26.12.2008 13:41:57

von Klaus Schachinger
Weil Börsengänge 2009 gar nicht oder erst sehr spät im Jahr stattfinden werden, erwartet Joachim von der Goltz, JP Morgan-Chef des Kapitalmarktgeschäfts in Deutschland, Österreich und Schweiz, dass das kommende Jahr in Europa durch Kapitalerhöhungen der Industrieunternehmen geprägt wird.
€uro am Sonntag: Kann man bereits jetzt sagen, dass wir 2009 das vermutlich bisher schwächste Jahr für Börsengänge bekommen werden?
Joachim von der Goltz: Sicherlich ist es noch zu früh, eine solche Aussage zu treffen. Fest steht aber schon heute, dass wir auch in 2009, wie in diesem Jahr, keine Vielzahl von Börsengängen sehen werden. Zuletzt haben wir in 2003 ein Umfeld erlebt, in dem kein deutsches Unternehmen den Schritt an die Börse erfolgreich durchführte. Entscheidend für eine Verbesserung des Umfelds wird sein, dass wir eine Bodenbildung in makroökonomischer Hinsicht und damit auch die Möglichkeit für einen längerfristigen, fundamental getragenen Aufwärtstrend an den Kapitalmärkten erreichen. Das Börsenjahr 2009 wird meines Erachtens vor allem von Kapitalerhöhungen von Industrieunternehmen aber auch weiterhin aus dem Finanzsektor geprägt sein.
Wie lange wird es dauern, bis wir in Deutschland und Europa wieder größere Börsengänge sehen werden?
Die Aktienmärkte sind derzeit von starken Schwankungen und häufigen Richtungswechseln gekennzeichnet. Notwendig für das Vertrauen von Investoren, wieder in Neuemissionen zu investieren, wird eine nachhaltige Beruhigung der Aktienmärkte sein. Dies ist meines Erachtens jedoch noch nicht absehbar. Das gegenwärtige Zwischenhoch am Kapitalmarkt ist von einem relativ geringen Handelsvolumen getrieben und scheint nicht fundamental getragen zu sein. Viele Investoren erwarten nach wie vor enttäuschende Unternehmensergebnisse für das vierte Quartal 2008 und einen verhaltenen Start in das Jahr 2009 mit entsprechend potentiell negativen Auswirkungen auf den Aktienmarkt. Von entscheidender Bedeutung für eine Bodenbildung am Kapitalmarkt wird daher eine Stabilisierung der makroökonomischen Daten sein, die sich aktuell aber weiter verschlechtern. Manche Analysten erwarten hier eine Besserung im zweiten Quartal bzw. gegen Mitte 2009, andere sehen dies erst gegen Ende 2009. Angenommen die positivere Einschätzung trifft zu, könnte sich das Marktumfeld für Börsengänge im zweiten Halbjahr 2009 wieder aufhellen.
Gab es während der vergangenen Monate überhaupt Gespräche mit Unternehmen zu Börsengängen?
In den Diskussionen mit unseren Kunden zum Thema Wachstumsfinanzierung oder auch der Lösung von Nachfolgeregelungen stellt ein Börsengang nach wie vor eine hochinteressante Option dar. Auch an dem fundamentalen Interesse der Investoren an Unternehmen mit einer attraktiven Equity Story und nachhaltigen Wachstumschancen hat sich grundsätzlich nichts geändert. Dieser Markt wird sich erneut beleben, wenn eine Stabilisierung eintritt und Investoren wieder bereit sind, Wachstumskapital zu investieren. Attraktive Unternehmen sind meines Erachtens daher gut beraten, einen Börsengang als Finanzierungsalternative genau zu durchleuchten. Wichtig für mögliche Börsenaspiranten wird sein, sich gut und rechtzeitig vorzubereiten, um ein sich öffnendes Marktumfeld für Börsengänge flexibel nutzen zu können. Die idealen Zeitfenster für solch ein Vorhaben sind heutzutage deutlich kürzer als noch vor einigen Jahren.
