€uro am Sonntag Essay

Essay: Die Anleger in der Krise
25.10.2008 10:00:00

Die einfache Aussage „die Anleger sind in der Krise“ gilt derzeit in doppelter Hinsicht: Sie stecken mittendrin in der Finanzmarktkrise – und sie sind verunsichert, wie sie nun welche Entscheidungen treffen sollen. Gastautor Conrad Mattern erklärt, wie die Sentimentanalyse hier helfen kann.

Das Geld, das in Aktien steckt, geht mit den sinkenden Kursen den Bach runter. Und weil immer noch nicht klar ist, welche Bank noch in Schwierigkeiten gerät, haben die Anleger auch noch Angst um ihre liquiden Mittel auf den Konten. Das ist die Finanzmarktkrise. Was viele Inves­toren aber noch stärker trifft, ist ihre persönliche Krise: Sie sind verunsichert und wissen derzeit gar nicht, was sie tun sollen, um die richtige Entscheidung zu treffen.

Wer mitten in der Krise steht und sieht, wie Investments in sich zusammenbrechen, wird nun einmal schnell verunsichert. Aussitzen oder doch noch die Reißleine ziehen? Lieber spät als nie, denkt sich da mancher Anleger.

Hektisches Verhalten mitten in einer Krise bietet aber die besten Voraussetzungen für die typischen Anlegerfehler. Diese werden von der Behavioral Finance beschrieben. Zurzeit zeigt dieser Wissenschaftsbereich einmal mehr, dass seine Erkenntnisse nicht nur theoretische Bedeutung haben, sondern dass die Psychologie das Verhalten der Anleger stärker beeinflusst, als denen lieb und recht ist.

Kombination aus Herdentrieb und Angst vor Entscheidungen

Das zeigt sich schon daran, dass sie die Krise lange Zeit mehr oder weniger stark ignoriert und dem Kursverfall zugeschaut haben. Die Umsätze der Börsen auf dem Weg nach unten waren eher gering, dafür hatten die ehemaligen Highflyer wie Russ­land, China oder Rohstofffonds auf dem Weg nach oben zuletzt starke Mittelzuflüsse zu verzeichnen gehabt. Das ist eine Kombination aus dem Herdentrieb und der sogenannten Regret-Aversion.

Zunächst sind immer mehr Anleger in die scheinbar lukrativen Investments eingestiegen, in der Vergangenheit waren ja auch schöne Gewinne in diesen Märkten möglich. Das haben immer mehr Anleger so gesehen und sind auf den schon lange fahrenden Zug aufgesprungen. Als die Kurse schon wieder leicht unter ihren Hochs notierten, war das für sie kein Warnsignal, sondern schien wie die letzte Gelegenheit, noch einmal zu attraktiven Kursen nachzukaufen.

Bedauerlicherweise wurden die Kurse immer attraktiver. Bis zu einem Minus von 20 Prozent konnte man sich das noch mit der Begründung schönreden, dass solche Korrekturen dazugehören. Als es weiter nach unten ging, wandelte sich die Zuversicht jedoch immer stärker in Erstaunen und schließlich in Entsetzen. Aussteigen aber, das konnten die wenigsten. Das verhinderte die Regret-Aversion. Darunter versteht man die Angst der Investoren vor einer falschen Entschei­dung. Darum schieben sie eine neue Entscheidung lieber auf in der Meinung, ­diese sei damit vertagt. Keine Entscheidung zu treffen, ist aber auch eine Entscheidung – die auf Dauer sehr teuer sein kann.

Schon beim Aktienkauf den maximalen Verlust definieren

Also zögerten sie, die zuvor getroffene Entscheidung rückgängig zu machen. Einmal beim Zeitpunkt des Einstiegs falsch zu liegen, ist ärgerlich, aber noch zu verkraften. Da kann man sich mit der Hoffnung trösten, dass die Kurse wieder steigen werden. Steigt man aber mit Verlust aus, ist dieser zementiert und nicht mehr durch nachfolgende Kursveränderungen zu revidieren. Also bleiben die Investoren auf ihren Positionen erst mal sitzen. Bei den dann zu beobachtenden weiteren Kursverlusten wurde der so erlittene Schmerz immer größer und die Hoffnung auf eine baldige Kurserholung immer geringer. Somit bleiben viele Anleger meist so lange auf ihren Investments sitzen, bis sie den Schmerz nicht mehr glauben aushalten zu können. Der Verkauf ist dann eine rein emotionale Betrachtung.






Kommentare zu diesem Artikel

Geben Sie jetzt einen Kommentar zu diesem Artikel ab.

Finanzen Nacht 2010

ANZEIGE

Aktuelles Heft 12 / 10

22,4 Milliarden für Anleger

Trotz Wirtschaftskrise schütten die großen DAX-Konzerne auch in diesem Jahr hohe Dividenden an ihre Aktionäre aus. Wo die Renditen am attraktivsten sind

Lesen Sie in €uro am Sonntag ab 20. März am Kiosk!



Frage der Woche

Der Ölpreis hat zuletzt wieder zugelegt. Erwarten Sie eine weitere Preissteigerung im Zuge des Wirtschaftsaufschwungs?
Ja. Experten sehen einen Nachfrageüberhang, der zu steigenden Preisen führen wird.
Nein. Die Lagerbestände sind hoch, sodass es zu keinem deutlichen Anstieg kommen wird.

Archivsuche

Suchbegriff(e)Ausgabe
Headline Person
WKN Volltext
Zeitlich begrenzen:
von bis




Wie bewerten Sie diese Seite?   sehr gut       schlecht
Problem mit dieser Seite?