04.12.2007 09:36
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Experte: Preisdruck beschleunigt 2008 Konsolidierung im Pharmasektor

        FRANKFURT (dpa-AFX) - Der anhaltende Druck auf die Arzneimittelpreise und der schleppende Nachschub an Kassenschlagern mit Milliardenumsätzen wird nach Experteneinschätzung 2008 die Konsolidierung im Pharmasektor anheizen. "2008 muss sich die Branche mehr denn je die Frage stellen, wie halten wir die hohen Margen bei gleichzeitigem Kostendruck durch billigere Generikahersteller und Kürzungen im Gesundheitssystem", fasst Holger Geißler, Fondsmanager bei der Fondsgesellschaft der Deutschen Bank, DWS, die Herausforderungen der Branche im Gespräch mit der Finanz-Nachrichtenagentur dpa-AFX zusammen. Um die eigene Pipeline - also den Nachschub an neuen Medikamenten - aufzufüllen, würden derzeit teilweise exorbitante Summen für Übernahmen gezahlt.

 

ÜBERNAHME VON MEDIMMUNE SEHR TEUER

 

    "Wie verzweifelt die Branche ist, zeigt die Übernahme von MedImmune durch AstraZeneca", so Geißler. Der britisch-schwedische Pharmakonzern hat im Frühjahr das amerikanische Biotechnologie-Unternehmen MedImmune für 15,2 Milliarden Dollar übernommen und für den größten Zukauf der Unternehmensgeschichte einen Aufschlag von 53,3 Prozent auf den MedImmune-Schlusskurs vom 11. April gezahlt. Der amerikanische Impfstoffspezialist wies 2006 einen Umsatz von 1,3 Milliarden Dollar und einen Gewinn vor Steuern von 75 Millionen Dollar aus.

 

    Branchenkenner haben den Kauf von MedImmune als zu teuer eingestuft. Finanzvorstand Jon Symonds sei gegangen, weil die Übernahme von MedImmune überbezahlt war. Symonds verließ Ende Juli AstraZeneca   und wechselte zur amerikanischen Investmentbank Goldman Sachs. Symonds, der in der Branche ein hohes Ansehen genoss, habe den Kauf nicht mittragen wollen, klingt bei Gesprächen mit Vorständen und anderen Branchenvertretern immer wieder durch. Auch der weltweit zweitgrößte Pharmakonzern GlaxoSmithKline   hat zuletzt für die 1,65 Milliardenschwere Übernahme von Reliant Pharmaceuticals tief in die Tasche gegriffen und mehr als das 30-fache des Gewinns vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen gezahlt.

 

ANFORDERUNGEN DER FDA WERDEN WEITER STEIGEN

 

    Neben dem Patentablauf wichtiger Produkte, dürfte auch 2008 die konservative und vorsichtige Haltung der amerikanischen Arzneimittelbehörde Food and Drug Administration (FDA) weiter für Kurskapriolen bei Pharmawerten sorgen. Die FDA war nach dem Verkaufsstopp des Schmerzmittels Vioxx in die Kritik geraten und ist seitdem bei der Zulassung neuer Medikamente deutlich restriktiver. "Die FDA ist momentan sozusagen gespalten. Es gibt eine Gruppe für die Zulassung von Medikamenten und eine weitere für die Kontrolle der Medikamente, die bereits auf dem Markt sind." Dadurch würden viele bereits am Markt befindliche Medikamente erneut unter die Lupe genommen. "Wir gehen deshalb davon aus, dass die Anforderungen der FDA an die Branche weiter steigen werden", urteilt Fondsexperte und Analyst für europäische Pharmawerte Geißler.

