FAKTOR-ZERTIFIKATE

 
 

Was sind Faktor-Zertifikate?

 

Faktor-Zertifikate sind eine Variante von Hebelpapieren mit denen an der Preisentwicklung verschiedener Basiswerte (z.B. Aktien, Indizes, Währungen, Rohstoffe, Zinsen etc.) partizipiert werden kann. Im Gegensatz zu Knock-out-Zertifikaten besitzen Faktor-Zertifikate einen jederzeit konstanten Hebel sowie keine Knock-out-Schwelle, die beim Unterschreiten im schlimmsten Fall zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals führen würde. Daneben hat im Gegensatz zu Optionsscheinen die Volatilität keinen Einfluss auf die Preisbildung von Faktor-Zertifikaten.

Mithilfe von Faktor-Zertifikaten – die von Banken emittiert werden und rechtlich gesehen Inhaberschuldverschreibungen darstellen – können Anleger sowohl auf steigende als auch auf fallende Preisbewegungen von bestimmten Basiswerten setzen. Hierfür bieten die Emittenten sogenannte Long- sowie Short-Faktor-Zertifikate an.
 

Wie funktionieren Faktor-Zertifikate?

 
Die Funktionsweise von Faktor-Zertifikaten ist relativ leicht anhand der beiden folgenden Beispiele zu verstehen. Bei der Long-Variante eines Faktor-Zertifikates mit dem Faktor 6 auf einen Basiswert, würde der Preis des Zertifikats an einem Tag um 6 Prozent steigen/fallen, wenn der Basiswert an diesem Tag 1 Prozent steigt/fällt. Bei der Short-Variante eines Faktor-Zertifikates mit dem Faktor -6 auf einen Basiswert würde der Preis des Zertifikats am Tag um 6 Prozent steigen/fallen, wenn der Basiswert an diesem Tag 1 Prozent fällt/steigt. Die Basis für die Preisberechnung von Faktor-Zertifikaten sind von den Emittenten speziell berechnete Indizes, welche sich in Abhängigkeit vom Basiswert und der Variante (Long oder Short) aus bestimmten Komponenten (z.B. Hebel-, Finanzierungs-, Zinskomponente) zusammensetzen und die prozentuale Veränderung des jeweiligen Basiswerts unter Berücksichtigung des Faktors auf täglicher Basis widerspiegeln.
 
 

Beispiel für ein Long-Faktor-Zertifikat in stetig steigenden Märkten

 
Folgendes Szenario: Ein Anleger erwirbt am Montagmorgen ein 4xLong-Faktor-Zertifikat auf einen Basiswert beim Stand von 100 Euro. Der Referenzkurs für den Montag liegt bei 100 Punkten. Der Basiswert gewinnt am Montag 1 Prozent dazu auf 101 Euro, am Dienstag 2 Prozent auf 103,02 und am Mittwoch 3 Prozent auf 106,11 Euro. Der vom Emittenten berechnete Index als Basis für den Zertifikatpreis erreicht somit am Montagabend 104 Punkte. Die 104 Punkte stellen den neuen Referenzkurs für den Dienstag dar, an dem der Index 4x2 Prozent von der Basis 104 dazugewinnt und somit 112,32 Punkte erreicht. Am Mittwoch macht der Index 12 Prozent (4x3 Prozent) ausgehend von der Basis 112,32 Punkte und erreicht somit am Mittwoch 125,80 Punkte. Durch die ununterbrochene Gewinnserie des Basiswertes macht der vom Emittenten berechnete Index bis zum Mittwoch sogar mehr als das Vierfache der 6,11 Prozent des Basiswertes, nämlich 25,8 Prozent gut.
 
Quelle: DDV
 

Pfadabhängigkeit am Beispiel eines Long-Faktor-Zertifikats

 

Folgendes Szenario: Ein Anleger erwirbt am Montag ein 4xLong-Faktor-Zertifikat auf einen Basiswert beim Stand von 100 Euro. Zwei Tage später – der Basiswert hat zunächst 10 Prozent am Dienstag auf 90 Euro verloren und danach am Mittwoch 11,11 Prozent auf 100 Euro gewonnen – staunt der Anleger nicht schlecht. Obwohl der Basiswert zwei Tage später wieder seinen Ausgangswert von 100 Euro erreicht hat, errechnet sich ein Index als Basis für den Zertifikatpreis von 86,664 Punkten anstatt von 100 Punkten. Das hier skizzierte Problem der Pfadabhängigkeit ist ein Fallstrick bei einer Anlage mit Faktor und verdeutlicht, warum Faktor-Zertifikate nur was für trendstarke Marktphasen oder Kurzfrist-Trades sind. Für Seitwärtsmärkte oder stark schwankende Märkte über Tage hinweg sind Faktor-Zertifikate nicht die beste Wahl.

