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21.08.2012 11:16 | Aktuell

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Neue Wege für Schwarzgeld

Die Schweiz wird wegen geplanter Lockerungen des Bankgeheimnisses für Steuersünder unattraktiver. Wohin Vermögen jetzt abwandert

vvon Anton Götzenberger und Stefan Rullkötter

Schwarze Löcher gibt es nicht nur im Weltall, sondern auch in der Weltwirtschaft. Nach einer neuen Studie der Organisation Tax Justice Network (Netzwerk für Steuergerechtigkeit) haben wohlhabende Anleger weltweit ein geschätztes Finanzvermögen zwischen 21 und 32 Billionen Dollar in Steueroasen gebunkert. Damit hätten sie im vergangenen Jahr bis zu 227 Milliarden Euro Einkommensteuer „gespart“ oder — weniger vornehm ausgedrückt — Abgaben zum Nachteil ihrer Wohnsitzländer hinterzogen.

Auch deutsche Schwarzgeldbesitzer sind Teil dieser „Steuervermeidungsindustrie“. Ihre Geldanlagen konzentrierten sich bislang vor allem auf den Finanzplatz Schweiz mit seinem strengen Bankgeheimnis. Deutsche Steuerfahnder vermuten auf eidgenössischen Konten und Depots immer noch ein nicht deklariertes Gesamtvermögen von 150 Millarden Euro — trotz der „Steuer-CDs“.

Nun droht vielen Steuerhinterziehern die Zeit davon zu laufen: Am 1. Januar 2013 soll ein neues Steuerabkommen zwischen Deutschland und der Schweiz in Kraft treten. Die Kernpunkte: Deutsche Bankkunden sollen ihr Schwarzgeld auf Schweizer Konten anonym und pauschal nachversteuern — je nach Einzelfall mit Sätzen von 21 bis 41 Prozent, künftige Kapitalerträge und Kursgewinne sollen in der Schweiz mit rund 26 Prozent Quellensteuer belastet werden.

Vermögen geht auf Wanderschaft. Diese Abgaben sind vielen Anlegern, deren Geld bei den Eidgenossen liegt, zu hoch: „Sollte das Abkommen wie geplant in Kraft treten, wird es bei Schweizer Banken zu signifikanten Mittelabflüssen kommen“, sagt Andreas Lenzhofer von Booz & Company in Düsseldorf. Nach Berechnungen der Unternehmensberatung werden deutsche Anleger im kommenden Jahr rund 36 Milliarden Euro von eidgenössischen Instituten abziehen.

Schwarzgeldbesitzer, die nicht bis zum Stichtag 31. Mai 2013 den Pfad der Steuerehrlichkeit einschlagen und sich gegen eine „freiwillige Meldung“ entscheiden, suchen derzeit neue Anlagewege für ihr unversteuertes Vermögen.

€uro hat die vier beliebtesten Finanzplätze dieser Klientel ermittelt: Beliebtestes Reiseziel für Kapital ist mittlerweile Singapur, das die Schweiz als Finanzplatz mit dem strengsten Bankgeheimnis weltweit abgelöst hat. Angestellten aus dem Finanzsektor, die einen Datendiebstahl wie bei eidgenössischen Banken begehen, drohen dort drakonische Geld- oder langjährige Haftstrafen.

Schon seit Bekanntwerden der Verhandlungen zwischen Deutschland und der Schweiz im Herbst 2010 haben deutsche Schweiz-Anleger in großem Stil Vermögen in den asiatischen Stadtstaat verlagert — nicht zuletzt mithilfe ihrer eidgenössischen Hausbanken, die in Singapur in großer Niederlassungs- und Personalstärke vertreten sind.

Singapur gibt zwar vor, hohe Transparenzstandards einzuhalten und mit anderen Rechtssystemen zu kooperieren. De facto hat der „Anlegerschutz“ hier aber stets Vorrang vor den Auskunftsersuchen ausländischer Steuerbehörden.

Auch die Kaimaninseln, die karibische Steueroase schlechthin, haben nichts von ihrer Attraktivität eingebüßt — und freuen sich über frisches Geld. Jüngster Beleg dafür sind Berichte in US-Medien über millionenschwere Geheimkonten, die der republikanische US-Präsidentschaftskandidat Mitt Romney dort führt. Ausländische Anleger schätzen besonders, dass Eigentum in eine rechtliche und eine wirtschaftliche Komponente aufgespalten wird — das ist die Basis, um sogenannte Trusts zu errichten. Diese bieten nahezu unbegrenzte Möglichkeiten, Vermögen zu verschleiern.

Wer als „Geld-Jetsetter“ sein Vermögen besuchen will, für den ist auch ein Stopp am Flughafendrehkreuz Dubai künftig kein Problem. Das arabische Emirat versucht derzeit mit erheblichen Investitionen, seinen Finanzplatz für ausländische Bankkunden attraktiver zu machen — auf einer Achse mit New York, London, Frankfurt und Zürich im Westen sowie Singapur und Hongkong im Osten. Auch die zahlreich in Dubai vorhandenen Freihandelszonen wie Jebel Ali machen für vermögende Auslandsanleger die Gründung eigener Vermögensverwaltungsfirmen in Form von „Offshoregesellschaften“ noch attraktiver.

Mit den Kanalinseln Guernsey und Jersey finden auf Diskretion bedachte Anleger schließlich „vor der Haustür“ eine vierte Fluchtburg. Dort ist es weiterhin möglich, sogenannte Vermögenstrusts zu gründen. Damit lassen sich Kapitalerträge steuerfrei einstreichen und Erbschaftsteuern sparen. Der deutsche Bundesrat könnte jedoch den Exodus des Schwarzgelds in diese vier Finanzplätze stoppen — indem er das Steuerabkommen mit der Schweiz platzen lässt. Dann liefe alles weiter wie bisher: „Einzelne Bundesländer könnten weitere Steuer-CDs aufkaufen und deutsche Schweiz-Anleger noch mehr unter Druck geraten“, erklärt Alexandra Kindshofer, Fachanwältin für Steuerrecht bei der Kanzlei LKC in München. Die Zahl der Selbstanzeigen ist nach den jüngsten Steuer-CD-Ankäufen durch Nordrhein-Westfalen wieder stark gestiegen.

Ob mit oder ohne neues Doppelbesteuerungsabkommen — die Schweiz wird langfristig nicht um eine Lockerung ihres Bankgeheimnisses herumkommen. Besonders die USA machen Druck, die strengen OECD-Standards zum Informationsaustausch in Steuersachen endlich einzuführen. Eine Forderung, die Schweizer vom ungeliebten Nachbarn Deutschland in der Form nie akzeptieren würden.

Die vier besten Finanzplätze finden Sie auf der nächsten Seite.