16.01.2009 12:05:46

Welches europäische Land ist Ihrer Einschätzung nach derzeit von der Krise am stärksten betroffen?
Besonders stark betroffen sind die Staaten, die in den letzten Jahren einen Boom der Kreditvergabe, eine rasch steigende Verschuldung der Unternehmen und privaten Haushalte, schnell steigende Immobilienpreise und einen damit einhergehenden Konsumboom erlebt haben. In Westeuropa sind dies insbesondere Irland, Großbritannien und Spanien. In diesen Ländern schlägt gegenwärtig die Konjunktur besonders stark um, während gleichzeitig der Rückgang der inländischen Nachfrage zu besonders hohen Einnahmenausfällen der öffentlichen Haushalte führt. In Irland erwarten wir beispielsweise eine Verschlechterung des Saldos der öffentlichen Haushalte um zehn Prozent des BIP von 2006 auf 2009.
Und welche Auswirkungen hat die Krise auf die Länder der EU? Gab es eventuell bereits Änderungen des Kreditausblicks eines Mitglieds?
Die Finanzkrise hat insofern Auswirkungen auf die Kreditwürdigkeit der EU-Staaten, da sie die zentralen Faktoren der Kreditwürdigkeit von Staaten betrifft. Speziell die gesamtstaatlichen Haushaltsdefizite, Staatsschulden, die Stabilität des Finanzsektors sowie die Fähigkeiten der Staaten, ihre externen Defizite zu finanzieren, sind hiervon betroffen.
In den letzten zwölf Monaten haben wir deshalb bereits die Ratings von fünf EU-Staaten gesenkt. Dies waren Lettland (2 Stufen), Litauen (2 Stufen), Ungarn, Bulgarien und Rumänien. Aktuell haben wir außerdem am Montag den 12. und Dienstag den 13. Januar die Ratings von Irland mit einem negativen Ausblick versehen, sowie Griechenland, Spanien und Portugal auf Creditwatch negativ gesetzt. Da sich die realwirtschaftlichen Auswirkungen der Finanzkrise erst jetzt allmählich zeigen - welche dann potenziell wieder auf die öffentlichen Haushalte und den Finanzsektor rückwirken -, können weitere Ratingänderungen im Zuge der Krise nicht ausgeschlossen werden.
Viele EU-Mitgliedstaaten, aber auch die EU selbst versuchen ihre Konjunktur und Rettungsprogramme durch die Ausgabe von Anleihen Gegenzufinanzieren. Wie beurteilt S&P die bereits eingeleitete Flutung des Marktes mit Staatsanleihen?
Dazu können wir aus Ratingperspektive gar nicht so viel sagen, außer, dass sich für die begebenden Staaten natürlich die Frage stellt, was die stark erhöhte globale Schuldenbegabe zum einen für die Schuldenquoten, zum anderen für die Finanzierungskosten bedeutet. Insoweit es zu einem signifikanten Anstieg der Defizite und Schuldenstände kommt, kann dies natürlich auch Abwärtsdruck auf die Ratings ausüben.
Aufgrund ihrer Liquidität und Sicherheit sind Deutsche Anleihen derzeit besonders gefragt. Ihre Renditen liegen deshalb auf historischen Tiefstständen. Steht das Land bei 1,5 Billionen Euro Schulden wirklich so gut da, wie die Beliebtheit seiner Papiere vermittelt?
Die deutschen Anleihen profitieren gegenwärtig sicher von ihrem Benchmarkstatus und der hohen Liquidität. Es darf aber auch nicht übersehen werden, dass Deutschland sich in den vergangenen Jahren durch eine starke Haushaltskonsolidierung und das Erreichen eines ausgeglichenen Haushalts eine deutlich verbesserte Ausgangsposition verschafft hat. Der Schuldenstand ist zwar in der Tat relativ hoch, aber wir erwarten, dass sich die Verschlechterung des Haushaltsdefizits in den nächsten zwei Jahren deutlich innerhalb der von Maastricht gesteckten Grenzen bewegen wird. Des Weiteren sind die Risiken und Kosten einer potenziellen Rekapitalisierung des deutschen Finanzsektors geringer als in vielen anderen westeuropäischen Staaten. All diese Faktoren dürften ebenfalls in die Risikoeinschätzung der Käufer deutscher Staatsanleihen eingehen.