02.06.2008 14:33
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FOKUS: Solarförderung lässt auch künftig Stromrechnung steigen

Von Andreas Heitker

   DOW JONES NEWSWIRES

DÜSSELDORF (Dow Jones)--Die Förderung der Solarenergie wird auch nach der geplanten Änderung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) milliardenschwere Zusatzlasten für die deutschen Stromverbraucher nach sich ziehen. Strom aus Photovoltaik wird im Energiemix zwar auch künftig nur von untergeordneter Bedeutung sein - die Stromrechnungen aber weiter überproportional belasten. "Die Kostenlawine rollt ungehindert wie ein Tsunami auf die Verbraucher zu", warnt Manuel Frondel vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI).

   Frondel, der bei dem Essener Institut den Bereich Umwelt und Ressourcen leitet, ist von dem Kompromiss enttäuscht, den die Berliner Regierungskoalition in der vergangenen Woche im Grundsatz beschlossen hat und der bereits in den nächsten Tagen in die EEG-Novelle einfließen soll. Danach wird sowohl auf eine Deckelung beim Ausbau der Solarenergie in Deutschland verzichtet als auch auf eine Einmal-Absenkung bei der Grundvergütung.

   Die Koalition plant zwar eine Absenkung der Einspeisevergütung ab dem kommenden Jahr - aber in wesentlich geringerem Umfang als zuletzt unter anderem von Teilen der CDU/CSU-Fraktion gefordert. Nach den Ende vergangener Woche bekannt geworden Plänen will die Koalition die Vergütungen für Solarstrom in den nächsten zwei Jahren um jeweils 8% und ab 2011 dann um jährlich 9% senken. Für Großanlagen mit über 100 Kilowatt Leistung ist für 2009/2010 eine noch stärkere Degression angekündigt worden. Im Gespräch waren aber zuletzt vor allem in der Unions-Fraktion deutlich höhere Absenkungen von 25% bis 30% gewesen.

   Die Pläne der Koalition sollen in dieser Woche im Detail festgezurrt, am Mittwoch in den Ausschüssen abgesegnet und am Freitag in den Bundestag eingebracht werden. Nach Berechnungen des RWI werden dadurch aber die Solar-Zusatzkosten für die Stromkunden in den nächsten drei Jahren um gerade einmal 3 Mrd EUR sinken. Mit den neuen Fördersätzen würden alle bis 2011 in Deutschland installierten Solaranlagen die Verbraucher insgesamt 62,4 Mrd EUR kosten, so das RWI. Wenn das EEG nicht geändert wird, wären es dagegen 65,4 Mrd EUR. Denn bisher sieht das EEG eine jährliche Senkung der Vergütung um nur 5% vor.

   Hintergrund dieser Rechnung: Der Betreiber von Solaranlagen in Deutschland erhalten für 20 Jahre feste Einspeisevergütungen, die deutlich über den Kosten liegen, die derzeit für konventionellen Strom zu zahlen sind. Momentan bekommen Standard-Solaranlagen auf einem Dach eine Basisvergütung von 0,46 EUR je Kilowattstunde (kWh). Bereits die bis 2007 installierten Anlagen sorgen nach RWI-Berechnungen deshalb für zusätzliche Kosten von rund 26,5 Mrd EUR. Diese werden im Laufe der Jahre über die Stromrechnungen an die Verbraucher weitergereicht.

   In einer Studie, die das RWI kürzlich zur geplanten EEG-Novellierung vorgelegt hat, hatte das Institut bereits kritisiert, dass diese Kosten bis 2015 bei Beibehaltung der derzeitigen Regelungen auf knapp 120 Mrd EUR ansteigen könnten. Diese Kosten ließen auch die Leistungen der "Jobmaschine Solarindustrie" etwas verblassen: Jeder der 2006 in der Branche gezählten Arbeitsplätze sei bereits mit mindestens 153.000 EUR subventioniert.

   Mittlerweile gibt es rund 40.000 Photovoltaik-Arbeitsplätze in Deutschland - je zur Hälfte in der Industrie und im Handwerk. Der Solarverband warnte in den vergangenen Wochen bereits, dass drei Viertel dieser Arbeitsplätze wieder verschwinden wird, falls die Einspeisevergütung zu stark gekürzt wird.

   Der RWI-Experte Frondel glaubt dagegen, dass 2009 auch eine Senkung der Vergütung um 30% möglich wäre, ohne dass ein dauerhafter Nachfrageeinbruch droht. Auch Analysten teilen diese Meinung. Der Renewables-Experte der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), Stephan Droxner, warnte noch im März, dass die Solarbranche aufgrund einer "Überförderung" Gefahr laufe zu überhitzen. Die deutschen Photovoltaik-Unternehmen seien technologisch und kostenmäßig vorne dabei und könnten mit einer höheren Degression der Vergütungen durchaus leben.

