30.03.2010 14:16:18

von Anthony Bolton, exklusiv für Euro am Sonntag
Wenn ich mir anschaue, bei welchen Titeln ich im Laufe der Jahrzehnte die größten Verluste gemacht habe, so waren es meist Unternehmen mit schwachen Bilanzen. Polly Peck ist so ein Beispiel: Bereits 1980 kaufte ich die ersten Aktien des Mischkonzerns, die sich zu den „Wun-deraktien“ der 1980er Jahre entwickelten. 1987, 1988 und 1989 gehörte Polly Peck zu den Top-10 in meinem Portfolio. Geschäftsführer Azil Nadir schuf aus einem Exportunternehmen für zyprische Zitrusfrüchte einen breit aufgestellten Konzern, zu dem unter anderem eine Elektro-sparte und Hotels in der Türkei gehörten. Vor dem Konkurs 1990 gab es einige Warnsignale, darunter auffallend hohe Gewinnmargen und steigende Schulden. Noch im Jahr des Zusam-menbruchs saß ich einem sehr kultivierten Nadir gegenüber, der meine Bedenken glaubwürdig und überzeugend zerstreute – er sprach von einem eventuellen finanziellen Engpass und dis-kutierte mit mir über die Höhe der Margen in der Branche. Später ermittelte das Betrugsdezer-nat gegen ihn.
Seit Polly Peck (und einigen anderen Firmen) überlege ich mir vorher ganz genau, ob ich in ein Unternehmen mit schwachen Bilanzen investiere. Denn schlechte Investitionen zu vermeiden ist wichtiger, als Gewinne zu machen. Große Verluste schmälern den Erfolg mehr als große Gewinne wieder wettmachen. Für eine lange Zeit hat mir der Service „Company Watch“ gehol-fen, mich bei meinen Sorgenkindern auf dem Laufenden zu halten. „Company Watch“ analy-siert die finanziellen Risiken von Unternehmen. Sobald sich eine negative Entwicklung ab-zeichnet, sollte man verkaufen – egal, ob man dadurch einen Verlust generiert. Von „Company Watch“ schlecht bewertete Unternehmen zeichnen sich dadurch aus, dass sich schwieriger werdende Geschäftsbedingungen sofort negativ auf ihre Liquidität auswirken. Sollte ein sol-ches Unternehmen dennoch überzeugend sein (beispielsweise aufgrund der Qualität der Ge-schäftsidee), halte ich an diesem weniger Anteile als ich es bei guten Bilanzen täte. Ich reagie-re außerdem sensibel, wenn sich eine Bewertung plötzlich verschlechtert. Auch hier verfolge ich die Entwicklung äußerst aufmerksam.
Die Zahlungsverpflichtungen eines Unternehmens – sowohl bei Banken als auch gegenüber Investoren oder Mitarbeitern mit Pensionsansprüchen – sind für mich entscheidend. Bevor man in ein Unternehmen investiert, sollte man sich mit dessen Verbindlichkeiten beschäftigen und analysieren, welche davon kurzfristig zurückzuzahlen sind. Bei vielen Unternehmen schwan-ken die Zahlungsverpflichtungen im Laufe eines Jahres – den falschen Zeitpunkt zu betrach-ten kann fatale Folgen haben. Ich habe mich daher in persönlichen Gesprächen stets nach dem durchschnittlichen Niveau der Verbindlichkeiten erkundigt.
Weitere Risiken neben schwachen Bilanzen sind für mich ein schlechtes Geschäftsmodell und ein schlechtes Management. Für mich war es immer hilfreich, mich in einen Short-Spezialisten hineinzuversetzen, der nach den Schwachstellen eines Unternehmens sucht. Die Frage, die ich mir dabei gestellt habe, lautete: Was kann passieren, damit der Kurs auf sein bisher nied-rigstes Niveau zurückfällt? Wenn mir dazu etwas einfiel, bedeutete das: Bloß nicht investieren! Was man bei der Suche nach Risikofaktoren ebenfalls bedenken sollte: Schlechte Nachrichten dringen nur langsam an die Öffentlichkeit. Die Aufgabe eines Investmentmanagers ist es, sie trotzdem zu finden. Investoren sollten nie vergessen: Fehler zu vermeiden ist entscheidend für den Erfolg. Hätte ich die Finger von allen Unternehmen mit schwachen Bilanzen gelassen, hät-te ich vielleicht ein paar Gewinnchancen verpasst – aber auch meine größten Verluste vermie-den.
Anthony Bolton von Fidelity International ist auch über 30 Jahre nach seinem Karrierebeginn für Überraschungen gut: Die Investmentbranche verfolgt derzeit mit großer Spannung den Start seines neuen Chinafonds. Für dessen Launch ist der einflussreiche Fondsmanager An-fang 2010 von London nach Hongkong gezogen. Zuvor verantwortete er die Anlagestrategie und die Fondsmanagerausbildung bei Fidelity. Einen legendären Ruf erwarb er sich als Mana-ger des Fidelity Special Situations Fund. Dieser erzielte unter Bolton zwischen 1979 und 2007 jährlich im Schnitt 19,5 Prozent Plus. Bolton war außerdem Manager des größten und bis heute besten europäischen Aktienfonds, des Fidelity European Growth Fund. In seinem neuen Buch „Investing Against the Tide“ beschreibt er die Grundlagen seines Erfolgs. Mehr Informationen unter www.fidelity.de.