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Carrefour kommt in Tritt (EuramS)
von Stephan Bauer
Präsident Nicolas Sarkozy fand starke Worte für sein Prestigeprojekt. "Nur Mut! Unsere Kaufkraft ist da! Wir müssen bloß die Wirtschaft in Bewegung bringen", warb der französische Staatschef mit Verve für sein Gesetz zur Modernisierung der Wirtschaft, das seit wenigen Tagen in der Nationalversammlung beraten wird.
Was für den Präsidenten das Fundament für seine Wiederwahl in vier Jahren werden soll, ist für Frankreichs Handelsmanager ein Hoffnungsschimmer. José Luis Duran, Chef des größten Einzelhandelskonzerns Carrefour, sieht den Beratungen im Parlament mit besonders großer Spannung entgegen. Denn nur zu gern würde Duran einmal vom Temperament des Präsidenten profitieren. Bislang war eher das Gegenteil der Fall. Bei einem Staatsbesuch in Peking war Sarkozy den Gastgebern mit kritischen Bemerkungen zur Tibet-Politik auf die Füße getreten. Die diplomatische Verstimmung war ein Grund, weshalb Tausende Chinesen Carrefours Supermärkte im Reich der Mitte boykottierten.
Die Reform aus dem Elysée jedoch kommt dem Konzern wie gerufen. Geht sie glatt durch, so wäre dies das Aus für einige harsche Regulierungen im französischen Einzelhandel. Dorn in den Augen Durans ist etwa die "Loi Galland". Seit zwölf Jahren verbietet das Gesetz den Verkauf von Waren unter Einstandspreis und verhindert damit Abverkäufe – ein Tribut an die beliebten Tante-Emma-Läden. Zudem sind in Frankreich Mengenrabatte von Lebensmittellieferanten an große Einkäufer verboten. Die Regel, die vor allem die lobbystarken französischen Bauern schützt, beschert Ketten wie Carrefour enorm hohe Einkaufspreise.
Zwar stehen auch Teile der konservativen Mehrheit im Parlament der Landwirtschaftslobby ziemlich nahe. Doch Sarkozys Pläne erfahren gerade kräftigen Rückenwind: Die Inflation im Land der Feinschmecker ist so hoch wie seit zwölf Jahren nicht. Geschickt hat das Regierungsbündnis die Handelsrestriktionen, darunter auch Auflagen auf lokaler Ebene zur Errichtung neuer Supermarktfilialen, als Mitverursacher für die horrenden Lebensmittelpreise dargestellt. Und Sarkozys ehrgeizige Finanzministerin Christine Lagarde lockt mit der preismildernden Wirkung der Liberalisierung: Angeblich drückt das Modernisierungspaket die Inflation drei Jahre lang um 1,6 Prozentpunkte.
Carrefour-Chef Duran hätte sicher nichts gegen eine umfassende Befreiung des Handels im Heimatland. Schließlich wäre der Konzern einer der Hauptgewinner. "Carrefour könnte seine immense Marktmacht ausspielen und wäre einer der großen Profiteure der Reform", sagt Barbara Ambrus, Analystin der Landesbank Baden-Württemberg.
Das würde helfen. Zwar wächst Carrefour vor allem in den Überseemärkten Brasilien und Argentinen, aber auch in China, stark. Doch ausgerechnet im mit knapp der Hälfte des Umsatzes wichtigsten Markt tun sich die Franzosen derzeit schwer. Denn wegen der hohen Lebensmittelpreise fehlt vielen Franzosen offenbar das Geld für andere Dinge. Die 218 heimischen Hypermarchés, Giganten mit einer Verkaufsfläche, die mitunter die Größe von vier Fußballfeldern erreicht, verkauften in den ersten drei Monaten abseits der Lebensmittel deutlich weniger. Bei Non-Food-Artikeln wie Bekleidung oder Elektronik sank der Umsatz um fast neun Prozent.