Welche Signale bekommen Sie von potentiellen Debütanten und Zeichnern von IPO’s?
Die Einschätzungen hinsichtlich des Kapitalmarkts und dessen aktuelle Aufnahmebereitschaft für Neuemissionen ist aus meiner Sicht sowohl bei Unternehmen wie auch Investoren sehr realistisch. Selbstverständlich informieren wir unsere Kunden regelmäßig über die aktuellen Entwicklungen am Markt und unsere Einschätzungen zur weiteren Entwicklung. Ziel ist, dass diese ihre Finanzierungsstrategien den sich teilweise rasant verändernden Marktgegebenheiten flexibel anpassen können.
Gibt es derzeit überhaupt eine Pipeline für IPO’s?
Diese gibt es durchaus. Wie bereits erwähnt sollte ein Börsenaspirant gut auf den Börsengang vorbereitet sein, um ein sich öffnendes zeitliches Platzierungsfenster nutzen zu können. Es wird sicherlich von Vorteil sein, unter den Ersten zu sein, wenn der Markt für Neuemissionen wieder anzieht.
Welche Faktoren, zusätzlich zu einer Stabilisierung des Börsenumfelds, müssen sich ändern, damit der IPO Markt 2009 starten kann?
Die Märkte werden derzeit maßgeblich von makroökonomischen Daten bestimmt. Wichtig für die Stabilisierung der Märkte wird aber ferner das Verhalten der Finanzbranche sein. Die Kreditvergabe zwischen den Banken muss wieder funktionieren, um die Kreditversorgung des Marktes insgesamt ermöglichen zu können. Darüber hinaus ist der Rückgang der Volatilität in den Kapitalmärkten von zentraler Bedeutung. Erst wenn die Kurse wieder durch fundamentale Unternehmensfakten und nicht mehr durch Überreaktionen und technische Handelsanpassungen geprägt sind, kann das Vertrauen der Anleger in einen langfristigen Aufschwung der Aktienmärkte und damit auch nachhaltiges Interesse an Börsengängen zurückkehren. Zudem handeln viele notierte Unternehmen mittlerweile auf sehr niedrigen Bewertungen, so dass Unternehmensinhaber sicherlich auf verbesserte Bewertungsniveaus warten werden, bevor sie den Schritt an die Börse tun.
Ist Europa, wegen einer geringeren Abhängigkeit der Finanzmärkte von Verbriefungen, gegenüber den USA im Vorteil?
Wir leben in Zeiten eines globalen Finanzmarktes. Entscheidend sind der entstandene Vertrauensverlust sowie der individuell entstehende Abschreibungsbedarf bei Banken durch sich negativ entwickelnde Verbriefungsportfolios. In Europa ist diese Entwicklung leider ebenso zu beobachten wie in den USA.
Vita Dr. Joachim von der Goltz
Dr. Joachim von der Goltz ist seit 2006 bei J.P. Morgan tätig und verantwortet als Head of Equity Capital Markets Deutschland, Österreich und Schweiz das Kapitalmarktgeschäft in diesen Ländern. Zuvor war er neun Jahre im Corporate Finance und ECM-Bereich der Deutschen Bank in Frankfurt und New York tätig. Er ist verheiratet und hat vier Kinder. Dr. von der Goltz lebt in London.
Er studierte Rechtswissenschaften an den Universitäten von Heidelberg, Lausanne und Freiburg, wo er auch promovierte. Dr. von der Goltz verfügt über vielfältige Kapitalmarkttransaktionserfahrung im In- und Ausland und führte zahlreiche Unternehmen erfolgreich an die Börse. So wirkte er maßgeblich bei den Privatisierungen der Deutschen Post als auch des Hamburger Hafen- und Logistikbetreibers HHLA mit. Weitere wesentliche Transaktionen umfassen die Börsengänge von PVCrystalox und Versatel wie auch Kapitalerhöhungen für die Commerzbank, Lufthansa, Heidelberg Cement und Premiere.

