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18.01.2012 11:50 | Aktuell

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Zinsexperte Christian Lips und sein NORD/LB-Kollege Mario Gruppe im Interview mit €uro

€uro: Herr Lips, Herr Gruppe, wie wird sich die deutsche Wirtschaft im Jahr 2012 entwickeln?
Christian Lips:
Das Jahr 2012 wird für die deutsche Wirtschaft schwieriger als das vergangene Jahr. Der konjunkturelle Ausblick hat sich merklich eingetrübt, bereits zum Ende des Jahres 2011 hat sich die konjunkturelle Gangart deutlich verlangsamt. Schenkt man den einschlägigen Stimmungsindikatoren Glauben, so wird die Wirtschaftsleistung im Winterhalbjahr allenfalls stagnieren. Dies hat bereits Einfluss auf die Jahres-wachstumsrate für 2012, zusätzlich wird das BIP-Wachstum durch einen negativen Arbeitstageeffekt gedämpft. Wir rechnen daher nur mit einem schwachen BIP-Wachstum von 0,5%. Mit der Staatsschuldenkrise, der noch immer hohen Nervosität an den Finanzmärkten und den Verspannungen am Geldmarkt bleiben die Konjunkturrisiken zudem erheblich.

Dies alles ist jedoch aus unserer Sicht kein Grund für übertriebenen Pessimismus. Eine Rezession ist für Deutschland trotz der vielen Belastungsfaktoren nicht ausgemacht. Immerhin konnte der ifo-Geschäftsklimaindex Ende 2011 zweimal in Folge wieder zulegen. Eine stützende Rolle dürfte in diesem Jahr erneut die Binnennachfrage übernehmen. Hierfür spricht der zu erwartende Anstieg der Verfügbaren Einkommen. Die Tariflöhne dürften nach fast 2% im vergangenen Jahr im Jahr 2012 sogar um rund 2,5% zulegen. Auch wenn parallel hierzu wegen der konjunkturellen Abkühlung die Lohndrift im Vergleich zum Vorjahr wieder abnehmen wird, dürfte durch den bereits eingesetzten Inflationsrückgang ein realer Anstieg der verfügbaren Einkommen von rund 1% erreicht werden. In gleicher Höhe erwarten wir einen Zuwachs bei den privaten Konsumausgaben, da wir nicht mit einer nennenswerten Erhöhung der Sparquote rechnen. Hierzu dürfte die robuste Verfassung des deutschen Arbeitsmarkts beitragen, wo sich bis zuletzt die positive Entwicklung fortgesetzt hat. Trotz der konjunkturellen Abkühlung erwarten wir, dass die Zahl der Arbeitslosen im Jahresdurchschnitt weiter zurückgeht. Die Arbeitslosenquote dürfte 2012 von 7,1% auf 6,8% sinken.

Deutlich schwächer als in den beiden vergangenen Jahren werden hingegen die Impulse aus dem Ausland ausfallen. Die deutsche Exportwirtschaft ist zwar weiterhin von hoher Wettbewerbsfähigkeit gekennzeichnet, der Außenhandel wird aber infolge der geringeren globalen Dynamik und insbesondere der teilweise rezessiven Entwicklung an wichtigen europäischen Absatzmärkten gebremst. Deutlich schwächer werden sich 2012 auch die Ausrüstungsinvestitionen entwickeln. Zwar sind die Finanzierungsbedingungen in Deutschland so günstig wie selten, die hohe Unsicherheit und eine rückläufige Kapazitätsauslastung sind jedoch kein gutes Umfeld für nennenswerte Erweiterungsinvestitionen

Mario Gruppe: In Deutschland dürften einige Belastungsfaktoren weniger ausgeprägt ausfallen als anderenorts. Nehmen wir beispielsweise die Konsolidierungserfordernisse. Dank der vergangenen zwei Jahre, die aus realwirtschaftlicher Sicht äußerst gut verlaufen sind, ist die Neuverschuldung im vergangenen Jahr auf etwa 1,3% (gemessen am BIP) gesunken. Für das laufende Jahr rechnen wir mit einer Defizitquote von 1,1% (gemessen am BIP). Die öffentlichen Haushalte sind zwar auch in Deutschland aufgefordert, jeden Euro zweimal umzudrehen. Allerdings dürften wir von radikalen Einschnitten – etwa bei den Sozialleistungen – wie sie beispielsweise in Griechenland, Spanien oder Italien geplant oder bereits umgesetzt sind, verschont bleiben. Positiv ist zudem festzuhalten, dass Deutschland – Stand heute – von einer Kreditklemme verschont bleiben dürfte. Wir glauben daher, dass Deutschland dank einer robusten Binnennachfrage besser durch das Jahr 2012 kommen wird als die übrige Eurozone.

Wie wird sich die Wirtschaft in Europa entwickeln?
Lips:
Die Schuldenkrise belastet immer mehr die Realwirtschaft, bereits im dritten Quartal 2011 ist das Wachstum der Eurozone ohne Deutschland zum Erliegen gekommen. Spanien und Italien rutschten bis zum Jahresende 2011 in die Rezession, das BIP legte hier daher bereits 2011 nur noch schwach zu. Die eingeleiteten Konsolidierungsmaßnahmen, Strukturprobleme und die deutlich verschärften Finanzierungsbedingungen dämpfen die Expansionsmöglichkeiten. Für 2012 ist in der Eurozone mit einem Rückgang des BIP von 0,2% im Vergleich zum Vorjahr zu rechnen, zu stark hat die Schuldenkrise die Stimmung in der Wirtschaft in Mitleidenschaft gezogen.

