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18.01.2012 10:39 | Aktuell

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„Die Geschäfte boomen“

Der Wirtschaftsanwalt und Vorstand der deutschen Stiftung Familienunternehmen, Brun-Hagen Hennerkes (72), über die Eurokrise und die Börse

Das Interview führte €uro-Redakteur Mario Müller-Dofel

€uro: Herr Hennerkes, wie beurteilen die deutschen Familienunternehmer die Arbeit der Bundesregierung in der Eurokrise?
Brun-Hagen Hennerkes: Sie erkennen die Bemühungen der Bundeskanzlerin an, die auf dem letzten Brüsseler Krisengipfel dank ihres Verhandlungsgeschicks viel Handlungsfähigkeit zurückgewonnen hat.

Ein Grund für Optimismus?
Hennerkes:
Dafür ist es zu früh. Die Situation für den Euro ist nach wie vor äußerst kritisch. Zudem fehlt für Europa die dringend erforderliche staatsrechtliche Grundlage, welche eine dauerhaft tragfähige Basis für die Währungsunion bilden könnte. Und die Kernprobleme des Euro – die wirtschaftliche Inhomogenität der einzelnen Mitgliedsländer, die Überschuldung der Südstaaten und die inzwischen entstandene Haftungs- und Transferunion – werden von den deutschen Familienunternehmen nicht ohne eine glaubwürdige politische Vision akzeptiert.

Derzeit warnen Volkswirte wieder vor einer Kreditklemme. Ist das berechtigt?
Hennerkes:
Ja, denn die Kreditvergabefähigkeit der deutschen Banken wird durch die geforderte Erhöhung der Kernkapitalquote eingeschränkt. Hinzu kommt, dass sich die ausländischen Banken seit der Lehman-Pleite weitgehend vom deutschen Kreditmarkt zurückgezogen haben, dass die IKB als maßgeblicher Langfristfinanzierer de facto ausgefallen ist, dass die Landesbanken sich vorrangig der Reparatur ihrer eigenen Geschäftsmodelle widmen müssen und dass die Commerzbank zur Bilanzverkürzung gezwungen ist.

Aber die Europäische Zentralbank verleiht doch Rekordsummen an die Banken.
Hennerkes:
Damit werden die Gefahren vermindert, aber nicht beseitigt. Denn noch ist nicht ausgemacht, dass die Banken statt mit dem frischen Geld ihre Kreditvergabetätigkeit zu stärken, andere lukrative Geschäfte durchführen.

Zum Beispiel?
Hennerkes:
Staatsanleihen aufkaufen. Das wäre aufgrund der großen Zinsdifferenzen ein gutes Geschäft.

Nun geht auch das Rezessionsgespenst wieder um. Zittern die Familienunternehmen schon?
Hennerkes:
Derartige Prognosen mehrerer Wirtschaftsinstitute sind bei den Familienunternehmern noch nicht angekommen. Derzeit boomen die Geschäfte so sehr, dass allerorten Auftragsüberhänge bestehen. Deren Abarbeitung würde eine eventuelle Rezession weitgehend abfedern.

SPD und Grüne, so scheint es, haben gute Chancen, bei der Bundestagswahl 2013 die Macht zu übernehmen. Wie sehen das die Familienunternehmer?
Hennerkes:
Sehr kritisch. Denn dann drohen Zusatzbelastungen bei den Substanzsteuern – etwa die Einführung einer Vermögenssteuer oder eine höhere Erbschaftsteuer. Da die Substanzsteuern aus versteuertem Eigenkapital zu zahlen sind und die deutschen Familienunternehmen ohnehin eine – international gesehen – zu geringe Eigenkapitalquote aufweisen, wäre das besonders brisant.

Wie sorgen die Familienunternehmer gegen eine Eskalation der Eurokrise vor?
Hennerkes:
Bereits seit Ausbruch der Finanzkrise setzen sie alle erdenklichen Maßnahmen zur Liquiditätssicherung und zur Stärkung ihrer Zukunftsfähigkeit um. Dabei geht es beispielsweise um die Optimierung der Wertschöpfungskette, insbesondere durch die Feinjustierung des logistischen Instrumentariums, sowie um die strikte Verkürzung des Payback-Zeitraums für alle Investitionen. Zudem haben viele Familienunternehmen antizyklisch ihren Forschungs- und Entwicklungsbereiche gestärkt, wie insbesondere die Zahlen des Maschinenbaus beweisen.

Fast die Hälfte der börsennotierten Unternehmen in Deutschland ist in Familienhand. Haben diese zurzeit durch die Börsennotierung einen Vorteil?
Hennerkes:
Bei den großen und bekannten Familienunternehmen, die sich seinerzeit bei der ersten „going public“-Welle unter Führung von Unternehmen wie Hugo Boss, Hymer und Merck auf den Kapitalmarkt begeben haben, ist inzwischen jedes Interesse an einer Börsennotierung verloren gegangen...

Warum?
Hennerkes:
Die Öffentlichkeit der Hauptversammlung, die zwischenzeitlich vom Finanzministerium initiierten hohen kapitalmarktrechtlichen Hürden und die heutzutage vorhandene Möglichkeit, sich unter Ausschaltung des Kapitalmarkts anderweitig Geld von Investoren zu verschaffen, haben zu einer wahren „Dürre“ an den Börsen geführt.

Wie sind zurzeit die Chancen für eine Kapitalbeschaffung über die Börse?
Hennerkes:
Schlecht. Die Anleger fürchten höhere Inflationsraten. Und das Argument pro Sachwerte trifft nur auf wenige Industrieunternehmen zu, nämlich auf solche, die über wertvolle Gebäude und Produktionsanlagen verfügen. Allerdings reizen die derzeit hohen Dividendenrenditen, die weit über dem Anleihemarkt – jedenfalls für die sicheren Staatsanleihen – liegen, viele Anleger. Es fehlt jedoch die Aussicht auf üppige Kurssteigerungen, vielleicht mit Ausnahme von Technologieaktien, deren Bewertung in den letzten Jahren massiv gesunken ist.

Ob deutsche Unternehmen wirklich einen Vorteil vom Euro haben – im Vergleich zur DM früher – darüber wird trefflich gestritten. Wie sehen Sie das?
Hennerkes:
Die Beantwortung dieser Frage ist Kaffeesatzleserei. Niemand weiß nämlich, wie unsere Wirtschaft sich auf D-Mark Basis weiterentwickelt hätte. Fest steht jedoch, dass die Familienunternehmen ganz überwiegend Euro-Befürworter sind, schon wegen des enorm erleichterten Handlings, das für Geschäfte innerhalb des Euroraums unbestreitbar wichtig ist.

Was würde passieren, wenn die DM wieder eingeführt würde?
Hennerkes:
Eine Wiedereinführung der D-Mark würde zu einer Aufwertung von geschätzt 18 Prozent bis 22 Prozent führen. Dies wäre zwar eine gewaltige Hürde. Andererseits beweist die Schweiz, dass man sie überwinden kann. Und sie würde die Familienunternehmer zwingen, noch konsequenter als bisher ihre Kosten zu reduzieren.

Vielen Dank für das Gespräch.

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