   "Die jetzige EEG-Regelung gibt zudem der asiatischen Konkurrenz Zeit, die Lücke auf unsere Kosten zu schließen", warnte Droxner. Denn die für die Branche existenziell wichtigen Kostensenkungen werden durch die hohe Förderung und den geringeren Druck nur verlangsamt. Droxner verweist darauf, dass so nur "unnötig hohe Gewinne" am vorderen Ende der solaren Wertschöpfungskette entstehen, die aber für das Erreichen der Wettbewerbsfähigkeit der Branche unbedeutend sind.

   Kritiker sagen, dass sich die Solarlobby mit der jetzt absehbaren geringeren Absenkung der Fördersätze einmal mehr durchgesetzt habe. "Die durchschnittliche Degression bleibt hinter den zu Kostensenkungen zurück, die man in der Industrie erwarten kann", meint etwa Jochen Siemer, Chefredakteur des Branchenfachmagazins "Photon". Das heiße automatisch: Die Gewinnmargen der Unternehmen steigen weiter.

   Dass diese Margen auch bisher schon alles andere als gering waren, zeigt ein Blick in die Konzernbilanzen wichtiger Branchenunternehmen: SolarWorld zum Beispiel verbuchte 2007 eine EBIT-Marge von 29%, Q-Cells kam auf 23%, ersol immerhin noch auf 14%. Der Bundesverband Solarwirtschaft räumt denn auch ein, dass innovative Unternehmen die neuen Kostenvorgaben des EEG durchaus schaffen könnten. "Die Gefahr eines Markteinbruchs ist gebannt", kommentierte Geschäftsführer Carsten Körnig am Freitag den Koalitionskompromiss.

   Nach Zahlen des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) erhält die Solarbranche derzeit ein Viertel der gesamten Vergütungen, die über das EEG verteilt werden. Die Auswirkungen dieser Bevorteilung der Sonnenenergie auf die deutsche Versorgungssicherheit sind dennoch gering: 2007 trug Photovoltaik nur mit 3,0 Mrd kWh zur Stromerzeugung bei - dies waren gerade einmal 0,5% der gesamten deutschen Netto-Stromproduktion. Die derzeitige Mittelfristprognose des BDEW sieht zwar einen deutlichen Anstieg in den nächsten Jahren vor - aber auch 2014 wird Solar mit dann über 7 Mrd kWh beileibe keine tragende Säule der deutschen Stromversorgung sein.

   Die Solarbranche argumentiert dagegen, dass auch auf Grundlage der BDEW-Prognose die Förderung bezahlbar bleibt. Bis 2014 werde ein deutscher Haushalt durch die Solarförderung mit maximal 2,14 EUR je Monat belastet, so der zuständige Bundesverband. Und bis 2014 werde Solarstrom in Deutschland wettbewerbsfähig sein. Die hohen Gewinne sind nach Meinung der Branche notwenidig, um den Aufbau der Produktion und die hohen Ausgaben für Forschung und Entwicklung bezahlen zu können.

   Klar ist aber auch: Die deutschen Solarunternehmen bauen sukzessive ihr Auslandsgeschäft weiter aus, um sich vom deutschen Fördersystem unabhängiger zu machen. In diesem Jahr führen die anstehende EEG-Novelle und die ab 2009 erwarteten Kürzungen zudem zu einer starken Nachfrage nach Solarmodulen. Diese Vorzieheffekte hatte SolarWorld-Finanzvorstand Philipp Koecke bereits im vergangenen November in einem Dow-Jones-Interview prognostiziert. Andreas Hänel, Vorstandsvorsitzender von Phoenix Solar, hatte Mitte Mai gegenüber Dow Jones von einem regelrechten Boom gesprochen, den die EEG-Novelle 2008 provozieren werde.

   Die Analysten von Sal. Oppenheim gehen davon aus, dass auf den Boom dann im nächsten Jahr eine kurze Schwächephase folgt. In der Zeit danach würden weitere Preisrückgänge bei den Anlagen aber die Nachfrage wieder nach oben treiben, heißt es in einer in der vergangenen Woche veröffentlichten Studie. Die Analysten rechnen damit, dass die Rahmenbedingungen auch in allen anderen wichtigen Solarmärkten günstig bleiben, so dass die Branche weiter wachsen und in einigen Ländern bereits deutlich früher, als von vielen gedacht, wettbewerbsfähig wird: "Ab 2012 erwarten wir, dass der Solarmarkt nachhaltig ohne Subventionen auskommen wird."

Webseiten: http://www.solarwirtschaft.de/ http://www.rwi-essen.de/ http://www.bdew.de/

-Von Andreas Heitker, Dow Jones Newswires, +49 (0)211 - 13872 14, andreas.heitker@dowjones.com DJG/hei/kgb/rio (END) Dow Jones Newswires

   June 02, 2008 08:30 ET (12:30 GMT)

   Copyright (c) 2008 Dow Jones & Company, Inc.- - 08 30 AM EDT 06-02-08

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