30.03.2010 14:25:53

von Sven Parplies, Euro am Sonntag
Griechen mögen das Risiko. Knapp 250 Euro gibt jeder Einwohner laut Investmentbank Morgan Stanley statistisch gesehen im Jahr für Lotterien und Sportwetten aus – nur Italiener legen in Europa mehr Geld für den Traum vom plötzlichen Reichtum an. Glücksspiel gehört zu den verlässlichen Einnahmequellen des Krisenstaats Griechenland. Dafür sorgt der Sportwetten- und Lotterieanbieter Opap. 650 Millionen Euro hat das Unternehmen laut Analystenschätzung 2009 verdient. Rund 95 Prozent davon werden als Dividende ausgeschüttet. Größter Profiteur: der griechische Staat, der zu 34 Prozent an Opap beteiligt ist. Auch für jeden anderen Dividendenjäger ist Opap reizvoll: 1,87 Euro je Aktie, erwarten Analysten, wird das Unternehmen verteilt auf zwei Termine im Juni und Dezember ausschütten. Das entspricht einer Dividendenrendite von fast zwölf Prozent – der Spitzenwert in den großen europäischen Aktienindizes.
Wer vor Investments in das von Finanznot gezeichnete Griechenland zurückschreckt, findet aber auch in Deutschland attraktive Dividendentitel. Historisch betrachtet, liegt die durchschnittliche Dividendenrendite des HDAX, also der 110 wichtigsten börsennotierten Unternehmen, mit derzeit 3,2 Prozent über dem Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre und sogar um 0,1 Prozentpunkte über der Rendite von zehnjährigen Bundesanleihen. Noch besser schneiden Aktionäre beim Euro Stoxx 50 ab, dessen Dividendenrendite bei fast vier Prozent liegt.
Von einem „starken Comeback“ der Dividenden sprechen die Strategen der ING Bank. Möglich macht das die offensive Politik der Konzerne: Die Vorstände versuchen, trotz Wirtschaftskrise ihre Aktionäre großzügig am Gewinn zu beteiligen. 22,4 Milliarden Euro werden die 110 Unternehmen des breit aufgestellten deutschen Aktienindex HDAX laut Hochrechnung der Landesbank Baden-Württemberg in diesem Jahr verteilen. Wie schon in der Rezession der Jahre 2001 bis 2003 sind die Ausschüttungen damit weniger deutlich gesunken als die Unternehmensgewinne. „Die Ausschüttungsquote im DAX steigt von 48 auf 62 Prozent“, hat die DZ Bank errechnet.
Bemerkenswert viele Unternehmen bemühen sich trotz Konjunkturkrise um Kontinuität: Nur jedes dritte DAX-Unternehmen wird die Dividende gegenüber dem Vorjahr kürzen. Im MDAX dürfte die Quote mit knapp 25 Prozent sogar etwas besser ausfallen. Im TecDAX, in dem schon in früheren Jahren nur eine Minderheit ausgeschüttet hat, werden in diesem Jahr immerhin neun der 30 Unternehmen mehr Geld auf die Konten ihrer Aktionäre überweisen oder erstmals ausschütten.
Dividenden sind ein von vielen Anlegern unterschätzter Renditetreiber. Seit Auflegung des DAX Anfang 1998 hat der deutsche Leitindex 500 Prozent an Wert hinzugewonnen. Rechnet man die jährlichen Ausschüttungen der einzelnen Aktien heraus, bleibt ein vergleichsweise kümmerliches Plus von 260 Prozent. Fast die Hälfte des langfristigen Indexgewinns sind also Dividenden. Zusätzlich versprechen Aktien mit hoher Ausschüttung in bestimmten Börsenphasen eine überdurchschnittliche Kursentwicklung: In 13 der vergangenen 14 Jahre haben sich europäische Aktien mit hoher Dividendenrendite in den Monaten März und April, also in der frühen Phase der europäischen Ausschüttungssaison, besser als der Markt entwickelt, haben die Strategen von BNP Paribas errechnet. Für dieses Phänomen gebe es zwei rationale Gründe: positive Überraschungen bei der Bekanntgabe der Dividende und gezielte Käufe von Investoren, die von einem „Dividendeneffekt“ profitieren wollen.
Auch der Konjunkturzyklus spricht gegenwärtig für Dividendenwerte. Nachdem im vergangenen Jahr meist jene Titel am deutlichsten zugelegt haben, die während der Finanzkrise am stärksten verloren, gewinnt jetzt Substanz an Bedeutung. „In einer Welt mit niedrigen Wachstumsraten dürften Dividenden einen großen Teil des Gesamtertrags beisteuern“, kalkuliert BNP Paribas. Verstärkt werden könnte der Trend im weiteren Jahresverlauf, wenn die Aufwärtsbewegung der konjunkturellen Frühindikatoren wie der Einkaufsmanagerindex oder der deutsche Ifo-Geschäftsklimaindex zu Ende gehe. Woran aber können Anleger attraktive Titel erkennen? „Eine hohe Dividende, nachhaltig und stetig steigend“, nennt Thomas Schüssler von der Fondsgesellschaft DWS die wichtigsten Auswahlkriterien.
Renditestärke lässt sich am einfachsten ermitteln – aus dem Verhältnis von Dividende und Aktienkurs. Den höchsten Wert im HDAX weist derzeit das Immobilienunternehmen Gagfah mit rund zwölf Prozent aus, gefolgt von der Deutschen Telekom und Hannover Rück.
Allerdings muss ein hoher Wert nicht immer ein Kaufargument sein. „Eine ungewöhnlich hohe Dividendenrendite ist oft ein Signal, dass der Markt eine Dividendenkürzung erwartet“, sagt Fondsmanager Schüssler. So kam die Lufthansa auf dem Höhepunkt der Finanzkrise im vergangenen Jahr auf eine Dividendenrendite von 8,5 Prozent, der Düngemittelhersteller K+S auf mehr als sieben Prozent. Die Haltbarkeit war kurz. Die Lufthansa hat ihre Ausschüttung für dieses Jahr komplett gestrichen, K+S um 90 Prozent gekürzt. Beide Unternehmen gehören zu den stark zyklischen, also von allgemeinen Konjunkturtrends abhängigen Branchen. Sinkende Gewinne wiederum schlagen schnell auf die Dividende durch. Auch Finanzwerte gelten als anfällig: Die Commerzbank verzichtet das zweite Jahr in Folge auf eine Ausschüttung. Die Deutsche Bank erhöhte von 50 auf 75 Cent je Aktie, ist aber noch immer weit von den 4,50 Euro des Vorkrisenjahres 2007 entfernt.
Auch beim Topdividendenwert des HDAX, dem Immobilienunternehmen Gagfah, lohnt es sich, genauer hinzuschauen: 80 Cent hat das Unternehmen in den vergangenen beiden Jahren über vier Quartale verteilt ausgeschüttet. Analysten bezweifeln, dass Gagfah die Quote halten kann. 95 Prozent seiner für das vergangene Jahr zur Verfügung stehenden Finanzmittel hat das Unternehmen nach Berechnung der Commerzbank als Dividende ausgeschüttet. Angesichts sinkender Erträge und höherer Zinslast sei langfristig eine Dividende von 50 statt 80 Cent realistischer, folgert die Bank. Die Konsensschätzung aller Analysten traut Gagfah in den kommenden beiden Jahren immerhin 72 Cent je Aktie zu – das entspräche derzeit immer noch einer Dividendenrendite von knapp elf Prozent.