29.08.2008 13:03
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FOKUS: Sinkende Fahrzeug-Restwerte belasten die Hersteller

Von Christoph Baeuchle

   DOW JONES NEWSWIRES

STUTTGART (Dow Jones)--Die Konsequenzen der jahrelangen Rabattierung im Automobilgeschäft bekommen die Hersteller nun auch in ihrem Heimatland Deutschland zu spüren. Auch hierzulande werden die rapide sinkenden Gebrauchtwagenpreise in den nächsten Quartalen die Bilanzen ihrer Finanzsparten belasten. Dies trifft vor allem die deutschen Premiumhersteller, die im Flottengeschäft stark vertreten sind.

   Es sind die Leasingrückläufer, die den Herstellern zu schaffen machen. Die vor Jahren errechneten Rücknahmepreise für diese Fahrzeuge stimmen mit der Realität meist nicht mehr überein. Auch deshalb musste beispielsweise BMW für Restwertrisiken und Kreditausfälle im US-Geschäft im ersten Halbjahr Rückstellungen von knapp 700 Mio EUR bilden.

   "BMW hat den offenen Weg gewählt", urteilt Jürgen Pieper. Der Analyst vom Bankhaus Metzler rechnet damit, dass weitere Herstellern ähnliche Belastungen noch vor sich haben. Wie die Hersteller das Problem verarbeiten, lasse sich bislang aber nicht erkennen.

   Pieper steht mit seiner Einschätzung nicht allein. Es sei schwer vorstellbar, dass die anderen deutschen Hersteller wie Daimler, Porsche und Volkswagen ähnlichen Kosten entkommen sollten, schreibt etwa Merrill Lynch in einer Analyse.

   Die Betroffenen geben sich zugeknöpft, was mögliche Abschreibungen auf Fahrzeugrestwerte in den Bilanzen ihrer Finanzsparten angeht. "Dazu machen wir keine dezidierte Aussage", sagte ein BMW-Sprecher und verweist auf die publizierten Rückstellungen für das US-Geschäft.

   Bei Daimler Financial Services führt man die Abschreibungen von knapp 1,2 Mrd EUR im ersten Halbjahr sowohl auf die Sachanlagen als auch auf das Leasingvermögen zurück. Außerplanmäßige Abschreibungen auf Restwerte seien darin nicht enthalten, so ein Sprecher.

   Die Finanzsparte von Volkswagen hat ihre Risikovorsorge aufgrund der weiterhin schwachen Ertragslage des Handels nach dem ersten Halbjahr erhöht. Insgesamt summiert sie sich über 36 Märkte hinweg auf 478 Mio EUR, im vergleichbaren Vorjahreszeitraum waren es 327 Mio EUR. "Schwerpunkt der Erhöhung sind potenzielle Risiken der Ertragslage für den Kfz-Handel", äußerte ein Sprecher von Volkswagen Financial Services.

   Die Unternehmen bekommen die Spätfolgen ihrer rabattgesteuerten Absatzpolitik nun nicht mehr nur in den USA zu spüren. Das Problem ist auch in Europa angekommen, wie BMW-Finanzvorstand Michael Ganal kürzlich bei der Präsentation der Halbjahreszahlen einräumte. So heißt es im Zwischenbericht des Münchner Automobilherstellers, dass die Fahrzeugrestwerte neben den USA und Kanada von Januar bis Juni vor allem in Deutschland deutlich nachgegeben haben.

   Bereits seit dem vergangenem Jahr stellen die Wertgutachten-Spezialisten von EurotaxSchwacke einen starken Verfall der Gebrauchtwagenpreise in Deutschland fest. "Am stärksten sind die Mittelklasse und die obere Mittelklasse betroffen", sagte Roland Stach, der bei EurotaxSchwacke für die Umsetzung der am Markt gewonnenen Daten zuständig ist. Um bis zu 5 Prozentpunkte hätten die Restwerte nachgegeben. Davon betroffen seien in erster Linie Premiumanbieter.

