€uro am Sonntag Spezial

Sende E-MailDrucken
Experteninterview zur US-Wahl
"Amerikaner wollen Kurswechsel, auch in der Wirtschaft"
05.11.2008 10:09:50

Der Deutsche Christian Leuz arbeitet als Wirtschafts-Professor in Chicago
In Amerika wurde gewählt: Barack Obama wird der 44. Präsident der USA. Euro am Sonntag Online sprach mit dem deutschen Wirtschaftswissenschaftler Christian Leuz, der als Professor an der Universität von Chicago arbeitet, über die Auswirkungen der Wahl auf die Wirtschaft.

von Benjamin Summa

Wie hat die Finanzkrise den Wahlkampf beeinflusst?

Die Krise hat den Fokus des Wahlkampfes klar auf die Wirtschaft und auf ökonomische Fragen verschoben. Am Anfang des Wahlkampfes standen außenpolitische Fragen noch stärker im Vordergrund. Diese sind aber im Herbst immer weiter in den Hintergrund gerückt.

Barack Obama wird eher zugetraut, die richtigen wirtschaftspolitischen Maßnahmen zu ergreifen und das Vertrauen der Amerikaner in das Finanzsystem wieder herzustellen. Umfragen zeigen dies. Sind diese Vorschusslorbeeren gerechtfertigt?

Meine Einschätzung ist, dass viele Leute einfach einen Kurswechsel in der Politik wollen. Barack Obama steht für einen Wechsel. Er hat dies konsequent zum Thema gemacht und dieses in den Mittelpunkt seines Wahlkampfes gestellt. Zunächst ging es dabei eher um den Krieg im Irak, aber nun scheint sich das Thema auch in der Krise auszuzahlen.

Präsident Bush plant für den 15. November einen Weltfinanzgipfel. Erwarten Sie sich hiervon noch Ergebnisse, die dazu taugen, die Finanzmärkte zu regulieren oder muss man die nächste Administration abwarten?

Aufgrund der weltweiten Vernetzung der Kapitalmärkte ist die Finanzkrise ein globales Problem. Das hat sich auch klar an den Auswirkungen der nationalen Rettungsversuche auf andere Länder gezeigt. Daher ist es sinnvoll, sich international zu koordinieren und eine globale Antwort auf die Krise zu finden. Ich denke, es ist klar, dass man über neue Regeln oder Regeländerungen nachdenken muss. Dazu gehört aber, dass man die Ursachen analysiert und versteht. So etwas dauert. Aber diese Zeit sollte man sich nehmen, damit man nicht mit einer missglückten Regulierung noch mehr Schaden anrichtet. Der geplante Gipfel könnte daher genutzt werden, um den Dialog über die Ursachen zu eröffnen. Ich hoffe aber, dass es nicht zu vorschnellen Lösungs- oder Regulierungsversuchen kommt.

Welche finanzpolitischen Maßnahmen muss die neue Obama-Administration Ihrer Meinung nach zuerst umsetzen, um die Finanzkrise in den Griff zu bekommen?

Ich denke, einige bedeutende Elemente sind relativ klar. Kurzfristig steht die Rekapitalisierung des Bankensektors weiterhin im Vordergrund. Die niedrige Eigenkapitaldecke der Banken war eine der Hauptursachen für die extremen Ausmaße der Krise. Mittelfristig gilt es, den Verfall der Häuserpreise zu stoppen und die Nachfrage der Konsumenten wieder in Gang zu bringen. Beides sind zentrale Elemente im US-Wirtschaftssystem. Allerdings sind die öffentlichen Haushalte durch den Irakkrieg und die Rettungsversuche in der Krise stark belastet, so dass den finanzpolitischen Maßnahmen des neuen Präsidenten Grenzen gesetzt sind.

Glauben Sie daran, dass die Amerikaner, die früher eine schärfere Regulierung immer blockiert haben, nun der Motor einer neuen Finanzarchitektur werden?

Durch die Krise gibt es in Amerika eine grundsätzliche Bereitschaft, über eine Neuordnung der Finanzarchitektur zu diskutieren. Ich bin mir aber nicht sicher, ob wir eine schärfere Regulierung brauchen. Zum einen muss man betonen, dass Regulierung und Politik an verschiedenen Stellen ebenfalls zur Krise beigetragen haben. Ich denke hier zum Beispiel an die Aufsicht von Fannie und Freddie und den politischen Auftrag, den Markt für Hypothekenkredite auch auf die unteren Einkommensschichten auszudehnen.

Zum anderen haben die Innovationen im Finanzmarkt Amerika und vielen Ländern dieser Welt in den letzten Jahren viele Vorteile gebracht und damit nicht unerheblich zum Wirtschaftswachstum beigetragen. Dieser Wachstumsmotor sollte erhalten bleiben. Daher sollte man bei der Neuordnung der Regulierung behutsam vorgehen. Ich bin überzeugt, dass die USA hierbei eine besondere, wenn nicht führende Rolle einnehmen, denn nicht zuletzt haben sie die mit Abstand größten Finanzmärkte in der Welt.

Die Europäer sind lange davon ausgegangen, dass die Finanzkrise ein hausgemachtes Problem der Amerikaner sei. Dann wurden Sie eines Besseren belehrt. Hat es Sie überrascht, in welcher Intensität die Krise über den Atlantik geschwappt ist?

