04.02.2009 11:34:55

Von Dr. Jürgen Meyer, Head of Euroland&German Equities SEB Asset Management
Um es gleich vorweg zu sagen: Wie schlimm die derzeitige Krise wird und wie lange sie dauert weiß unsere Glaskugel nicht. Noch weniger kann ich Ihnen versprechen, dass die Kurse nicht noch weiter fallen, geschweige denn sagen, wo der DAX Ende 2009 steht. Was mich so optimistisch macht?
1. Rohstoffe: Wir haben an dem als „Superzyklus“ gefeierten Boom der letzten Jahre nicht zwangsläufig profitiert. Im Gegenteil: wir hatten ihn über viel zu hohe Öl- und Rohstoffpreise finanziert.
Ein Beispiel: Öl aus kanadischen Feinsanden zu extrahieren kostet 40 $/Barrel. In diesem Preis sind die Investitionen für die Ölzentrifugen enthalten. Wenn die Anlagen ohnehin stehen, ist der Betrieb bis 25$/Barrel profitabel. Kennen Sie eine Ölsorte, deren Gewinnung aufwändiger und damit teurer ist, als die aus Feinsanden? Ich nicht.
Wie kann Öl knapp sein, wenn die teuerste Ölsorte der Welt keine 40$/Barrel in der Gewinnung kostet? Offenbar war Öl nie knapp – so wenig wie andere Rohstoffe. Es gab lediglich eine temporäre Knappheit der Gewinnungsanlagen. Und die scheint beseitigt.
Jetzt kommt das Paradoxon: die Russen, Araber und Brasilianer horten plötzlich ihre Petrodollars aus Angst, die Rohstoffpreise könnte nicht mehr steigen oder gar weiter fallen.
Die Amerikaner, Japaner und Europäer geben noch kein Geld aus, aus Sorge, die Rohstoffpreise könnten wieder steigen.
Offensichtlich wird sich die Sorge einer Hälfte der Welt als unbegründet herausstellen.
2. Yen: Ein weiteres Kuriosum: Japan verfolgte jahrelang erfolgreich die Politik des billigen Geldes und verschaffte seinen Unternehmen via schwachem Yen einen Wettbewerbsvorteil. Toyotas märchenhafter Erfolg im letzten Jahrzehnt war nicht zuletzt seiner Währung geschuldet.
Seitdem alle Notenbanken der Welt die Zinsen senken, hat der Yen um 40% aufgewertet. (oder sollte man es andersherum sehen: die anderen Währungen haben abgewertet?)
Eigentlich ein Freudenfest für alle Unternehmen, die japanische Wettbewerber haben.
Was geschah mit den Aktien? Daimler&Co fielen wegen der Gewinnwarnungen von Toyota & Co. Neben den Autoherstellern dürften übrigens viele Maschinenbauer von der Yen-Aufwertung profitieren.
3. Bewertung: Was die Gewinne betrifft: es werden kleinere Brötchen gebacken. Vorübergehend. Ein neues Haus, das zwei Jahre leer steht, ist trotzdem werthaltig. Genauso wie ein Unternehmen in einer zyklischen Industrie - und das sind fast alle - einen Wert besitzt, selbst wenn es zwei Jahre lang wenig Gewinn erwirtschaftet.
Mit Ausnahme der Finanz- und Rohstoffindustrie gab es vor Ausbruch dieser Krise keine nennenswerten Überbewertungen im Aktienmarkt – ein wichtiger Unterschied zu früheren Markteinbrüchen.
Offenbar gab es zu viele Spieler, die auf Kredit spekuliert hatten und nun von ihren Gläubigern zwangsexekutiert wurden. Besonders wirksam übrigens, wenn der Kredit in Yen aufgenommen wurde und sich um 40% verteuert hatte.
Dass der DAX sich halbiert hat, impliziert, dass am Ende der derzeitigen Krise die Hälfte der Unternehmen wieder so profitabel wirtschaftet wie zuvor (nach jeder vorangegangenen Krise waren die Gewinne gestiegen) und die andere Hälfte die Krise nicht überstehen würde. Schwer vorstellbar.
Die Zukunft ist unklar. Und sobald alles klar ist, sind die Kurse längst enteilt.