Was ist passiert?

Am Dienstag fällt der Basiswert um 10 Prozent auf 90 Euro. Aufgrund des Faktors 4 fällt der vom Emittenten berechnete Index für das 4xLong-Faktor-Zertifikat um 40 Prozent auf 60 Punkte. Am nächsten Tag – am Mittwoch – steigt der Basiswert wieder auf 100 Euro und damit um 11,11 Prozent – berechnet von 90 Euro aus. Der Index steigt somit um das Vierfache und damit um 44,44 Prozent, jedoch vom neuen Referenzpreis 60 Indexpunkten aus und somit nur auf 86,664 Punkte.

Da für die Berechnung der prozentualen Preisveränderung des Basiswerts immer der Vortagesschlusskurs als Referenzkurs herangezogen wird, sind bei Faktor-Zertifikaten neben dem Preis des Basiswertes auch die täglichen prozentualen Entwicklungen des Basiswertes entscheidend. Selbst bei seitwärts tendierenden Basiswerten mit lediglich minimalen Schwankungen kann es somit zu Verlusten für den Zertifikateanleger kommen, auch wenn der Basiswert nach einiger Zeit seinen Ausgangswert wieder erreichen sollte.

 

Untertägige Indexanpassung am Beispiel eines Long-Faktor-Zertifikats

 

Folgendes Szenario: Ein Anleger erwirbt ein 2xLong-Faktor-Zertifikat auf einen Basiswert beim Stand von 100 Euro und nach dem Kauf sackt der Kurs des Basiswertes um 50 Prozent ab. Aufgrund des Hebels müsste das Zertifikat auf den Preis von Null Euro fallen. Die Anpassungsschwelle des Emittenten sorgt jedoch dafür, dass eine untertägige Anpassung des vom Emittenten berechneten Index vorgenommen wird. Hierbei wird ein neuer Tag simuliert und die Anpassungsschwelle als neuer Referenzkurs festgesetzt, von dem die weitere Tagesperformance des Basiswerts berechnet wird. Damit kann die untertägige Indexanpassung dazu führen, dass der Anleger nicht sofort einen Verfall seines Zertifikats erleidet und es weiterhin handeln kann. Einem Totalverlust nahe kann es jedoch dennoch kommen, insofern sich die Kursausschläge extrem entgegen der Marktmeinung des Anlegers darstellen.

Verständnisbeispiel
Bei einer Anpassungsschwelle von beispielsweise 80 Prozent des Kurses vom Basiswert würde bei einem mehr als 20prozentigen Kursverlusts des Basiswertes die untertägige Indexanpassung vollzogen werden. Da der vom Emittenten berechnete Index eines 2xLong-Faktor-Zertifikats mit 100 Punkten in diesem Fall auf 60 Punkte gefallen wäre, würde der neue Referenzkurs für die weitere Bewegung am Tag bei 60 Punkten liegen. Fällt der Kurs des Basiswertes an diesem Tag noch weiter – z.B. von 80 nun auf 70 Euro – so würde dieser weitere Kursverlust in Höhe von 12,5 Prozent von 80 auf 70 Euro aufgrund des Faktors verdoppelt werden auf 25 Prozent und auf die neue Basis von 60 Punkten berechnet werden. Somit fiele der Index in dem Fall auf 45 Punkte. Ohne eine untertägige Indexanpassung wäre der Index an diesem Tag jedoch auf 40 Punkte gefallen. Sollte sich am Folgetag eine Erholung des Kurses vom Basiswert einstellen, z.B. ein Anstieg von 70 auf 100 Euro Ausgangsniveau, dann würde der Faktorzertifikatsindex jedoch nur 2 x 42,86 Prozent vom Referenzkurs 45 Punkte aus berechnet machen können und somit lediglich auf 83,57 Punkte steigen.
 

Wie und wo können Faktor-Zertifikate gehandelt werden?

