge: Für die nicht mehr gültige alte Aktie werden heute bis zu 200 Euro bezahlt. Die neue kostet an der Börse um die 16,50 Euro. Zurück zu den Dotcoms: Auch beim Sammlergeschäft mit den Aktien verglühter Internet-Stars markiert der 11. September einen Wendepunkt: „Vor den Anschlägen auf das World Trade Center steigerten wir den Umsatz gegenüber dem Vorjahr um 45 Prozent“, sagt Kerstein. „Doch seither ist nichts mehr, wie es war. In den vergangenen Wochen ist der Umsatz um 20 Prozent zurückgegangen.“ Die Sammler beginnen, sich von der New Economy ab und der Old Economy zuzuwenden: Bislang zählten Titel wie Webvan.com und DrKoop.com zu den begehrtesten Papieren. „Doch jetzt investieren die Leute lieber in alte Bahnaktien statt in Dotcoms“, so Kerstein. Verkaufsschlager ist derzeit eine Unternehmensanleihe von Merrill Lynch: „Auf ihr ist die Skyline Manhattans abgebildet – mit den Twin-Towers des World Trade Centers.“ Weitere Umsatzbringer bei Kerstein: Buckeye Steel – mit Signatur von Samuel P. Bush, dem Urgroßvater von US-Präsident George W. Bush – und Atari. Die Hälfte von Kersteins Kunden kommen aus der Finanzbranche. Weitere 20 Prozent sind Innenarchitekten, die historische Urkunden als Accessoires schätzen. Und der Rest? Sammler und Anleger, die auf Wertsteigerungen hoffen. Doch Achtung: Wer 100 oder mehr gültige effektive Stücke losschlagen will, betreibt laut Gesetz gewerblichen Wertpapierhandel und braucht eine Zulassung als Finanzdienstleister. Privatanleger sollten daher die Finger vom außerbörslichen Handel mit effektiven Stücken lassen. Denn das Berliner Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen belegt Verstöße gegen das Maklergesetz mit Geldbußen. Wer sich auf effektive Stücke spezialisieren will, sollte in den sauren Apfel beißen und die Papiere – trotz hoher Zusatzkosten von bis zu 75 Euro je Posten – über seine Depotbank beziehen. Wer dagegen mit historischen Aktien Geld machen will, kann die Nonvaleurs übers Internet handeln (siehe Kasten Seite 62). Doch selbst Kerstein warnt vor zu viel Optimismus: „Dieses Geschäft als pures Investment zu betrachten, war schon immer gefährlich. Wer hier kauft, sollte die Papiere einfach schön finden und ihren historischen Wert schätzen.“ Bob Kerstein war als Finanzexperte für AT&T Wireless, American Mobile Satellite Corporation, Falcon Cable TV und Warner Brothers tätig, bevor er im Jahre 1996 den Online-Shop scripophily.com gründete. Via Internet verkauft der 49-Jährige seither alte Wertpapiere und historische Banknoten. Kerstein ist unter anderem Mitglied des US- Instituts für Wirtschaftsprüfer und des Internationalen Aktien- und Anleihen-Verbandes INTERNET-ADRESSEN: www.american-dream-company.de – Spezialist für US-Wertpapiere (effektive Stücke und Nonvaleurs) www.ebay.com – Online-Auktionator, bietet auch historische und effektive Stücke an www.historische-wertpapiere.com – Online-Shop mit mehr als 1400 verschiedenen alten Wertpapieren und Münzen www.historische-wertpapiere.de – hanseatisches Sammlerkontor für historische Wertpapiere www.hwpsammler.de – Forum für Freunde historischer Wertpapiere www.kron.de – Privater Anbieter mit Aktie des Monats www.nonvaleurs-germany.de – Eingeführtes deutsches Auktionshaus für historische Wertpapiere www.sammler.com/aktien – Fragen und Antworten zu historischen Aktien www.sietz.de – privater Anbieter www.tschoepe.de – eingeführtes deutsches Auktionshaus für historische Wertpapiere BÜCHER ZUM THEMA »Jakob Schmitz: „Historische Wertpapiere“; ideal für Einsteiger »Jakob Schmitz: „Aufbruch auf Aktien“ »Professor Udo Hielscher: „The emergency of the railway in Britain“ »Professor Udo Hielscher: „Finanzierung des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges und die Ursprünge von Wall Street“; das Buch dokumentiert anhand von Aktien den Aufstieg der USA zur Weltwirtschaftsmacht

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