Möglicherweise war es der Frust über diese Zahlen, der Vorstandschef Duran dazu verleitete, sich Anfang April als eine Art Hiob der Branche zu outen. "Das Wirtschaftsumfeld im Handel ist die größte Herausforderung seit einer Generation", sagte Duran auf dem Welthandelskongress in Barcelona – und schickte die Aktie um fünf Prozent in die Tiefe. Die Jahresprognose stehe, steuerte der Konzern hernach eiligst gegen. Ohne Zweifel war die seltsame Rede Durans eine grobe Fehlleistung. Schließlich lieferte Carrefour im selben Quartal zweistellige Umsatzzuwächse. Vor Kurzem fand der Carrefour-Lenker dann ganz andere Worte für die Lage des Konzerns. 2008 sei das "Jahr des Durchbruchs". Man werde die Marge nach vier Jahren des Schwunds wieder steigern.
Dass der 43-jährige Manager seinen Mut plötzlich wiedergefunden hat, dürfte auch an der jüngsten Veränderung der Machtbalance beim größten Händler Europas liegen. Mächtige Großaktionäre registrieren seit Kurzem aufmerksam alle kursrelevanten Neuigkeiten aus der Pariser Zentrale. Ungeschicklichkeiten gilt es da tunlichst zu vermeiden. Der Milliardär Bernard Arnault, mit dem US-Investor Colony Capital in der Gesellschaft Blue Capital verbündet, ist seit Mitte Mai mit drei Aufsichtsratssitzen und mehr als zehn Prozent der Anteile einflussreichster Aktionär der Gesellschaft. Die Gelegenheit ergab sich für den reichsten Mann Frankreichs, als der langjährige Hauptaktionär, die belgische Halley-Familie, einen 20-prozentigen Stimmrechtsblock aufgesplittet und Anteile an Arnault und dessen Partner verkauft hatte.
In Finanzkreisen gilt es als sicher, dass Arnault den Druck auf Duran erhöht. Da wäre etwa das Kostensenkungsprogramm des Konzernchefs. Bislang will Duran rund 200 Millionen Euro im Jahr sparen. Synergien sollen vor allem in Logisitk und Einkauf erzielt werden. Weitere Idee: In Frankreich testet der Konzern gegenwärtig ein Ein-Marken-Konzept. Die etwas kleineren Champion-Supermärkte könnten demnach mittelfristig in Carrefours umgewandelt werden. Beobachter vermuten, dass Blue Capital auf eine rasche Umsetzung drängen wird. Das Konzept ist auch aus anderer Sicht sinnvoll: Eine starke Handelsmarke verhilft auch den Eigenmarken zu größerer Bekanntheit. In den Augen von Finanzanalysten ein kluger Schachzug: "Bei den Eigenmarken sind in der Regel die Margen höher als bei den Herstellermarken", sagt Analystin Ambrus.
Brennendes Anliegen der neuen Machthaber im Konzern ist vor allem die Verwertung des Immobilienportfolios. Die weltweit knapp 15.000 Märkte sind laut Schätzungen zwischen 20 bis 24 Milliarden Euro wert – Vermögen, das nach Ansicht von Arnault dringend gehoben werden muss. Spekulationen zufolge arbeitet Blue Capital bereits an einem Verkauf. Auch offiziell ist der Weg für eine Verwertung schon bereitet. Spätestens im vierten Quartal des Jahres steht die Öffnung der Immobilientochter Carrefour Properties für Privatinvestoren auf der Agenda. Bis 1,5 Milliarden Euro würde ein solcher Schritt laut Experten bringen. Ein anschließender Börsengang gilt nicht mehr als ausgeschlossen.
Mit einem Immobiliencoup ließe sich aus Sicht Arnaults das Hauptproblem Carrefours beseitigen: die Unterbewertung an der Börse. Die Liberalisierung des Handels weiß Arnault hingegen bereits in vertrauten Händen. Zu Präsident Sarkozy hat der einstige Trauzeuge Arnault immer noch beste Beziehungen.
| 26.08.2008 | Carrefour hold | Citigroup Corp. | |
| 11.07.2008 | Carrefour neutral | JP Morgan Chase & Co. | |
| 10.07.2008 | Carrefour buy | Société Générale Group S.A. (SG) | |
| 10.07.2008 | Carrefour reduzieren | Independent Research GmbH | |
| 01.07.2008 | Carrefour buy | Goldman Sachs Group Inc. |
Aktien in diesem Artikel
| Carrefour | 33,8 | -1,6% |
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