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13.12.2011 11:22:29 | Euro Archivbericht | Ausgabe 01/12

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Die Mär vom bösen Teuro

Seit zehn Jahren bezahlen die Deutschen mit Euro. Doch ihre Skepsis gegenüber der EU-Währung bleibt – auch wegen der gefühlten Inflation h

von €uro-Redakteurin Sabine Gusbeth

Mit großem Bohei wurde im Januar 2002 der Euro zunächst in zwölf Ländern der Europäischen Union (EU) als Zahlungsmittel eingeführt. Vor allem die Bürger in Deutschland standen der neuen Währung von Anfang an skeptisch gegenüber und trauerten ihrer stabilen D-Mark nach. Politiker und Zentralbanker dagegen feierten die Euro-Einführung als historischen Meilenstein in der Geschichte der EU. In Berlin tauschte der damalige Finanzminister Hans ­Eichel neben dem Brandenburger Tor öffentlichkeitswirksam seine alten ­D-Mark-Scheine in Euro um. Zehn Jahre später ist auch bei vielen einstigen Befürwortern die Euphorie verflogen. Tag und Nacht kämpfen sie derzeit um das Überleben der Euro­zone und ihrer Gemeinschaftswährung. Ob es anlässlich des Jubiläums eine Feier gebe, wisse man derzeit noch nicht – heißt es knapp einen Monat vor dem Jahrestag bei den Währungshütern der Europäischen Zen­tralbank (EZB).

Seit April 2010, als Griechenland die EU erstmals um Hilfe bat, um seinen Staatsbankrott zu verhindern, hasten Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihre EU-Amtskollegen von Krisengipfel zu Krisengipfel, um die Gemeinschaftswährung zu retten. Bisher lautete ihre Lösung: immer neue Milliardenkredite in die Wirtschaft pumpen. Doch die Liquiditätsschwemme erhöht das Inflationsrisiko. Und kaum jemand fürchtet die Geldentwertung mehr als die Deutschen, deren Vermögen im vergangenen Jahrhundert zwei Mal – infolge der verlorenen Weltkriege – entwertet wurde. Auch deshalb wollten viele 2002 lieber die D-Mark behalten, die als Symbol für Geldwertstabilität gilt. Noch heute horten die Deutschen mehr als 13 Milliarden ­D-Mark.

Der Euro dagegen wurde schon vor seiner Einführung vom Satiremagazin „Titanic“ in „Teuro“ umbenannt. Und viele Bundesbürger lässt das Gefühl nicht los, dass seit der Euro-Einführung alles teurer geworden ist. Dem widersprach kürzlich der bis Ende Oktober 2011 amtierende Chef der Europä­ischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet: „13 Jahre haben wir mit einer jährlichen Inflation von zwei Prozent für den Euroraum insgesamt und von 1,55 Prozent für Deutschland Preisstabilität gewährleistet.“ Zu keinem Zeitpunkt in den vergangenen 50 Jahren habe es ein besseres Ergebnis gegeben.

Ungeliebte Währung

Tatsächlich ist die offizielle Inflationsrate in Deutschland seit der Euro-Einführung deutlich niedriger als beispielsweise Anfang der 90er-Jahre. Nur zwei Mal in den vergangenen zehn Jahren – 2007 (2,3 Prozent) und 2008 (2,6 Prozent) – übertraf die Preissteigerung in Deutschland die von der EZB angestrebten knapp zwei Prozent. 1992 hatte sie 5,1 Prozent betragen.

Dass viele Bundesbürger den Euro dennoch als Teuro wahrnehmen, hat mehrere Gründe: In den Jahren vor der Euro-Einführung ist die Wirtschaft weltweit, auch in Deutschland, aufgrund des Internetbooms sehr stark gewachsen. Dadurch stiegen auch die Löhne und damit die Kaufkraft. Nach dem Platzen der Internetblase schrumpfte die Wirtschaft. Deutschland reformierte seinen Arbeitsmarkt, viele Arbeitnehmer verzichteten auf Lohnerhöhungen, um die deutsche Wirtschaft international und vor allem innerhalb des neuen europäischen Binnenmarkts wettbewerbsfähig zu machen. Die Reallöhne stagnierten, die Kaufkraft sank. Als sich die Konjunktur Mitte des vergangenen Jahrzehnts erholte, folgte 2007 die Mehrwertsteuererhöhung von 16 auf 19 Prozent. Der welt­weite Wirtschaftsaufschwung und der Aufstieg­ der Schwellenländer sorgten zudem dafür, dass Energie- und Rohstoffpreise weltweit deutlich stiegen.