   Auch der Verband der markenunabhängigen Fuhrparkmanagementgesellschaften eV (VMF) beobachtet einen starken Preisverfall. Nach Berechnungen des VMF sind die Gebrauchtwagenpreise in den vergangenen zwölf Monaten um 2,1 Prozentpunkte gesunken.

   So lag der Wiederverkaufswert für ein dreijähriges Automobil mit rund 90.000 Kilometer Laufleistung im Mai 2007 noch bei 41,7% des urprünglichen Listenpreises. Zwölf Monate später lag die Quote noch bei 39,6%. Konkret bedeutet das für einen durchschnittlichen Neuwagen mit einem Anschaffungspreis von rund 26.500 EUR einen Rückgang beim Wiederverkaufspreis von 557 EUR binnen eines Jahres.

   Zum Teil ist der Preisverfall hausgemacht: "Die intensiven Rabatte der Hersteller für Neuwagen, die über Jahre hin gegeben wurden, schlagen nun auf die Restwerte durch", analysiert Stefan Bratzel, Automobilexperte an der FH Bergisch Gladbach. Laut Ferdinand Dudenhöffer, Direktor des CAR an der FH-Gelsenkirchen, lag das Rabatt-Niveau im laufenden Jahr zwischen 14,5% und 17%. Im Vergleich zum Vorjahr ist es sogar leicht rückläufig.

   Noch ist der Boden bei den Preisen nicht erreicht. Mit ihren zu optimistisch kalkulierten Restwerten bei den Leasingangeboten tragen einige Hersteller weiter zu ihrem Verfall bei: Sind die veranschlagten Restwerte beim Wiederverkauf nicht zu erzielen, kommen die Leasingrückläufer günstiger in den Markt. Dadurch erhöht sich der Druck auf die künftigen Restwerte der Leasingangebote weiter. "Dies könnte dann den Preisdruck bei Gebrauchtwagen verstärken, aber auch Auswirkungen auf das Neugeschäft haben", so Stach.

   Über den weitere Entwicklung der Restwerte und die Abschreibungen der Automobilkonzerne sind sich die Experten uneins. "Für die nächsten vier Quartale sehe ich ein Risiko", sagte etwa Analyst Pieper. Der Höhepunkt werde im zweiten Halbjahr erreicht, ab Mitte 2009 rechnet er wieder mit einer Abschwächung des Problems.

   Andere gehen davon aus, dass sich die Entwicklung wesentlich länger hinzieht: "Es stehen drei harte Jahre mit Wertberichtigungen und Verlusten bei den Autobanken bevor", prognostiziert Professor Dudenhöffer. Bis 2011 werde sich bei den Autobanken eine Verlustberg auftürmen, weil Leasingverträge in den USA häufig über drei Jahre liefen.

   Allein das US-Gebrauchtwagenproblem wird nach Dudenhöffers Berechnung bei den deutschen Automobilhersteller zu einem Abschreibungsbedarf von rund 1,5 Mrd USD führen. Bezogen auf das Europa-Geschäft werde die Summe noch höher ausfallen, prognostiziert der Fahrzeugexperte.

   Analyst Pieper glaubt dagegen, dass die Auswirkungen in Europa weniger drastisch sind als in den USA. "Das Risiko in Europa ist nicht so groß wie in den USA." In Europa sei die Preisaggressivität kleiner und die Leasingquote geringer, zudem seien die konjunkturellen Probleme weniger gravierend.

Webseiten: http://www.daimler.com/ http://www.bmwag.com/ http://www.volkswagenag.com/ http://www.eurotaxschwacke.de/

Von Christoph Baeuchle, Dow Jones Newswires; +49 (0)711 - 2287 412, christoph.baeuchle@dowjones.com DJG/cba/rio (END) Dow Jones Newswires

   August 29, 2008 06:59 ET (10:59 GMT)

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