 
Eine Investition in Faktor-Zertifikate kann für Depotinhaber an Börsen (z.B. Frankfurt und Stuttgart) oder im außerbörslichen Handel direkt beim Emittenten getätigt werden. Beim Handel über die Börse fallen abhängig vom gewählten Broker Gebühren sowie Maklergebühr (Courtage) an. Beim Direkthandel über den Emittenten fällt die Maklergebühr hingegen weg. Um negative Überraschungen beim Kauf bzw. Verkauf von Faktor-Zertifikaten zu vermeiden, sollten Anleger darauf achten, limitierte Orders zu setzen. Nach dem Erwerb eines Faktor-Zertifikats kann das Setzen eines Stopp-Loss vor allzu hohen Verlusten schützen. Im Falle eines Erreichens bzw. Unterschreitens der Stopp-Loss-Marke wird das Zertifikat dann automatisch verkauft. Da Stopp-Loss-Marken im Regelfall jedoch nicht garantiert sein dürften, kann das Slippage-Phänomen auftauchen. Das bedeutet: Der Anleger trägt das Risiko, dass der tatsächliche Verkaufspreis (weit) unter der eigentlichen Stopp-Loss-Marke liegt.
 

Vorteile von Faktor-Zertifikaten für Anleger

 
Mithilfe von Faktor-Zertifikaten können Anleger auf kurzfristige Preisveränderungen bei diversen Basiswerten setzen – sowohl auf der Long- als auch auf der Short-Seite. Hierfür stehen den Anlegern je nach individuellem Renditehunger und Risikoappetit unterschiedliche Hebel zur Verfügung. Die Gewinnchancen können aufgrund der Hebel somit enorm sein. Durch die Möglichkeit einer untertägigen Indexanpassung lassen sich größere Verluste beim Basiswert gegebenenfalls etwas reduzieren und ein Totalverlust verzögern.
 

Nachteile von Faktor-Zertifikaten für Anleger

 

Der eben beschriebene Hebel kann sich jedoch im Falle eines entgegen der Marktmeinung des Anlegers laufenden Basiswertes auch ins Negative verkehren. Der Anleger trägt das Risiko einer täglichen Investition in den Basiswert, multipliziert mit dem gewählten Faktor des Faktor-Zertifikats. Dabei gilt: Umso höher der gewählte Hebel ist, umso höher auch das Verlustrisiko. Da der Preis des Faktor-Zertifikats vom berechneten Index, und dieser vom Preis des Basiswertes abhängt, kann ein Totalverlust möglich sein, insofern der vom Emittenten berechnete Index auf null Punkte fällt.

Bei stark schwankenden Basiswerten und der daraus gegebenenfalls nachteiligen Entwicklung des Index und des Zertifikatpreises aufgrund der Pfadabhängigkeit, sind Faktor-Zertifikate kein geeignetes Instrument.

Neben der Abhängigkeit des Zertifikatpreises vom Basiswert, können auch das Zinsniveau, Wechselkursschwankungen und weitere Komponenten preisbeeinflussend sein. Dies ist bei einem Investment in Faktor-Zertifikate zu beachten. Als ein weiterer Nachteil kann sich ein gegebenenfalls tägliches Kündigungsrecht durch den Emittenten darstellen – nämlich dann, wenn es für den Anleger gerade zur Unzeit kommt. Ferner fallen Faktor-Zertifikate nicht unter die Einlagensicherung, womit im Falle einer Insolvenz des Emittenten das investierte Anlegerkapital abhandenkommen kann.
 

Faktor-Zertifikate in Kürze

 
Mit Faktor-Zertifikaten ist es Anlegern möglich, an der Preisentwicklung von verschiedensten Basiswerten mit einem konstanten Hebel zu partizipieren. Sollte der Basiswert bei einer Investition in ein Long-Faktorzertifikat (Short-Faktorzertifikat) kontinuierlich steigen (fallen), d.h. Tag für Tag einen höheren (niedrigeren) Schlusskurs erreichen, so würde ein positiver kumulativer Effekt für den Zertifikatebesitzer entstehen. Bei schwankenden Kursverläufen kann es aufgrund der Pfadabhängigkeit hingegen zu dem Phänomen kommen, dass zwar der Basiswert wieder sein Ausgangsniveau erreicht, das Faktor-Zertifikat jedoch einen Verlust aufweist. Somit eigenen sich Faktor-Zertifikate tendenziell nur für Kurzfrist-Trades auf Tagesbasis oder für einen etwas längeren Zeitraum, dann jedoch nur für starke in eine Richtung laufende Märkte über diesen Anlagezeitraum hinweg.
 
 
 

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