"Aktien in Europa auf Kaufniveau"
Jan Ehrhardt: Das Maßnahmenpaket enthält einige gute Aspekte. Anstatt einer zu starken Hebelung des Rettungsschirms wäre mir der verstärkte Kauf von Anleihen der Peripherieländer durch die EZB allerdings lieber. Zudem ist die Euro-Krise durch das Maßnahmenpaket langfristig nicht gelöst, da die Grundprobleme der zu hohen Staatsverschuldung sowie der mangelnden Wettbewerbsfähigkeit einiger Euro-Länder ungeklärt bleiben
War der Schuldenschnitt bei Griechenland der richtige Schritt? Brauchen die USA für ihr Verschuldungsproblem auch bald eine große Lösung?
Jens Ehrhardt: Ja, Staatspleiten müssen möglich sein, wenn Sparen nicht mehr reicht. Und Deutschland kann nicht alles bezahlen, sondern muss aufpassen, dass am Ende die eigene Bonität nicht verloren geht. Beim Druckabfall im Flugzeug müssen die Gesunden und Kräftigen auch zuerst die Masken aufsetzen und dann den Kindern und Alten helfen. Deutschland darf die eigene Sauerstoffmaske nicht vergessen, sonst ist keinem geholfen.
Jens Ehrhardt:
Amerika ist auf einem schlechteren Weg als Europa?
Jens Ehrhardt: Während Europa einige Schritte in die richtige Richtung gegangen ist, wird in Amerika die Krankheit nur mit immer mehr Schmerzmitteln behandelt. Mehr Staatsausgaben, mehr monetärer Stimulus. Wenn da die Probleme erst einmal auf den Tisch kommen, wird auch der Dollar fallen.
Trotzdem sind US-Aktien sind im Herbst weit weniger eingebrochen als europäische und vor allem deutsche Titel. Warum?
Jens Ehrhardt: Die Geldmenge steigt in Amerika am schnellsten – mit zweistelligen Wachstumsraten. Von diesem Geld werden auch Aktien gekauft. Als Folge sind US-Aktien aber mittlerweile sehr teuer.
Also sollten Anleger europäische Aktien bevorzugen?
Jens Ehrhardt: Wenn man die Banken herausnimmt und sich verlässliche Bewertungsgrößen wie das Kurs-Buchwert-Verhältnis und das langfristige Kurs-Gewinn-Verhältnis ansieht, sind wir in Europa auf dem Niveau von 2009 und damit eigentlich in einer Kaufzone.
Was spricht noch für Aktien?
Jens Ehrhardt: Im kommenden Jahr wird sich das Wirtschaftswachstum abschwächen. Das erhöht den Druck auf die Notenbanker. Und wenn die dann erneut die Geldschleusen öffnen, werden Aktien profitieren. Für mich ergibt sich ein ähnliches Bild wie 2009, als es der realen Konjunktur noch schlecht ging, aber die Aktien schon stiegen.
Wird 2012 also ein Aktienjahr?
Jens Ehrhardt: Ich kann mir vorstellen, dass es am Jahresende – nach holprigem 1. Quartal wegen Konjunkturschwäche - wesentlich besser sein wird als in diesem Jahr, weil die monetären Voraussetzungen einfach besser werden. Natürlich nur unter der Voraussetzung, dass es keinen Bank-Zusammenbruch gibt. Ein Schock im Bankensektor würde alle Prognosen zur Makulatur machen.
Und welche Aktien sollten Anleger dann haben?
Jan Ehrhardt: Defensive Titel werden von den Anlegern gesucht werden, weil die Angst nach so vielen Crashs in der jüngeren Vergangenheit einfach noch groß ist. Der Fokus auf Dividenden-Aktien ist daher sinnvoll. Aber auch in den Schwellenländern war der Absturz in diesem Jahr so heftig, dass man von steigenden Kursen im kommenden Jahr ausgehen kann.
Welche Branchen meinen Sie konkret?
Jan Ehrhardt: Konsumtitel aus Asien, Pharmawerte, Edelmetall-Minen, ausgewählte Versicherer, Telekom, Versorger. Bei letzteren drei werden noch Gewinnrückgänge kommen, so dass sich vielleicht noch eine günstigere Einstiegsmöglichkeit ergibt.