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Steve Keen: Werde die Wette sicherlich noch gewinnen
26.04.2012 14:24:21

Steve Keen, Professor der Universität von Western Sydney
Der australische Ökonom Steve Keen wettert gegen die Politik, das Bankensystem und die Dogmen der Wirtschaftswissenschaftler. „Die Rettungsmaßnahmen machen alles noch viel schlimmer“.

von Martin Blümel, €uro am Sonntag

Man kennt ihn vor allem wegen dieser einen Episode: Australien befinde sich in einer Immobilienblase, warnte Steve Keen, Professor der Universität von Western Sydney, auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise Ende 2008 und prognostizierte einen Preisverfall von 40 Prozent. Der Analyst Rory Robertson wettete dagegen und gewann — die Preise fielen nicht, sie stiegen. Der Verlierer musste daraufhin Australiens höchsten Berg erklimmen, den 2.200 Meter hohen Mount Kosciuszko — vom 225 Kilometer entfernten Canberra aus. Keen löste die Schuld im April 2010 ein, bezwang den Berg nach acht Tagen Fußmarsch und trug dabei ein Shirt mit der Aufschrift: „Ich lag hoffnungslos daneben mit den Hauspreisen. Fragt mich, warum.“

Für einige australische Medien war dies ein „Marsch der Schande“. Für Keen keinesfalls. „Für mich ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Ich werde die Wette sicherlich noch gewinnen“, sagt er. „Die Entwicklung der ganzen Weltwirtschaft ist doch nicht nachhaltig. Politik und Notenbanken retten eine Blase, aber sicher nicht die Wirtschaft.“

Keens größte Sorge ist die Überschuldung der Haushalte. Vor allem der amerikanischen. Im Rahmen einer spekulativen Manie seien zu viele Schulden angehäuft worden. Geld werde nicht verdient, indem man Güter produziere, sondern durch Spekulation. Das könne aber nicht ewig so weitergehen. Weil Politik und Notenbanken nicht gegensteuerten, sondern im Gegenteil den Status quo durch immer neue Ausgabenprogramme am Leben erhielten, werde die Krise nur verlängert und neue Blasen aufgeblasen. „Wir haben es hier mit einem gigantischen Schneeballsystem zu tun.“

Gern zitiert Keen aus Franklin D. Roosevelts Antrittsrede als US-Präsident 1933, vier Jahre nach Beginn der großen Depression: „Die Kreditgeber bestimmen die Religion, und als einzige Methode zur Lösung der Schuldenkrise schlagen sie noch mehr Schulden vor“, so Roosevelt damals. „Das ist ein schönes Bild und lässt sich auf die gegenwärtige Zeit übertragen“, findet Keen.

Das mag nicht jeder hören. Seine anhaltenden Bedenken haben ihm bei anderen Ökonomen und in Teilen der englischsprachigen Presse den Ruf eines Schwarzmalers oder sogar Miesmachers eingebracht. Gleichzeitig wächst aber auch Keens Fangemeinde immer mehr an, weil er vor deutlichen Worten nicht zurückschreckt, sich nur zu gern mit Kollegen anlegt, das Bankensystem in seiner jetzigen Form als schlicht „ökonomiefeindlich“ einstuft und eine völlig neue Kultur des wirtschaftswissenschaftlichen Diskurses einfordert.

Dass seine Mahnungen zur rechten Zeit gekommen sind, fördert seine Glaubwürdigkeit. Als einer der wenigen Ökonomen prognostizierte er schon im Jahr 2005 die anstehenden Turbulenzen an den Finanzmärkten. Der Professor richtete eine Website ein — Steve Keen’s Debtwatch — und warnte darauf vor der zunehmenden Überschuldung vor allem der amerikanischen Haushalte und dem unvermeidlichen Platzen der Immobilienblase. Er behielt bekanntlich recht.

Wer braucht schon Ökonomen
Keen ist seither ein gefragter Mann. Sieben- bis achtmal pro Jahr fliegt er nach Übersee, um für seine Ideen zu werben. Sein Lösungsansatz ist radikal: Ginge es nach ihm, dann sollte man nicht die Banken mit immer wieder neuen Geldspritzen am Leben erhalten, sondern die privaten Haushalte direkt entschulden. Durch Abschreibungen. Eine darauf wohl stark steigende Inflationsrate würde er in Kauf nehmen.

Gerade ist Keen nach Berlin gekommen, zu einer Tagung des Institute for New Economic Thinking, auf der auch Granden wie George Soros, Kenneth Rogoff und Joseph Stiglitz Vorträge halten. Zudem ist er zu einer Podiumsdiskussion der renommierten London School of Economics geladen. Die BBC hat ein Ra­dioteam geschickt, um den Ökonomen für ihr Programm „Ideas That Shape The World“, aufzunehmen, für „Ideen, die die Welt formen“, eine Sendung für Leute, die etwas zu sagen haben, die sich gegen herrschende Meinungen stellen, für Querdenker, streitbare und streitlustige Geister.

