Unter Strom
Keith Richards, Rhythmus- und Lead-Gitarrist der Rolling Stones und damit der große Begleiter von Frontmann Mick Jagger, hat wahrscheinlich mehr Gitarren im Schrank als Falten im Gesicht. 1000 Exemplare sollen es dem Vernehmen nach sein. Sein Darling ist ein abgeschrammeltes Modell, dem er die Akkorde von einigen der bekanntesten Rolling-Stones-Nummern entlockt: „Brown Sugar“ zum Beispiel, oder „Honky Tonk Women“.
Richards ist allerdings nicht der Einzige, der auf den unverwechselbar klarlinigen Sound der Fender Telecaster schwört. Auch Stones-Vorbild Muddy Waters, „Slow Hand“ Eric Clapton oder „The Boss“ Bruce Springsteen spielen die Mutter aller Stromgitarren — eine Schöpfung von Clarence Leonidas „Leo“ Fender. Die offizielle Würdigung der Rock and Roll Hall of Fame in Cleveland, Ohio, für den bahnbrechenden Erfinder formuliert es schnörkellos wie ein ordentlicher Riff: „Rockmusik, wie wir sie kennen, wäre kaum denkbar ohne Leo Fender.“
Der Kalifornier baute die erste für die Serienproduktion geeignete elektrische Solidbody-Gitarre — mit einem Korpus aus massiver Esche und zwei Tonabnehmern, die die Schwingungen der Stahlsaiten weit über die ersten paar Sitzreihen hinaustragen konnten. Die Fender Telecaster stillte zu Beginn der 50er-Jahre die Sehnsucht nach etwas, was die Musik über jedes noch so virtuose Saitenspiel hinaushob: jede Menge Dezibel, gern auch in ohrenbetäubenden Dimensionen. Damit konnte sie endlich nicht nur auf den Kopf zielen, sondern auch deutlich darunter.
Natürlich gab es auch vorher schon Gitarren mit elektrischem Tonabnehmer. Vor allem Jazzgitarristen, die sich gegen die lauten Bläser durchsetzen wollten, montierten sie auf ihre akustischen Gitarren. Aber die Schallschwingungen in dem hohlen Korpus produzierten immer wieder unerwünschte und vor allem kaum kontrollierbare Rückkopplungseffekte. Fender, der in seinem Radioladen in Fullerton, Kalifornien, pausenlos die externen Verstärker seiner Gitarre spielenden Kunden reparieren musste, sann nach Lösungen — und erfand ein Instrument für die Ewigkeit.
Schon 1964 verkaufte Leo seine Firma für 13 Millionen Dollar. Heute gehört die Fender Musical Instruments Corporation einem Konzern mit Sitz in Scottsdale, Arizona. Sie baut die Telecaster, mit allenfalls geringfügigen Änderungen, noch immer. Und auch wenn Clarence Leonidas Fender nie gelernt hat, die Instrumente zu spielen, die er erfand, haben die Musiker, die auf ihnen spiel(t)en, ihn unsterblich gemacht.

