24.03.2009 14:46:05

von Benjamin Summa
€uro am Sonntag: Die Details zum US-Rettungsprogramm haben die Aktienmärkte gestern und heute gestützt. War das nun der Befreiungsschlag?
Patrick Hussy: Der Markt hat auf eine solche außergewöhnliche Aktion gewartet. Im Februar waren die Anleger noch sehr enttäuscht von der ersten Geithner-Rede, weil sie so unspezifisch war. Nun wirft die US-Regierung abermals Steuergelder in das Spiel hinein. Das kann für die Aktienmärkte schon bedeuten, dass es zu einem Befreiungsschlag kommt.
€uro am Sonntag: Wie schätzen Sie die momentane Risikoneigung der Anleger ein? Sehen Sie eine höhere Bereitschaft, Geld von Tagesgeldkonten in Aktien umzuschichten?
Hussy: Wir haben in den vergangenen zwei Monaten eine sukzessive Zunahme der Risikoneigung messen können. Diese Zunahme bezieht sich vor allem auf Unternehmensanleihen und Emerging-Markets-Aktien. Diese zogen schon an, als die klassischen Aktienmärkte noch gefallen sind. Wir sehen seit gestern eine enorme Entlastungsbewegung vor allem im Unternehmensanleihen-Segment. Das heißt: Der gestiegene Risikoappetit nach Unternehmensanleihen wurde belohnt. Das ist ein sehr positives Signal, auch für die Aktienmärkte.
€uro am Sonntag: Welche Branchen sind nun Zugpferde in einem möglichen Bullenmarkt?
Hussy: Zugpferde sind zwei Branchen: Die Banken und Finanzdienstleister, aber auch Rohstoff- und Energiewerte. Allen voran die US-Banken haben nun die Möglichkeit, eine ordentliche Bewertung der Risiko-Assets durchzuführen. Auch haben die Institute eine neue Ertragsquelle, weil sie sich auch als Investoren am Aufkauf der Risikopapiere zu attraktiven Konditionen beteiligen können.
Zu den Rohstoffwerten: Wir haben in den vergangenen Tagen eine massive Fluchtbewegung in diese Titel gesehen. Wir bemerken eine sehr starke Risikoneigung in Bezug auf Rohstoffe, weil natürlich im Zusammenhang mit der Geldmengenausweitung Inflationssorgen zunehmen werden.
€uro am Sonntag: Sehen Sie Faktoren, die für eine Bodenbildung an den Aktienmärkten sprechen?
Hussy: Wir können zurzeit ganz klar messen, dass sowohl institutionelle als auch Privatanleger sehr geringe Aktienquoten haben. Dies ist ein strategisches Kaufargument und passt zu einer Bodenbildungsphase.
€uro am Sonntag: Welches Szenario halten Sie für wahrscheinlich: Nur eine kurze Erholung aufgrund des Rettungspakets, eine Bärenmarktrallye oder der Beginn eines Bullenmarktes?
Hussy: Für mich ist der US-Aktienmarkt wegweisend. Der S&P 500 muss meiner Meinung über die 880 Zähler hinaus. Wir haben taktische Kaufsignale bekommen. Das spricht erst einmal für eine Bärenmarktrallye. Das S&P 500-Potential ist zurzeit bei ungefähr 880 Punkten erschöpft. Wenn es darüber hinausgeht, muss man davon ausgehen, dass es mehr ist als eine taktische Erholung. Dann kann man vielleicht von einer strategischen Zeitenwende sprechen. Aber zum jetzigen Zeitpunkt haben wir es noch mit einer Bärenmarktrally zu tun.