Nein, das hat mich nicht wirklich überrascht. Ich hatte bereits erwähnt, dass es sich aus meiner Sicht um ein globales Problem handelt. Der Auslöser der Krise ist zwar im amerikanischen Häusermarkt zu sehen. Aber das Kernproblem der Finanzkrise war die dünne Kapitalisierung der Banken. Auch die europäischen Banken sind sehr hoch und zum Teil noch höher als die US-Banken verschuldet. Ich hatte hierauf noch vor den Rettungsaktionen der Europäer im Wall Street Journal Europe hingewiesen. Insofern war ich nicht überrascht, dass die Krise auch nach Europa geschwappt ist. Überrascht hat mich eher, wie lange es gedauert hat, bis die Politik in Europa den Ernst der Lage erkannt hat. Dafür waren die Rettungspläne, ich denke hier insbesondere an den britischen Plan, aber auch etwas ausgegorener, als die ersten Versuche in Amerika.

Der Dollar hat in den vergangenen Wochen wieder an Stärke gewinnen. Der Markt traut den USA anscheinend zu, wieder schneller auf die Beine zu kommen als Europa. Sind sie ähnlich optimistisch?

Man muss vorsichtig sein, aus der Stärke des Dollars auf die erwartete Wirtschaftsentwicklung der USA zu schließen. Dies ist ein Faktor von vielen. Die Stärke des Dollar hat auch viel damit zu tun, dass sich die Investoren der ganzen Welt in sichere Anlagen geflüchtet haben. Und solche Anlagen (zum Beispiel Treasury Bonds) sind oft in der US-Währung notiert, so dass die Dollar-Nachfrage zwangsläufig steigt. Aber unabhängig von der Dollarentwicklung war es in der Vergangenheit in der Tat so, dass die US-Wirtschaft sich schneller erholt hat. Die Flexibilität des US-Wirtschaftssystems ist sicher eine Stärke.

Wie kann Amerika, wie kann Europa von der Krise profitieren?

Krisen sind immer Gelegenheiten, alte Gewohnheiten zu überdenken und zu lernen. Das gilt auch für diese Krise. Im Bereich der Bankenregulierung gibt es sicher Defizite, über die man reden muss. Aber wie ich schon sagte, man muss aufpassen, dass man jetzt nicht überreagiert und sich zu sehr an der jüngsten Krise orientiert. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass die nächste Krise genau die gleichen Ursachen haben und den gleichen Verlauf nehmen wird. Man muss daher nach allgemeinen Mustern suchen, die vergangene Krisen gemeinsam haben und dann an diesen Mustern ansetzen. Hier ist auch die Wirtschaftsforschung gefordert.

Sie lehren an der University of Chicago „International Economics, Finance and Accounting“. Welches Umdenken erkennen Sie bei Ihren Wirtschaftsstudenten im Zuge der Finanzkrise?

Ich denke, es ist noch etwas früh, dies zu beurteilen. Zurzeit überwiegt bei vielen die Sorge um den Job nach dem Studium. Viele der MBA-Studenten erwarten sich vom Studium und dem Einstieg danach einen deutlichen Karrieresprung. In der momentanen ökonomischen Situation erscheint dies aber weniger wahrscheinlich, und das beunruhigt die Studenten verständlicherweise.

Ist der Beruf des Investmentbankers noch ein Traumberuf für Ihre Studenten?

Auch diese Frage kommt noch etwas früh. Es würde mich aber nicht überraschen, wenn das Interesse zumindest kurzfristig abnehmen würde. Zum einen wird es in diesem Bereich erstmal weniger Jobs geben. Zum anderen haben wir auch in der Vergangenheit gesehen, dass sich die Studenten schnell und konsequent auf die Trends im Markt einstellen. Während des Dot-Com-Booms waren Kurse zu Entrepreneurchip und Venture-Capital heiß begehrt. Danach waren Jobs im Bereich Private Equity der Traum vieler MBA-Studenten. Ich könnte mir denken, dass durch die Krise Jobs in traditionellen Industrie- oder Servicefirmen wieder interessanter werden.

Im Rahmen Ihrer „Initiative on Global Markets“ haben Sie einen Krisen-Blog zur Finanzkrise eingerichtet. Welche Zielsetzung verfolgen Sie damit, welche Erfahrungen machen Sie mit dem Blog?

Wir haben die Initiative on Global Markets vor einigen Jahren gegründet, um die Einsichten und Erkenntnisse unserer Forschung in den Bereichen Finanzmarkt, Regulierung und internationale Ökonomie einem breiten Kreis von Leuten zugänglich zu machen. Wir stellen immer fest, dass es zu vielen ökonomischen Problemen wichtige und belastbare Erkenntnisse der Forschung gibt, dass diese aber häufig nicht über den doch recht kleinen Kreis der Research-Community hinaus bekannt sind. Unsere Zielgruppe sind daher die Regulierungsbehörden, die Politik, aber auch die Unternehmen und unsere ehemaligen Studenten, die ja häufig in wichtigen Positionen über die ganze Welt verstreut arbeiten.

Den Blog zur Finanzkrise haben wir eingerichtet, als wir gemerkt haben, wie groß die Nachfrage nach Erklärungen ist. Viele Leute wollten verstehen, was in den Märkten passiert ist und warum. Ein weiterer Grund war, dass wir einige der Lösungsansätze, wie zum Beispiel den ersten Paulson-Plan sowie die geplante Aussetzung von Fair Value Accounting, für im Ansatz falsch gehalten haben.

Unsere Erfahrungen sind bisher sehr positiv. Wir haben sehr positives Feedback erhalten. Einer der größten Erfolge war sicherlich die Unterschriftenaktion gegen den ersten Rettungsplan von Paulson, die einer meiner Kollegen, der auch Direktor der Initiative ist, gestartet hat und die bis in die höchsten Ebenen der Politik vorgedrungen ist.

Kommentare zu diesem Artikel

Geben Sie jetzt einen Kommentar zu diesem Artikel ab.
Kommentar hinzufügen