Anlagestrategie
Zu welcher Depotstreuung raten Sie in diesen unsicheren Zeiten?
Häcker: Die Sicherheit der Vergangenheit ist nicht mehr die Sicherheit der Zukunft. Anleger müssen sich darüber im Klaren sein, dass sie künftig höhere Schwankungen auszuhalten haben. Neben verschiedenen Währungen gehören Aktien, Unternehmensbonds, etwas Gold, ausgewählte Immobilienfonds, Bundesanleihen und Cash ins Portfolio. Wir bei Huber, Reuss & Kollegen teilen das Kapital derzeit folgendermaßen auf: 20 Prozent Aktien, 18 Prozent Währungen, 15 Prozent Unternehmensbonds, sieben Prozent Immobilien, 13 Prozent Bundesschätze, zwölf Prozent Cash, fünf Prozent Gold. Zudem sind wir mit zehn Prozent in Trendfolgerfonds investiert.
Sollten sicherheitsorientierte Anleger nicht ganz auf Aktien verzichten?
Häcker: Wer keine Aktien hat, ist auch ein Spekulant. Denn er setzt auf die langfristige Aufrechterhaltung des bestehenden Geldsystems. Der Staat hat, historisch betrachtet, ein hohes Interesse daran, dass es Unternehmen gut geht. Dann sprudeln die Steuereinnahmen, und es werden Arbeitsplätze geschaffen. Daher wird die Regierung alles tun, damit die Firmen auch künftig überlebensfähig sind. Die Beispiele Argentinien, Brasilien und Türkei zeigten, wie Anleger bei Staatspleiten und Inflation ihre Kaufkraft mit Aktien erhalten konnten.
Soll ich jetzt wieder Aktien kaufen?
Häcker: Es besteht keine Eile. Ich rechne damit, dass der Boden an den Börsen erst in der zweiten Jahreshälfte 2012 erreicht wird.
Soll ich jetzt in Aktien mit hoher Dividendenrendite investieren — oder rechnen Sie damit, dass die Ausschüttungen sinken?
Schlienkamp: Generell müssen Anleger damit rechnen, dass die Dividenden für 2012 niedriger ausfallen können, weil sich die Gewinnsituation eintrübt. Eine hohe Dividendenrendite ist im gegenwärtigen Umfeld jedoch ein wichtiges Argument — falls die Ausschüttung nachhaltig erwirtschaftet wird. Ein Gegenbeispiel: Bei der Deutschen Telekom ist die Dividende tendenziell zu hoch. Der Konzern bietet darüber hinaus kaum Aspekte, die für Anleger attraktiv sind. Unternehmen mit guten Wachstumsaussichten, bei denen sich Investitionen in den Geschäftsausbau lohnen, weisen in der Regel Dividendenrenditen von nicht mehr als fünf, sechs Prozent auf. Internationale Konzerne mit breitem Portfolio wie Nestlé oder auch Unilever sind aus diesem Grund interessant und im Übrigen nicht zu teuer.
Häcker: Eine Dividendenstrategie ist kein Allheilmittel. Als wertorientierte Strategie macht sie Sinn. Nur, in der Vergangenheit zeigte sich, dass mit dieser Vorgehensweise jahrelang oft dann schlechte Ergebnisse erzielt wurden, wenn sie in Mode war. Das ist derzeit wieder der Fall. Eine hohe Dividende an sich ist kein Qualitätskriterium für Aktieninvestments. Häufig ist es besser, Unternehmenswerte zu kaufen, die nur einen Teil des Gewinns ausschütten, den Rest dafür höher verzinst wieder reinvestieren und so für Wachstum sorgen. Ich nenne das: Aktien mit nachhaltiger Dividende erwerben.
Bankaktien sind 2011 heftig verprügelt worden. Ist ein antizyklischer Einstieg sinnvoll?
Häcker: Die rühre ich nicht an. Kein Mensch weiß, wie viele Kapitalerhöhungen uns im Bankenbereich noch bevorstehen. Zudem drohen mittelfristig Verstaatlichungen. Mich stören die intransparenten Bilanzen. Mit Finanztiteln holt man sich eine Black Box ins Portfolio.
Wo finde ich denn noch solide Wachstumswerte? Vielleicht in den Emerging Markets?
Häcker: Ich rate zu einem globalen Mix. Der Schwerpunkt sollte in Kerneuropa liegen, also in Deutschland, den Niederlanden, Österreich, Skandinavien. Auch US-Aktien sind nicht zu vernachlässigen. Die werden zwar negativ gesehen. Anleger können es sich aber nicht leisten, den größten Kapitalmarkt der Welt außen vor zu lassen. Dort gibt es viele Topfirmen, die schuldenfrei sind, etwa Microsoft oder Google. Emerging Markets schaue ich mir wieder an, da sie seit Anfang 2011 im Schnitt um 20 Prozent gefallen sind. Vor zwei Jahren wollten da alle rein. Der Hype ist vorbei, die Überbewertung teilweise abgebaut. Die Türkei und Indien sind attraktiv. Mit mehr als 15 Prozent des Portfolios sollten sich Anleger dort aber nicht engagieren.
Was ist mit chinesischen Aktien? Die kamen doch auch stark zurück?
Häcker: Die Kurse sinken schon seit eineinhalb Jahren. Ich glaube, der Boden ist dort noch nicht erreicht.
Mein Depot ist etwa 125 000 Euro wert, davon steckt ein großer Anteil in ETFs auf den Euro Stoxx. Soll ich die noch halten?
Schlienkamp: Ab dem zweiten Halbjahr dürfte der Euro Stoxx wieder zulegen. Unsere Prognose für das Jahresende liegt hier bei 2650 Punkten. Um mich an die Börsenlegende André Kostolany anzulehnen: Die Börse ist keine Einbahnstraße, die nur nach unten führt.
Welche Aktien kann ich in solchen Zeiten überhaupt kaufen?
Schlienkamp: Ich empfehle grundsätzlich Unternehmen, die eine gute Bilanzstruktur und eine marktführende Position haben. Niedrige Schulden, hohe Cashflows und Unabhängigkeit von Bankkrediten sind Attribute, die im jetzigen Umfeld von großem Vorteil sind. Kritische Situationen am Finanzmarkt, beispielsweise eine Kreditklemme oder eine Bankenpleite, sind eben möglich.