€uro am Sonntag News

Börsenlust - Börsenfrust
21.11.2008 16:30:00

bild

Das Geld rieselt derzeit zwischen den Fingern hindurch. Man hält, bildlich gesprochen, sein Depot in den Händen, doch es schrumpft jeden Tag. Hier flutscht ein Aktienbestand davon, dort löst sich ein Zertifikate im Nichts auf. Aus 100.000 werden 50.000, und aus 50.000 werden 25.000.

Am Anfang lächelt man noch über den Schwund. Dann starrt man mit Erstaunen auf sein Depot, schließlich mit Grauen. Am Ende sieht man gar nicht mehr hin, weil man sich nicht belasten will mit der grausamen Realität, dass aus Viel innerhalb kurzer Zeit ziemlich wenig werden kann.

Doch es gibt einen Ausweg. Der Staat hilft. Frau Merkel, Herr Steinbrück, die KfW, Europa, der Internationale Währungsfonds. Die dicken Fische machen vor, wie man in diesen Zeiten an frisches Futter herankommen kann: Die drei großen Autobauer bitten um staatliche Hilfe. Opel tut es. Herr Merckle von Ratiopharm bittet um Nachsicht ob seiner privaten Fehlspekulationen. Die IKB und die Commerzbank greifen zu staatlicher Unterstützung.

Ich werde es jetzt auch versuchen. Ebenso wenig, wie dem Staat am Untergang der IKB gelegen ist, kann ihm an meinem Untergang gelegen sein. An mir hängt ebenfalls eine Menge dran: Eine Frau, zwei Kinder, eine Wohnung, ein Auto, der wöchentliche Einkauf bei Aldi und Rewe, einmal jährlich ein Flug nach Antalya, zwei Jeans pro Jahr, regelmäßig ein Kneipenbier und ein Besuch beim Griechen. Wenn ich ausfalle, knackt es in unserem Wirtschaftskosmos.

Mittlerweile gibt es Vordrucke, mit denen man die staatliche Hilfe beantragen kann. Die will ich Ihnen nicht vorenthalten:

(Name)
..................................................
(Straße)
..................................................
.............................................................
(PLZ) (Ort) Ort, Datum

Bundesfinanzminister
Peer Steinbrück
Leipziger Straße 5 –7
10117 Berlin

Antrag auf Ausschüttung meines Anteils am 500 Milliarden Euro Rettungspaket für Banken

Sehr geehrter Herr Bundesfinanzminister,
sehr geehrte Damen und Herren,

da die privaten Banken in Deutschland sich im Gegensatz zu den staatlichen Landesbanken schämen, die von ihnen selbst mitgeschnürten Rettungspakete in Anspruch zu nehmen, möchte ich als gutes Beispiel vorangehen und beantrage aus patriotischen Gründen die Auszahlung meines Anteils in Höhe von 6097,-- Euro (500.000.000.000 € : 82.000.000 Bundesbürger). Bitte senden Sie einen Scheck, besser noch eine Postanweisung in bar, da mein Vertrauen in die Integrität der Bankenvorstände doch arg gelitten hat.

Um einer Stigmatisierung vorzubeugen, beantrage ich gleichzeitig, die Anteile für Familienangehörige, Freunde und einige Arbeitskollegen bereitzustellen, auch um eine rasche Auszahlung zu gewährleisten. Das ist zwar insgesamt nicht viel, könnte aber als Startsignal eine Welle weiterer Anforderungen auslösen.

Ganz im Sinne von Clint Eastwood dem Hollywoodstar und Bürgermeister a.D.: „Eine Lawine wird durch einen Schneeball ausgelöst“.

Mit vorzüglicher Hochachtung

....................................................
Name, Titel/Beruf

Falls Sie auch diesen Vordruck ausfüllen möchten, schreiben Sie mir einfach unter Online-Redaktion

Der Börsenfrust

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