Darüber hinaus muss berücksichtigt werden, dass die D-Mark-Preise, die viele noch im Gedächtnis haben, die Preise von vor zehn Jahren sind. Auch bei einer moderaten Steigerung von zwei Prozent pro Jahr lägen die Preise heute um über 20 Prozent höher. Demnach würde ein Produkt, das vor zehn Jahren eine ­D-Mark gekostet hat, heute 1,22 D-Mark kosten – ganz ohne Teuro.

Aber der wichtigste Grund für die hohe gefühlte Inflation ist: Viele Produkte des täglichen Lebens wie Brot, Benzin, Bustickets und Kleidung sind tatsächlich deutlich teurer geworden als die genannten 20 Prozent. Ihr Preis stieg stärker als die offizielle Inflationsrate. Die Preiserhöhung bei diesen Alltagsgütern nehmen wir besonders stark wahr, da wir sie fast täglich kaufen. Auch in Restaurants und Cafés wurden die Preise teils 1 : 1 von D-Mark in Euro umgerechnet.

Gefühlte Inflation

Im Warenkorb, mit dem die offizielle Inflationsrate gemessen wird, machen Nahrungsmittel und Getränke allerdings nur zwölf Prozent aus, Benzin sowie Restaurantbesuche sogar nur vier Prozent. Das liegt daran, dass diese Produkte – verglichen mit größeren Anschaffungen wie Computern, Möbeln oder Waschmaschinen – wenig kosten. Doch gerade bei Elektroartikeln wie TV-Geräten, Digitalkameras und Handys sind in den vergangenen Jahren die Preise stark gefallen. Das wirkt im gesamten Warenkorb preisdämpfend. Aber weil diese langlebigen Güter nur selten gekauft werden, fallen uns die Preissenkungen weniger auf, als die Preissteigerungen bei Produkten, die täglich in den Einkaufskorb wandern.

Bei einer Familie, die in diesem Jahr keinen neuen Computer kauft, aber in den Urlaub fliegt, häufig im Restaurant isst und ihr Haus mit Öl beheizt, liegt die Preissteigerung höher als die offizielle Inflationsrate. Dennoch ist die offizielle Rate nicht „falsch“. Sie basiert auf einem fiktiven Warenkorb des Statistischen Bundesamts, der rund 700 Produkte enthält und das Einkaufsverhalten von 60 000 Haushalten widerspiegelt. Daraus ergibt sich ein Durchschnittswert.

Der kürzlich verstorbene Statistikprofessor Hans Wolfgang Brachinger hat einen Index entwickelt, der die sogenannte gefühlte Inflation misst. Darin sind Alltagsgüter stärker gewichtet als in der offiziellen Berechnung. Im Juni 2011 maß Brachingers Index mit 4,8 Prozent eine Inflation, die mehr als doppelt so hoch war, wie die 2,3 Prozent des offiziellen Verbraucherpreisindexes.

Doch damit nicht genug. Noch im September warnte Brachinger davor, dass die „dämpfende Wirkung der Preisentwicklung bei den kaufseltenen langlebigen Gebrauchsgütern zu Ende geht“. Als Grund nannte er steigende Rohstoffpreise und höhere Löhne in Ländern wie China, wo viele dieser Güter bislang billig produziert werden. Brachinger warnte vor einer „wesentlichen Inflationsgefahr“, gegen die die EZB machtlos sei.

Doch weder die Preiserhöhungen bei Rohstoffen noch die gefühlte Teuerung können dem Euro oder der aktuellen Eurokrise angelastet werden. Die Bekämpfung letzterer allerdings dürfte die Inflationsgefahr zusätzlich deutlich steigern. Dann wäre der Euro tatsächlich selbst die Ursache für höhere Preise.

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