27.03.2009 14:20:24
von Julia Groß
Vor dreieinhalb Jahren schockierte Raghuram Rajan die erlesenen Gäste eines Empfangs zu Ehren von Ex-Notenbankchef Alan Greenspan: Die Entwicklung der Finanzmärkte unter Greenspans Ägide, so führte der damalige Chefökonom des Internationalen Währungsfonds aus, habe die Welt deutlich riskanter gemacht. Für seine Warnungen vor einem drohenden Desaster an den Finanzmärkten wurde er als Reaktionär und Feind der freien Märkte beschimpft. Dabei hält Rajan wenig von Regulierungswut und Staatskontrolle. Warum, das erklärte der 46-Jährige gut gelaunt beim Gespräch mit €uro am Sonntag in Chicago.
€uro am Sonntag: In Ihrem Buch „Saving Capitalism from the Capitalists“ argumentierten Sie vor fünf Jahren, dass freie und funktionierende Märkte der Welt Wohlstand bringen. Seitdem ist einiges geschehen, sogenannte „Finanzinnovationen“ haben – unter anderem – die Welt in eine tiefe Finanzkrise gestürzt. Passen die jüngsten Entwicklungen noch in Ihr Bild von freien Märkten?
Raghuram Rajan: Im Grunde Ja. Ich habe immer gesagt, dass Märkte eine optimale Dosis an Regulierung brauchen. Im Finanzsektor hat sich aber der Glaube verbreitet, dass Märkte sich von selbst regulieren. Die Folge: Alles geriet außer Kontrolle.
€uro am Sonntag: Jetzt schlägt das Pendel in die andere Richtung aus: Alle rufen nach dem Staat.
Rajan: Ich fürchte diesen Stimmungsumschwung und dieses Gejammer von wegen „die Märkte sind kaputt, wir brauchen mehr staatliche Kontrolle“. Ich glaube weder, dass freie Märkte am Ende sind, noch dass Verstaatlichung die Lösung ist. Unregulierte Märkte funktionieren nicht. Regulierte Märkte funktionieren recht gut. Wir haben eigentlich seit den 30er-Jahren gelernt, dass der Staat nicht die richtige Antwort ist. Aber die Menschen tendieren dazu, diese Lektion zu vergessen. Das sieht man auch an der Reaktion vieler Staaten auf die aktuelle Krise.