15.11.2011 17:22 | Aktuell

Senden

"Deutschland verlässt die Eurozone"

Interview mit Pippa Malmgren, die dem Finanz-und Wirtschaftsteam des US-Präsidenten George W. Bush angehörte. Als Vorsitzende von Canonbury Group und Principalis Asset Management berät sie heute hochrangige institutionelle Investoren.

€uro: Frau Malmgrem, wie beurteilen Sie die Managementfähigkeiten europäischer Politiker, die Schuldenprobleme in der Eurozone zu lösen?
Pippa Malgrem: Die Regierungschefs glauben, sie wären Herr des Verfahrens, sie sind es aber nicht. Sie glauben Worte wären ein Ersatz für Cash. Sie haben keinen Plan für die schwerste Krise Europas. Verzweifelt suchen sie nach einer Lösung. Die einzige Lösung ist jedoch ein Default, nicht nur Griechenlands, sondern auch anderer europäischer Staaten. Fakt ist: Deutschland will und kann nicht allen Staaten aus der Klemme helfen. Das kann auch nicht der Internationale Währungsfonds und auch nicht China. Also werden die Schuldenländerländer ihre Zahlungsunfähigkeit erklären müssen.

Die Märkte reagierten jedoch zunächst erleichtert auf den 50-Prozent-Haircut auf griechische Schulden. Doch das löst die Krise nicht?
Malgrem: Keineswegs. Griechenland ist ja auch nicht das Problem. Gravierender sind doch die Schulden Portugals, Italiens und Spaniens. Auch Belgien und Frankreich sind bankrottgefährdet.

All diese Länder und ihre Banken können nicht gerettet werden? Malmgren: Die notwendigen Mittel würden das Bruttoinlandsprodukt der Eurozone um ein Vielfaches übersteigen. Vergessen wir nicht: Jedes Rettungspaket muss zurückbezahlt werden. Ein Rettungsschirm von einer oder zwei Billionen würde die Krise daher nur verschlimmern.

Die Bundesregierung sagt, sie will den Euro nicht scheitern lassen. Doch in der Bevölkerung wächst der Widerstand gegen immer neue Transferzahlungen und Kreditgarantien. Welche Handlungsoptionen hat Berlin?
Malmgren:
Deutschland will den Euro stabilisieren, aber es ist auch nicht gewillt, permanent die Melkkuh Europas zu sein. Vor allem dann nicht, wenn die Schuldenländer ihre Sparversprechen nicht erfüllen. Berlin ist auch nicht bereit, ausländischen Banken Schecks auszustellen, so wie es Frankreich bereits verlangt hat. Deutschland ist nur verpflichtet, die eigenen Institute und die deutschen Steuerzahler zu schützen. Eigentlich sollte jedes EU-Land seine Probleme allein lösen. Viele können dies aber nicht.

Die Folgen?
Malmgren:
Die Europäische Zentralbank wird entweder die Schulden monetarisieren oder es kommt zu einer Reihe von Pleiten. In beiden Fällen wird Deutschland ständig mit Preisinstabilität zu leben haben.

Was für Handlungsoptionen hat Deutschland?
Malmgren:
Die Regierung wird schon bald entscheiden müssen, ob Deutschland in der Eurozone bleiben soll. Ich denke, die Regierung hat sich entschlossen, den Ausstieg vorzubereiten. Es würde mich nicht überraschen, wenn sie mit Blick auf den Wähler diesen Schritt dann auch wirklich vollzieht.

Deutschland hat sich bislang der europäischen Integration sehr verpflichtet gefühlt. Der Ausstieg würde auf heftige Kritik stoßen und wäre nicht rechtens. Malmgren: Richtig. Aber ein Zahlungsausfall ist auch nicht rechtens. Ist Deutschland nicht mehr Teil der Eurozone, wird der Euro schwächer. Aber er wird weiter existieren. Die Defizitländer könnten dann ihre Exporte zu günstigeren Konditionen anbieten und beginnen zu gesunden. Ein Austritt bedeutet auch nicht, dass sich Deutschland nicht mehr der europäischen Integration verpflichtet fühlt. Wie von Berlin verlangt, könnten die Verträge neu verhandelt werden, so dass künftige Schuldenkrisen nicht mehr zu befürchten sind.

Wenn Deutschland die Eurozone verlässt, steigt die D-Mark. Glauben Sie wirklich, dass die Regierung der so wichtigen Exportindustrie schaden will?
Malmgren:
Die Verluste wären zu verkraften. Sowieso wird niemand aus Südeuropa so schnell wieder einen Mercedes kaufen. Deutschland ist nicht so stark im Export, weil die Währung billig ist. Deutsche Produkte sind gefragt, wie sie innovativ und hohe technologische Anforderungen erfüllen. Deutschland hat im Gegensatz zu vielen seinen Nachbarn immer mit einer hohen Währung leben können.

Was könnte Deutschland veranlassen, aus der Währungszone auszutreten?
Malmgren:
Deutschland hat die einfache Wahl: permanente Preisinstabilität oder zwischenzeitliche Währungsaufwertungen. Sollte der neue Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, weiter Anleihen der Defizitländer kaufen, monetarisiert er die Schulden, was die Inflationsrate in Europa nach oben treiben wird.

Das kann Deutschlands Regierung nicht akzeptieren?
Malmgren:
Nein. Die hochverschuldeten südeuropäischen Länder wiederum können aber auf inflationäre Lösungen nicht verzichten. Der Konflikt ist klar.

Kann die Schuldenkrise allein durch Sparen gelöst werden?
Malmgren:
Nein. Die Beziehung Staat-Bürger muss in jedem EU-Staat neu definiert, der Sozialvertrag neu ausgehandelt werden. Die Bürger zahlen Steuern und verlangen vom Staat Gegenleistungen. Wenn der Staat aber nicht liefern kann, muss das öffentlich diskutiert werden.

Bedeutet die Schuldenkrise das Ende des Wohlfahrtstaates?
Malmgren:
Sollten Griechenland und andere Staaten Pleite gehen, dann werden wir wohl das Ende des Wohlfahrtstaates in Südeuropa erleben. Die Bürger werden akzeptieren müssen, dass der Staat ihre Renten nicht mehr bezahlen kann. Deshalb wird, wie wir es in Schweden nach der Bankenkrise gesehen haben, der Einfluss des Staates auf die Wirtschaft sinken. Die Unternehmen und die Märkte werden dann plötzlich atmen können und dafür sorgen, dass die Volkswirtschaften wachsen können.

Wird die Politik sich den neuen Realitäten anpassen können?
Malmgren:
Ein Staat, der kein Geld hat, muss scheitern. Es wäre ein gutes Ergebnis, wenn in Europa mehr unternehmerisches Denken einziehen würde und weniger ein der Wohlfahrtsstaat propagiert würde, den sich niemand leisten kann. Deutschland hat die notwenigen Anpassungen schon getroffen. In Südeuropa wird dies nur geschehen, wenn eine Krise dem Staat die finanziellen Mittel entzieht. Die Politiker müssen die Realitäten anerkennen. Ansonsten werden sie vom Markt noch härter bestraft.