Hinzu kommen scharfe Sparprogramme in mehreren Ländern, die zusätzlich dämpfend wirken. So rechnen wir für Spanien und Italien mit einem noch schärferen Konjunktureinbruch als für die Eurozone insgesamt. Griechenland und Portugal, die sich in Anpassungsprogrammen befinden, werden sich auch 2012 wegen der Austeritätspolitik nicht aus der tiefen Rezession befreien können. Das Ausmaß des konjunkturellen Einbruchs und die Frage, wie schnell sich die Konjunktur wieder erholen kann, hängen maßgeblich von der weiteren Entwicklung der Schuldenkrise ab. Daher wird die Wirtschaftsentwicklung und das Marktgeschehen auch 2012 stark politisch geprägt sein.

Welche Länder bieten in Europa die besten Aussichten?
Gruppe:
Neben Deutschland sollten die Länder mit einer soliden Haushaltsentwicklung profitieren können. Je niedriger die Sparerfordernisse sind, desto mehr Impulse können in den jeweiligen Ländern vom Staat ausgehen. Lediglich aus dieser Perspektive betrachtet hätten etwa Länder wie Finnland, die Niederlande oder die Slowakei die besten Aussichten. Allerdings machen gesunde öffentliche Haushalte allein noch keine wettbewerbsfähige Realwirtschaft. Blickt man auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit und die Wachstumsraten der vergangenen Quartale bieten insbesondere die volkswirtschaftlichen Schwergewichte der Eurozone wie Deutschland und Frankreich interessante Perspektiven

Wie läuft 2012 die Konjunktur in den USA
Gruppe:
Die US-Wirtschaft geht zunächst mit ordentlichem Schwung ins neue Jahr. Der Konsum wird bei sukzessiv steigenden Einkommen der Privathaushalte und einer rückläufigen Inflationsrate einer der Wachstumstreiber bleiben. Auch bei den Investitionen rechnen wir mit Zuwächsen, wenngleich in einem etwas geringerem Tempo als noch in 2011. Wir erwarten angesichts zuletzt wieder aufgehellter Stimmungsumfragen im Unternehmenssektor und eines verbesserten Konsumentenvertrauens ein BIP-Wachstum um +2,2% in 2012, nach +1,8% in 2011. Dies liegt zwar leicht unterhalb des Potenzialwachstums, muss allerdings im aktuellen Umfeld als befriedigend bezeichnet werden.

Ein Bremsklotz für die Konjunktur in 2012 bleibt zunächst jedoch noch der Arbeitsmarkt. Hier sehen wir nur allmählich Anzeichen einer nachhaltigen Besserung. Weiteres binnenwirtschaftliches Störfeuer könnte von der US-Fiskalpolitik kommen, die – wenn nicht in 2012 – spätestens ab 2013 den Gürtel enger schnallen muss. Neue kontroverse Haushaltsdiskussionen ohne nachhaltige Entscheidungen mit entsprechend kritischen Marktreaktionen sind im Vorfeld der im November anstehenden Präsidentschaftswahl zu befürchten.

Das größte Risiko für die US-Wirtschaft scheint aber derzeit von der europäischen Staatschuldenkrise und den daraus resultierenden realwirtschaftlichen Auswirkungen auszugehen. Die Folgen für das Wachstum wären trotz relativ geringer Handelsbeziehungen keineswegs trivial. Einzig die US-Notenbank könnte angesichts des fehlenden Spielraums der Fiskalpolitik und dank wieder rückläufiger Inflationsraten noch in der Lage sein, gewisse Makroimpulse zu setzen: Die Niedrigzinspolitik könnte verlängert, der Diskontsatz gesenkt, die Kommunikationsstrategie angepasst und ein neues Aufkaufprogramm verkündet werden.

Und was macht Japan?
Lips:
Japan leidet nach wie vor unter den Folgen der Dreifachkatastrophe vom 11. März 2011 mit fast 16.000 Toten durch das Erdbeben und den folgenden Tsunami. Hinzu kommt die atomare Verseuchung weiter Landstriche durch die Kernschmelze im Kernkraftwerk Fukushima. Angesichts des menschlichen Leids gerät die Frage der ökonomischen Auswirkungen zur Petitesse. Die Katastrophen und der Wiederaufbau haben jedoch deutlichen Einfluss auf die Produktion gehabt. Das Abschalten der Atomkraftwerke führte zu einem Defizit bei der Stromerzeugung und -versorgung.

Die Aussichten für 2012 sind insgesamt nicht rosig. Die globale Konjunktur schwächt sich weiter ab und insbesondere Europa sowie der Haupthandelspartner China bereiten den japanischen Exporteuren Kopfschmerzen. Zusätzlich belastet weiterhin der starke Yen die Exportwirtschaft und drückt die Gewinne der japanischen Produzenten. Dass das Land zumindest in der ersten Hälfte 2012 nicht in die Rezession rutscht, liegt an der hohen Binnennachfrage infolge des Wiederaufbaus der durch den Tsunami zerstörten Region. Das im November im Rahmen des dritten Nachtragshaushaltes verabschiedete Konjunkturpaket entfaltet zusätzlich unterstützende Wirkung ab dem I. Quartal 2012.

Lesen Sie, was die Experten für die europäische Schuldenkrise erwarten

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