 

    Nach einer Studie der WestLB hat die FDA im ersten Halbjahr 2007 nur 8 Medikamente zugelassen im Vergleich zu 11 im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Bei bereits am Markt befindlichen Produkten wie dem Diabetesmittel Avandia von GlaxoSmithKline wurden die Warnhinweise auf den Packungen verschärft. Der Zulassungsantrag für die Schlankheitspille Acomplia, von der sich Sanofi-Aventis   Umsätze in Milliardenhöhe erwartet hatte, scheiterte im Sommer auf dem weltweit größten Pharmamarkt, den USA.

 

KASSENSCHLAGER VERZWEIFELT GESUCHT

 

    "Auch der Level an Innovation seitens der Unternehmen ist derzeit gering", so Geißler. Branchenprimus Pfizer   mit einem Umsatz von 45 Milliarden Dollar in 2006 pumpt jährlich mehr als sieben Milliarden Dollar in die Forschung - mit begrenztem Erfolg. Ab 2010/11 droht das Auslaufen des Patentschutzes für den Cholesterin-Senker Lipitor - das weltweit meistverkauft Medikament mit einem Umsatz von fast 13 Milliarden Dollar. Ende 2006 musste der Pharmakonzern die Entwicklung des ehemaligen Hoffnungsträgers Torcetrapib und Lipitor-Nachfolgers einstellen - an der Börse brach der Titel daraufhin um fast 30 Prozent ein. Die 643 Milliarden Dollar schwere Industrie ist weltweit nach einer Studie der Rating-Gesellschaft Standard & Poor's eine der am wenigsten konsolidierten Branchen. Pharmariese Pfizer, der die Potenzpille Viagra verkauft, kam 2006 nur auf einen Marktanteil von 7 Prozent.

 

GENERIKAHERSTELLER GREIFEN IMMER FRÜHER PATENTE AN - MILLIARDENUMSÄTZE BEDROHT

 

    Die Analysten der WestLB rechnen 2007 mit einem Patentablauf für Medikamente mit einem Umsatzvolumen von 14 Milliarden Dollar. Das sei erst der Vorgeschmack: "2010/2011 werden mit Lipitor und ein Jahr später mit Lovenox und Plavix von Sanofi-Aventis die Umsatzspitzenreiter der Branche ihren Patentschutz verlieren", erklärt Geißler. Der Patentschutz für den Wirkstoff von Diovan - dem wichtigsten Medikament von Novartis - läuft ebenfalls bis ins Jahr 2012. Die Analysten der Schweizer Bank Vontobel erwarten, dass bei "Big Pharma" in den nächsten fünf Jahren durch Patentverlust Pharmaumsätze im Volumen von mehr als 100 Milliarden Dollar verloren gehen. Laut Geißler werden Ende des Jahrzehntes von den Top 11 Indikationen 10 generisch sein.

 

    Ob der Pharmasektor 2008 zu den Gewinnern an der Börse gehört, hängt nach Geißlers Worten auch von der weiteren Entwicklung an den Finanzmärkten ab: "Wenn die Investoren eher damit rechnen, dass die Krise durch zweitklassige US-Hypothekenkredite anhält oder sich verschärft, dann werden sie eher defensive Titel wie Pharmawerte kaufen. Wenn sich die Stimmung aber aufhellt, dann dürfte der Pharmasektor schlechter laufen." Sicher sei aber, dass die Politik auf der Suche nach zusätzlichen Einsparungen im Pharmasektor weiter die Kostenschraube ansetzten wird: "Die hohen Margen bei vielen Pharmakonzernen bezogen auf das EBITDA laden gerade dazu ein", so Geißler.

 

    "Große Pharmawerte mit Kurs auf Nullwachstum - oder weniger?" überschreibt Analyst Karl-Heinz Koch von Vontobel den Ausblick auf 2008. Das Analystenteam um Andreas Theisen und Oliver Kämmerer von der WestLB sieht das Wachstum auf dem weltweiten Pharmamarkt 2008 bei vier Prozent nach erwarteten fünf Prozent in 2007. 2001 wurde noch ein durchschnittliches Wachstum von 15 Prozent erzielt./ep/js/zb

 



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