16.02.2012 17:51:19 | Euro Archivbericht | Ausgabe 03/12

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Hochkultur

Viel Geist für wenig Geld – seit bald eineinhalb Jahrhunderten hebt die Universal-Bibliothek von Reclam das geistige Niveau in Deutschland
von Michael Hannwacker

Mit Reclams Universal-Bibliothek (UB) verhält es sich ein bisschen wie mit Spinat. Erst (in der Jugend) können einen die Erziehungsbefohlenen damit jagen. Später (im Zustand gewisser Reife) erkennt man sie nicht selten als Delikatesse. Denn Geschmack und Nährwert der Heftchen, wiewohl einzelne Gaben manchen Schülern als wenig bekömmlich erscheinen, sind un-bestritten. Schließlich bergen sie in der Regel an-erkannte Klassiker der Weltliteratur.

Warum wir uns gerade jetzt daran erinnern? Nun, es jähren sich heuer ein paar Meilensteine der Verlagsgeschichte: Vor 175 Jahren gibt Anton Philipp Reclam der Firma seinen Namen. 30 Jahre später begrenzt die deutsche Bundesversammlung die Schutzfrist für die Veröffentlichung von Werken deutscher Autoren auf 30 Jahre nach deren Tod — und verschafft dem genialen Verleger damit einen entscheidenden Kostenvorteil. Noch im selben Jahr, 1867, erscheinen beide Teile von Goethes „Faust“ als die ersten beiden Bände der mit je zwei Silbergroschen sensationell preiswerten UB: Hochkultur zum

Discountpreis

Vor genau 100 Jahren setzt der Verlag vor allem auf Bahnhöfen erstmals Buchautoma-ten ein, muss sie aber rund 20 Jahre später trotz großen Erfolgs wegen teurer Reparaturen aufgeben. Im Dritten Reich und Zweiten Weltkrieg kommt es noch schlimmer. 1938 wird der Leipziger Literaturbetrieb gezwungen, „die durchweg gefährlichen jüdischen Dichter und Schriftsteller“ aus dem Programm zu verbannen. Ende 1943 verbrennen in einer einzigen Bombennacht 450 Tonnen fertiger Reclam-Bändchen.

Vor 65 Jahren schließlich verlegt Anton Philipps Enkel Ernst Reclam den Verlagssitz von der Sowjetzone nach Stuttgart. Reclam Leipzig existiert — bis zur Wende unter staatlicher Treuhandverwaltung — weiter, bis die inzwischen nach Ditzingen bei Stuttgart umgezogene Verlagsleitung das ehemalige Stammhaus im Frühjahr 2006 schließt.

Legionen von Pennälern haben sich derweil durch Schillers „Tell“ gearbeitet, Büchners „Lenz“, Lessings „Nathan“ oder Fontanes „Effi Briest“, stets klein gedruckt auf neun mal 15 Zentimeter pro Seite, eingezwängt in den (seit 1970) notorisch gelben Umschlag und so dünn und leicht, dass die literarischen Schwergewichte in der Schultasche nicht schwer wiegen. Schwer fällt der Adoleszenz die Lektüre dennoch allzu oft, doch merke: Spinat macht — das wissen wir spätestens seit Popeye — stark. Und gute, bewährte Literatur hält den Geist wach. Eigentlich eine tolle Kombination.

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