€uro am Sonntag Essay

Essay: Nach der Baisse
26.10.2008 10:05:00

Vieles erinnert an die Nachwehen der New-Economy-Blase zu Beginn des Jahres 2003. Aktien wurden zu Schleuderpreisen auf den Markt geworfen – um dann in festen Händen eine fulminante Rally zu vollführen. Gastautor Alexander Adrian über Lehren aus vergangenen Bärenmärkten.

Die Furcht von damals ist wieder neu entfacht und spiegelt sich momentan in diversen Sentimentindikatoren wider. Diese Art von Indikatoren untersucht die Stimmung der Investoren. In der Regel gilt: Je größer das Lager der Bären, desto labiler das Nervenkostüm der Anleger und die Chance auf eine große Trendwende hin zum Besseren. Viele Institute, die sich auf diesem Gebiet spezialisiert haben, ermittelten in den vergangenen Wochen Extremwerte, die selbst in zurückliegenden Krisen kaum erreicht wurden.

Wie groß die Unsicherheit derzeit ist, zeigt auch ein Blick auf den Volatilitätsindex VIX: Dieses Inst­rument misst die erwartete Schwankungsbreite des S & P 500 innerhalb der nächsten 30 Tage. Ein hoher Wert dieser Kennzahl geht normalerweise mit einem Anstieg der Verunsicherung einher, weswegen der Volatilitätsindikator oftmals auch als „Angstindikator“ bezeichnet wird. Am 17. Oktober stieg dieses Barometer auf unglaubliche 70,33 Prozent! Damit erscheinen die Tops während der Internetkrise als kleine europäische Bergformation, die lediglich halb so hoch ausfielen wie die atemberaubenden Mount-Everest-Ausschläge der laufenden Finanzkrise.

Antizyklisch handeln ist nichts für schwache Nerven

In der Vergangenheit hat das Erreichen beziehungsweise Überschreiten von Extremzonen bei oben angesprochenen Indikatoren oftmals den Wendepunkt einer Aufwärts- oder Abwärtsbewegung angezeigt, weswegen diesen Instrumenten zunehmend Beachtung geschenkt wird. Spezialist auf dem Gebiet des antizyklischen Handelns ist ein 78-jähriger Mann aus Omaha: Warren Buffett. Obwohl dieser die aktuelle Krise als „finanzielles Pearl Harbor“ bezeichnete, kaufte der Vorstandsvorsitzende von Berkshire Hathaway in den vergangenen Wochen kräftig zu. Kein Wunder, denn sein Motto lautet: „Sei gierig, wenn andere sich fürchten, und fürchte dich, wenn andere gierig werden.“ Während die meisten Investoren gravierende Korrekturphasen zum Anlass für einen Ausstieg nehmen, agieren antizyklische Anleger gegen den allgemeinen Herdentrieb und greifen beherzt zu. Keine schlechte Strategie, wie unsere Dow-Retro­spektive zeigt.

Wenn ein Index mehr als 20 Prozent zu seinem vorhergehenden Allzeithoch verliert, spricht man laut Definition von einem Bärenmarkt. Was geschieht, wenn ein An­leger am Tag, nachdem auf Schlusskursbasis die erwähnte Prozenthürde durchbrochen wurde, in den Markt einsteigt? Wir haben dies anhand der letzten großen Krisen der vergangenen 50 Jahre untersucht. Unsere Ergebnisse (Schoellerbank Analysebrief Oktober 2008) zeigen, dass Panik an der Börse selten ein guter Ratgeber war und beherzte Anleger mit Durchhaltevermögen in der Folgezeit überdurchschnittliche Renditen erzielten.

Doch auch diese Strategie ist nichts für schwache Nerven. Denn wie die Statistik belegt, mussten die „Antizykliker“ teilweise noch kräftige Verluste hinnehmen, ehe sich das Blatt für sie zum Besseren wendete. Um es mit den Worten von André Kostolany auf den Punkt zu bringen: „Börsengewinne sind wie Schmerzensgeld: Erst kommen die Schmerzen, dann das Geld.“

Baisse zum Kauf von Qualitätstiteln nutzen

In der aktuellen Krise vertrauen die Notenbanker und Politiker aber nicht nur auf die viel beschworenen Selbstheilungskräfte der Märkte, sondern leisten rund um den Globus konzertierte Hilfsarbeit: Leitzinssenkungen, Rettungspakete, Verstaatlichungen und Staatsgarantien werden den taumelnden Märkten entgegengesetzt. Wie lang sich die Finanzkrise noch hinziehen wird, kann niemand mit Gewissheit voraussagen. Doch dass sie irgendwann zu Ende gehen wird, bleibt außer Frage. Um für den nächsten Aufschwung gewappnet zu sein, sollte die aktuelle Marktphase eher zum Kauf als zum Verkauf von Qualitätstiteln genutzt werden, um nicht als Letzter aufzuspringen, wenn der Zug bereits wieder abgefahren ist. Bedenken Sie: „Nach der Baisse ist vor der Hausse.“

Alexander Adrian, Asset Manager Schoellerbank

Die 1833 gegründete Schoel­lerbank ist eine traditionsreiche österreichische Privatbank mit einer flächendeckenden Präsenz in Österreich. Die Vermögensanlagespezialisten der Bank betreuen 27.000 private und institutionelle Anleger in ganz Österreich.

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Kommentare zu diesem Artikel

Glückstaler schrieb:
17.11.2008 19:04:59

Schön das man hier jetzt auch kommentieren kann!

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