Und da ist Keen in seinem Element. Der hagere Mann im unauffälligen grauen Anzug, gerade 59 Jahre alt geworden, läuft vor Publikum zur Hochform auf. Er mustert die Zuhörer, die den Saal bis auf den letzten Platz gefüllt haben, winkt zwei-, dreimal, setzt sich zum Moderator auf die Bühne, packt ein iPad aus und zeigt ihm etwas. Sie lachen, vielleicht über die neueste Anekdote, die Keen auf seiner Website verbreitet hat. Er ist locker, antwortet sachlich, überlegt, stockt nicht, pariert kritische Fragen des Moderators und des Publikums. Er kritisiert Kollegen, gibt sie aber nicht der Lächerlichkeit preis. Keen sagt, die Erkenntnisse vor allem der neoklassischen Ökonomen, nach denen die Märkte immer zum Gleichgewicht tendieren, seien fehlerhaft von hinten bis vorn. Letztlich unnütz.

Mit dem Neoklassiker und Nobelpreisträger Paul Krugman hat sich Keen darüber seit Wochen via Twitter und Weblog gestritten. Krugman beharrte dabei auf der neoklassischen Lehre, dass weder Banken noch Schulden von Bedeutung in der Makroökonomie seien. „Das ist doch absurd“, sagt Keen. „Wie kann er angesichts der Realität der vergangenen Jahre an diesem Dogma festhalten?“ Sein Publikum liebt solche Sätze. Man lacht, johlt, applaudiert, vor allem als er seine ganze Zunft infrage stellt: „Man braucht Ingenieure, um Brücken zu bauen, aber keine Ökonomen, um eine Ökonomie zu haben“, sagt Keen.

Der Professor rüttelt damit am Selbstverständnis der herrschenden Meinung, er rügt die Modelle der Ökonomen. Die seien antiquiert, ließen den Bankensektor außen vor, abstrahierten das Wirtschaftsgeschehen, ohne die Triebfeder Geld in den Mittelpunkt zu stellen. „Die bauen die Maschine ohne Treibstoffzufuhr“, sagt er und rückt an seiner kleinen, randlosen Brille. Keen spricht schnell mit australischem Akzent, so als müsse er seinen Gedanken hinterhereilen. Die Volkswirtschaftslehre ist ihm zu dogmatisch geworden, erstarrt in Glaubenssätzen, sie wolle nicht mehr hinterfragen, nicht diskutieren.

Dreimal die Woche zwölf Kilometer
Er selbst will diskutieren. In London, in Berlin. Gern mit Studenten. „Das sind meine Kinder, denen muss ich was beibringen“, so der zweimal geschiedene und kinderlose Keen. Und er arbeitet an einem neuen ökonomischen Modell, das die Mängel der neoklassischen Theorie ausgleichen soll und die Versorgung der Wirtschaft mit Geld in den Mittelpunkt der Theorie stellt.

Wenn er nicht arbeitet oder diskutiert, dann treibt Keen Sport. Drei- mal die Woche geht er laufen, acht bis zwölf Kilometer spult er dabei ab. Und weitere dreimal die Woche treibt es ihn in den Kraftraum. „Bankdrücken“, sagt er, „vier Sätze mit zehn Wiederholungen und 60 Kilo Gewicht. Das mache ich schon, seit ich 16 bin.“

Seine Bergsteigerwette war dank seiner körperlichen Fitness also kein Problem für Keen. Trotzdem will er derzeit lieber keine neuen Wetten zur Entwicklung der Konjunktur annehmen. „Das Problem dabei ist das Timing“, sagt er. „Robertson und die Öffentlichkeit haben damals ignoriert, dass ich einen Preisverfall für die nächsten zehn bis 15 Jahre erwartet habe.“

Aber dann kann Keen doch nicht anders und macht noch einige Vorhersagen — allerdings ohne Wetteinsatz. „Solange nichts getan wird, um die Verschuldung der privaten Haushalte direkt zu reduzieren, werden wir auch noch in fünf bis zehn Jahren über die Wirtschaftskrise sprechen. Und es könnte sein, dass es in den kommenden Jahren wegen der extremen Sparmaßnahmen eine Revolte in einem der südeuropä­ischen Länder geben wird.“ Eine Prognose, die, träfe sie denn so ein, seine verlorene Wette und seinen Ausflug auf Australiens höchsten Berg vergessen machen sollte.

zur Person:

Der Wachrüttler
Steve Keen ist Wirtschafts­professor an der University of Western Sydney. Er sieht sich selbst als „Post-Keynesianer“ (im Bild trägt er ein T-Shirt mit dem Keynes-Spruch „Die Schwierigkeit liegt nicht in neuen Ideen, sondern darin, die alten zu überwinden“). Keen kritisiert die neoklassische Ökonomie als inkonsistent. Er beruft sich vor allem auf Hyman Minsky, Piero Sraffa und Joseph Alois Schumpeter. Sehr lesenswert ist sein Weblog debtdeflation.com.

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