DAX8.5310,7%  Dow15.279-0,7%  Euro1,2856-0,4% 
ESt502.8350,5%  Nas3.449-1,5%  Öl102,5-1,3% 
TDax975,80,7%  Nikkei15.6271,6%  Gold1.365-0,6% 

21.07.2009 | Euro Archivbericht | Ausgabe 08/09

Senden

„Wie kommt Salzgitter durch die Krise, Herr Leese?“

Salzgitter | Wolfgang Leese, Vorstandschef des zweitgrößten deutschen Stahlkonzerns, über Hoffnungsschimmer trotz roter Zahlen, Staatsversagen in der Wirtschaft und ungewöhnliche Zukaufpläne

€uro: Herr Leese, bis vor kurzem haben Sie erklärt, dass Sie ab Juli eine stark steigende Stahlnachfrage erwarten. Geht Ihr Kalkül auf?
Wolfgang Leese: Leider nur zum Teil. Aufgrund der deutlich gesunkenen Lagerbestände unserer Kunden hatten wir auf einen sehr starken und breiten Nachfrageschub in der zweiten Jahreshälfte gehofft. Danach schaut es nun nicht mehr aus. Immerhin haben sich unsere Auftragseingänge im Mai/Juni im Vergleich zu den abgestürzten Werten der ersten vier Monate in einigen Bereichen wieder fast verdoppelt. Da ist eine Trendwende erkennbar.

€uro: Salzgitter ist nach ThyssenKrupp Deutschlands zweitgrößter Stahlproduzent. Dort werden demnächst Tausende Jobs gestrichen. Wird bei Ihnen Ähnliches passieren?
Leese: Wir planen keinen Jobabbau. Bei uns sind Effizienzsteigerungen und Zukunftsfähigkeit schließlich keine Ziele, die wir plötzlich und mit spektakulären Aktionen angehen. Wir arbeiten ständig daran, aber ohne dabei Schlagzeilen zu machen. Beispielsweise reduzieren wir unsere Belegschaft um jährlich 200 Mitarbeiter allein über die Altersteilzeit. Wohlgemerkt bei in den letzten neun Jahren stetig steigenden Umsätzen. Zudem senken wir permanent Prozess- und Sachkosten, sodass wir derzeit vergleichsweise gut dastehen.

€uro: Allerdings läuft es auch bei Salzgitter nicht problemlos. Von Ihren 25000 Mitarbeitern, mehr als 20000 davon in Deutschland, sitzen 9000 als Kurzarbeiter zu Hause.
Leese: So viele waren es nur im Mai und im Juni. Bis Ende Juli werden wir die Zahl der Kurzarbeiter wieder auf 6000 oder weniger senken. Für einige Produkte haben wir neue Aufträge, die kaum noch Kurzarbeit zulassen.


"Die Marktwirtschaft hat bislang immer gezeigt, dass sie der Staatswirtschaft überlegen ist."

Wolfgang Leese


€uro: Angenommen, die Trendwende im Stahlmarkt entpuppt sich als Strohfeuer: Würden Sie Ihre Beschäftigten auch 24 Monate lang in Kurzarbeit lassen? Das erlaubt der Staat neuerdings.
Leese: Ich gehe nicht davon aus, dass wir jemanden so lange kurzarbeiten lassen müssen, weil die Krise hoffentlich eher endet. Aber grundsätzlich ist die Kurzarbeit für uns ein gutes Mittel, um Entlassungen zu vermeiden. Erst recht, da der Staat seit Anfang Juli auch die Sozialabgaben für bestimmte Kurzarbeiter übernimmt. Bei uns machen die Personalkosten etwa 15 Prozent der Gesamtkosten aus. Da bringen solche Entlastungen schon etwas.

€uro: Ein Viertel von Salzgitter gehört dem Land Niedersachsen. Beeinflusst Ihr größter Einzelaktionär Ihre Beschäftigungsstrategie?
Leese: Das Land hat unser Geschäft noch nie beeinflusst. Es ist für uns bis auf die üblichen Kontakte zu einem Großaktionär nicht spürbar. Der Vorstand führt das Unternehmen nach wirtschaftlichen Aspekten, nicht nach politischen Interessen. Das zeigt sich schon dadurch, dass Salzgitter zu jenen Stahlfirmen gehört, die sich in diesem Jahrzehnt weltweit am besten entwickelt haben.

€uro: Viel Wirtschaftskompetenz scheinen Sie der Politik nicht zuzutrauen.
Leese: Ich denke mit Schrecken daran, dass der Staat etwa bei gewissen Banken neuer Anteilseigner ist und dies bei anderen vielleicht noch wird. Auch wenn wir zurzeit eine Krise haben: Die Marktwirtschaft hat bislang immer gezeigt, dass sie der Staatswirtschaft überlegen ist. Beispiele für wirtschaftspolitisches Versagen gibt es in Deutschland genug. Sehen Sie nur die Probleme der Landesbanken, in Ostdeutschland und, und, und. Der Staat hat viele ökonomische Probleme zu verantworten.