06.08.2009 15:54:00

von Friederike Ott
Die meisten Menschen haben mit 86 Jahren ihr Berufsleben längst hinter sich gelassen. Nicht so Horst-Eberhard Richter. Sein Büro in Gießen ist bis unter die Decke mit unzähligen Büchern und Unterlagen gefüllt, es sieht nach Arbeit aus. Noch heute schreibt der Psychoanalytiker und Arzt Bücher, hält Vorträge und behandelt Klienten. Auch bekannte Manager aus der Wirtschaft suchen ihn auf.
€uro am Sonntag: Herr Professor Richter, haben Psychotherapeuten in der Krise mehr Zulauf als zuvor?
Horst-Eberhard Richter: Die Zahl der psychisch Kranken hat statistisch gesehen tatsächlich zugenommen. Viele sehen pessimistisch in die Zukunft. Das ist mittlerweile richtig verbreitet, fast wie eine kollektive Depression. Die Klienten kommen mit Kopfschmerzen oder Schlafstörungen. Diese Beschwerden haben mit inneren Spannungen und Sorgen zu tun. Die Krise verstärkt diesen Zustand noch. Doch oft wollen die Menschen nicht lange darüber reden, sondern mit Medikamenten schnell wieder auf die Beine kommen. Gerade solche, die Angst um ihren Arbeitsplatz haben.
€uro am Sonntag: Kommen denn eher Klienten, die Angst um ihren Job haben oder sind es eher schuldgeplagte Manager?
Richter: Es sind meist Ängste vor Versagen, die Manager zu Psychotherapeuten treiben. Schuld oder Scham werden eher verdrängt. Manager nehmen sich ohnehin nicht gern Zeit für Psychotherapie und greifen lieber gleich zu Medikamenten.
€uro am Sonntag: Sie haben die Große Depression im Jahre 1929 als junger Mensch miterlebt. Können sie Parallelen zu der heutigen Krise erkennen?
Richter: Auch damals war es eine Weltkatastrophe. Was ich mitbekommen habe, war das öffentliche Bild von Armut und Bettelei, eine große Niedergeschlagenheit. Auch diesmal reicht die Verunsicherung der Menschen tiefer, als es oberflächlich den Anschein hat. Es gibt mehr heimlichen Pessimismus, als zugegeben wird.