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Investmentbuch
Aktien sind wie Stecknadeln im Heuhaufen
04.05.2010 13:41:45

Investmentlegende Anthony Bolton
   Quelle: fischerAppelt ziegler
Anthony Bolton, Autor des neuesten Buches "Investing against the tide" lässt die Anleger an seinem Erfahrungsschatz teilhaben. Er gewährt einen Blick hinter die Kulissen des Fidelity Investmentteams.

von Anthony Bolton, exklusiv für Euro am Sonntag

Winston Churchill soll einmal gesagt haben: „Traue keiner Statistik, die Du nicht selbst ge-fälscht hast“. Entscheidend für Investoren ist die erste Hälfte des geflügelten Wortes. Als Fondsmanager gehe ich äußerst kritisch mit den Zahlen um, die im Umlauf sind. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die gewieftesten Broker selbst dann positive Unternehmensdaten präsentieren können, wenn eine Firma Verluste schreibt. Ganz nach dem Motto: Irgendeine Kurve, die nach oben zeigt, wird sich schon finden lassen.

Zum Glück konnte ich seit Beginn meiner Laufbahn bei Fidelity vor 30 Jahren auf erstklassiges Datenmaterial unserer hauseigenen Investmentexperten zurückgreifen. Im Grunde suche ich in dem Heuhaufen aus Zahlen immer nach der gleichen Stecknadel: einer Bewertungsanomalie. Die liegt vor, wenn der Wert aller Aktien eines Unternehmens und sein tatsächlicher Wert aus-einanderliegen. Je günstiger eine Gesellschaft an der Börse im Vergleich zu ihrem echten Wert gehandelt wird, desto eher bin ich bereit, den entsprechenden Titel zu kaufen.

Es ist leichter, eine Bewertungsanomalie zu entdecken, als den Zeitpunkt einer Korrektur vor-herzusagen. Deshalb ist Zeit ein entscheidender Faktor beim Investieren. Über die Jahre hat sich meine durchschnittliche Haltedauer bei rund 18 Monaten eingependelt. Manchmal dauert es jedoch viel länger, bis der Markt eine Anomalie erkennt und der Kurs auf ein faires Niveau steigt. Eine Reihe von Titeln hatte ich mehrere Jahre lang im Portfolio, bis sich das Investment auszahlte.

Ich erinnere mich an einen jungen Kollegen, mit dem ich viele gute Diskussionen über Aktien geführt habe. Gelegentlich wollte er von mir wissen, warum ich bestimmte Aktien halte, die zwar günstig bewertet sind, aber bei denen keine Aussicht auf eine kurzfristige Preiskorrektur nach oben besteht. Meine Antwort: Es ist sehr ungewöhnlich, dass eine Bewertungsanomalie zutage tritt und gleichzeitig der Katalysator zu erkennen ist, der für das Verschwinden dieser Anomalie sorgt.

Aber wie können Investoren messen, ob eine Aktie fair oder unter ihrem Wert gehandelt wird? Ein Anhaltspunkt, den man zu Hilfe nehmen kann, ist die Bewertung in der Vergangenheit. Es ist unerlässlich, die langfristige Historie eines Titels zumindest über einen vollständigen Geschäftszyklus zu kennen – besonders, wenn die Bewertungen ungewöhnlich hoch oder niedrig sind. Ein Kauf zu Tiefpunkten erhöht die Chance auf Gewinne deutlich, während ein Erwerb zu Höchstständen das Verlustrisiko erhöht. Diese Vorgehensweise ist der Kern meines In-vestmentansatzes geworden.

Ich nutze stets mehrere Bewertungsmethoden, da ich es für gefährlich halte, sich nur auf eine Methode zu konzentrieren. Außer dem Kurs-Gewinn-Verhältnis und dem Kurs-Umsatz-Verhältnis sehe ich mir den Unternehmenswert sowie den zu erwartenden freien Cashflow an. Je nach Branche sind unterschiedliche Bewertungskennzahlen wichtig. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis ist beispielsweise bei Bauunternehmen für Eigenheime ziemlich belanglos, da Grundstücksverkäufe nur einen einmaligen Gewinn abwerfen.

Investoren tun jedoch gut daran, weitere Kennzahlen auszuwerten. Besonders zu Beginn meiner Karriere hat mich immer wieder erstaunt, dass manche Anomalie vom Markt völlig über-sehen wurde. Das war zum Beispiel beim Luxemburger Stahlkonzern Arbed der Fall, den ich 1988 besuchte, und der 2007 in Arcelor-Mittal aufgegangen ist. Bei dem Treffen stellte sich heraus, dass die meisten Analysten von einer zu hohen Zahl an frei handelbaren Aktien ausgegangen waren. Dabei hatte das Unternehmen eine Wandelanleihe zurückgekauft – es gab also weniger Aktien als gemeinhin angenommen. Das hieß: Die am Markt erhältlichen Papiere waren in Wirklichkeit mehr wert als der Kurs erkennen ließ. Daraus ergab sich eine Bewertung mit 50 Prozent Abschlag zum Buchwert. Arbed war eine Stecknadel, die ich im Heuhaufen ziemlich leicht fand – und ein lohnendes Investment.

Anthony Bolton von Fidelity International ist auch über 30 Jahre nach seinem Karrierebeginn für Überraschungen gut: Die Investmentbranche verfolgt derzeit mit großer Spannung den Start seines neuen Chinafonds. Für dessen Launch ist der einflussreiche Fondsmanager An-fang 2010 von London nach Hongkong gezogen. Zuvor verantwortete er die Anlagestrategie und die Fondsmanagerausbildung bei Fidelity. Einen legendären Ruf erwarb er sich als Mana-ger des Fidelity Special Situations Fund. Dieser erzielte unter Bolton zwischen 1979 und 2007 jährlich im Schnitt 19,5 Prozent Plus. Bolton war außerdem Manager des größten und bis heute besten europäischen Aktienfonds, des Fidelity European Growth Fund. In seinem neuen Buch „Investing Against the Tide“ beschreibt er die Grundlagen seines Erfolgs. Mehr Informationen unter www.fidelity.de.

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