€uro am Sonntag Spezial

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Stahlpreise, Wolfgang Leese, Salzgitter,
„Die Talsohle ist erreicht“
27.06.2009

Salzgitter-Chef Wolfgang Leese im Interview über die Macht der Rohstoffriesen, rote Zahlen und Lichtblicke im Stahlgeschäft.

Wolfgang Leese hat keinen leichten Job: Der 63-jährige Manager manövriert Deutschlands zweitgrößten Stahlkonzern nach ThyssenKrupp durch die schwerste Krise seit Jahrzehnten. Die Niedersachsen sind stark abhängig von der Autobranche und wie die gesamte Stahlindustrie der Marktmacht der globalen Rohstoffgiganten ausgeliefert. Leese sprach mit €uro am Sonntag über die Psychologie der Krise und den Poker um die Preise.

€uro am Sonntag: 2008 waren die Rohstoffpreise auf einem Spitzen­niveau. Wie viel Nachlass ist denn im Krisenjahr 2009 drin?
Wolfgang Leese: Die Verträge, die vom Weltmarktführer ArcelorMittal mit dem Rohstoffkonzern Vale geschlossen wurden, sind auch für uns richtungsweisend. Und das bedeutet rund 30 Prozent Preisnachlass auf den Vorjahrespreis beim Eisenerz. Darüber hinaus gibt es einen Benchmark-Abschluss für Kohle, der einen Preisnachlass von rund 60 Prozent beinhaltet.

€uro am Sonntag: Die Rohstoffriesen Xstrata und Anglo American verhandeln über eine Fusion, Rio Tinto und BHP Billiton rücken ebenfalls zusammen. Bereitet Ihnen das als Kunde Bauchschmerzen?
Leese: Diese Gespräche machen mir keine Angst. Beim Eisenerz haben heute drei Anbieter über 70 Prozent des Weltmarkts. Ob diese Macht nun bei zwei oder bei drei Konzernen angesiedelt ist, spielt für mich keine große Rolle. Wir sind als kleinerer Stahlerzeuger in der komfortablen Situation, auch bei kleineren Rohstofflieferanten einkaufen zu können. Das macht uns weniger abhängig von den großen.

€uro am Sonntag: Die Tendenz zu hohen Rohstoffpreisen könnte sich dennoch festigen.
Leese: Ich erwarte etwas anderes, nämlich, dass die Konzerne ihre zuletzt hohen Investitionen in die Exploration und die Umschlagslogistik der Stahlbranche bei nächster Gelegenheit in Rechnung stellen.

€uro am Sonntag: Könnte es bereits 2009 zu Preissteigerungen kommen? Leese: Die Verträge laufen jetzt erst mal ein Jahr. Aber im nächsten Sommer könnte es so weit sein, falls der Stahlmarkt das hergibt.
€uro am Sonntag: Wie laufen denn die Geschäfte bei Salzgitter? Leese: Im Mai hat sich der Auftragseingang auf etwa 75 Prozent des Niveaus unserer Produktionskapazitäten eingependelt, auch der Juni liegt bislang auf diesem Level. Es ist aber nicht klar, ob diese Entwicklung nachhaltig ist. Wir wissen, dass die Lagerbestände bei unseren Kunden deutlich gesunken sind. Es wird jedenfalls wieder bestellt.

€uro am Sonntag: Sie sagten, dass die Auslastung nach den Ferien bei 75 bis 80 Prozent liegen soll. Sind Sie auf Kurs?
Leese: Bis Mai lagen wir lediglich bei 50 bis 55 Prozent. Der Auftragseingang von Mai und Juni lässt uns jedoch hoffen, wieder auf ein akzeptables Niveau von rund 80 Prozent zu gelangen. Knapp zwei Drittel unseres Stahlgeschäfts machen wir mit der Automobilindustrie. Der Rest des Jahres sollte hier einigermaßen normal laufen, wenn man von rund 3,6 Millionen zugelassenen Neufahrzeugen im laufenden Jahr ausgeht. Die Abwrackprämie hat gewirkt. Insofern bin ich zuversichtlich, dass der Stahlmarkt die Talsohle bereits durchschritten hat.

€uro am Sonntag: Droht nach Ende der Förderung Anfang 2010 nicht ein neuerlicher Rückschlag?
Leese: Die Autonachfrage in Deutschland könnte nach Auslaufen der Förderung wieder sinken. Das hört man aus der Autobranche.
€uro am Sonntag: Also ist noch kein Ende der Krise in Sicht?
Leese: Ich vermag nicht zu sagen, wann das zu Ende ist. Die Krise ist auch psychologischer Natur. Es ist ja nicht so, dass die Leute kein Geld hätten, um Autos zu kaufen. Andererseits bleibt die Lage auch im Maschinenbau angespannt. Wenn die Auftragspolster hier abgearbeitet sind, könnte es zu einem Einbruch bei den Bestellungen kommen.

€uro am Sonntag: Sie sagten doch, die Talsohle sei durchschritten. Woher Ihr Optimismus?
Leese: Die Stahlindustrie hat ihre Kapazitäten bereits drastisch reduziert. In Deutschland, Luxemburg und Belgien sind noch neun von 15 Hochöfen in Betrieb. Der Weltmarktführer betreibt von weltweit 25 Öfen nur noch elf. Bei sich belebender Nachfrage dauert es Wochen, bis die Kapazitäten wieder zur Verfügung stehen. Insofern könnte der Stahlmarkt kurzfristig auch schnell wieder ein Verkäufermarkt werden. Bei bestimmten Stahlqualitäten gibt es jetzt schon Lieferschwierigkeiten.




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