15.07.2008 18:06
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FOKUS: VW geht US-Konkurrenz mit neuem Standort aus dem Weg

   Von Katharina Becker

   DOW JONES NEWSWIRES

WOLFSBURG (Dow Jones)--Die Volkswagen AG hat sich bei der Standortsuche für ihr US-Werk für den Südosten des Landes entschieden - weit weg von den krisengeplagten großen US-Automobilherstellern. Wenn 2011 die Produktion in Chattanooga im Bundesstaat Tennessee anläuft, darf der Wolfsburger Automobilkonzern in den USA endlich als heimischer Anbieter auf dem weltgrößten Markt auftreten. "Eine Fabrik in den USA hat immer Lokalkolorit - die Autos verkaufen sich dann noch mit Inländer-Bonus", sagte ein Händler.

   Das eigene Werk in den USA ist Kernstück eines ehrgeizigen Wachstumsplans und soll Europas größten Automobilkonzern auf dem weltgrößten Markt aus den roten Zahlen helfen. Volkswagen verbrennt seit Jahren in den USA Geld. Der im Verhältnis zum Euro schwache Dollar macht die Importe noch schmerzhafter. Wechselkursschwankungen haben VW im vergangenen Jahr rund eine halbe Milliarde Euro gekostet, etwa die Hälfte davor war dem US-Dollar zuzuschreiben.

   Mit der Produktion vor Ort soll jetzt gegengesteuert werden. Das Werk soll den Konzern "nachhaltig von Währungsschwankungen entlasten", begründet VW den Schritt. Es ist für VW aber nicht nur ein wichtiger Baustein, jenseits des Atlantiks wieder schwarze Zahlen zu erreichen, sondern auch die ambitionierten Absatzziele. "Wenn wir Toyota überholen wollen und unsere erfolgreiche Wachstumsstrategie fortsetzen wollen, dann müssen wir in den USA Marktanteile gewinnen", hatte der VW-Betriebsratsvorsitzende Bernd Osterloh gesagt.

   Mit 800.000 verkauften VW und weiteren 200.000 Audi will Europas größter Automobilbauer 2018 in den USA einen Marktanteil von rund 6% erreichen. Im vergangenen Jahr verkaufte der Konzern rund 300.000 Golf, Jetta, New Beetle und andere Fahrzeuge in den USA sowie 93.500 Audi. Damit lag der Marktanteil bei 2%. Toyota unterhält in Nordamerika 13 Werke und produziert rund 1,5 Millionen Modelle.

   Zuletzt litten die Wolfsburger auf dem weltgrößten Automobilmarkt aber nicht nur unter dem schwachen Dollar, sondern auch unter einer verfehlten Modellpolitik. In der neuen Fabrik soll daher eine Mittelklasse-Limousine - möglicherweise eine abgespeckte Version des Passat unter einem anderen Namen - gebaut werden, um gegen Platzhirsche wie den Honda Accord und Toyota Camry anzutreten. Das Modell ist zum Erfolg verdammt. Ein Flop wäre ein herber Rückschlag für VW.

   Volkswagen sieht seine wichtigste US-Käuferklientel an der Ostküste. Chattanooga in Tennessee verfügt mit seinem 550 Hektar großen erschlossenen Gelände über eine gute Schienen- und Straßenanbindung an diese Region. Michigan hatte sich nach Informationen von Dow Jones Newswires als Heimat der großen US-Automobilbauer General Motors, Ford und der ehemaligen Daimler-Tochter Chrysler schon früh als Standort disqualifiziert.

   Mit der Standortentscheidung kehrt Volkswagen nach mehr als 20 Jahren in die Vereinigten Staaten zurück. Die Deutschen waren 1978 die ersten ausländischen Automobilbauer mit einer Produktion in den USA. Doch die Golfs und Jettas, die in Westmoreland im Bundesstaat Pensylvania vom Band liefen, konnten nie an die Erfolge des VW-Beetle in den 50er und 60er Jahren anknüpfen. Das Werk war zuletzt nicht einmal mehr zu 40% ausgelastet. Unter dem wachsenden Druck der Toyotas, Nissans und Hondas gaben die Wolfsburger 1988 schließlich auf und importierten die Fahrzeuge seither vor allem aus Deutschland und Mexiko.

   Mit staatlichen Investitionsanreizen, gut ausgebildeten Arbeitskräften und der weitgehenden Abstinenz von Gewerkschaften haben viele US-Südstaaten in den vergangenen zwei Jahrzehnten große Automobilkonzerne mit ihren Zulieferern im Schlepptau angelockt. So produzieren Nissan und General Motors in Tennessee, Daimler in Alabama. Toyota investiert 1,3 Mrd USD in Mississippi. BMW will das Werk in Spartanburg in South Carolina für 750 Mio USD ausbauen. Künftig sollen dort statt 160.000 Fahrzeugen 240.000 Wagen vom Band rollen. Honda baut seine Fahrzeuge in Ost-Alabama, Kia in Georgia.

   Die Entscheidung der Wolfsburger für ein Werk in den Vereinigten Staaten kommt zu einer Zeit, in der die Automobilbauer in den USA mit heftigen Absatzeinbrüchen kämpfen. Allein im Juni schrumpften die Neuwagenverkäufe um mehr als 18%, im ersten Halbjahr immerhin um ein Zehntel.

   Angesichts rasant steigender Preise an der Zapfsäule verzichten immer mehr Amerikaner auf die einst so beliebten, spritschluckenden Geländewagen und Pick-ups. Die drei großen US-Hersteller aus Detroit, GM, Ford und die einstige Daimler-Tochter Chrysler, sind auf die plötzliche Nachfrage nach kleineren, sparsamen Modellen nicht vorbereitet. VW sieht hier seine Chance.

   Entgegen den pessimistischen Prognosen vieler Experten gehen die Wolfsburger langfristig von steigenden Verkaufszahlen in den USA aus. In zehn Jahren rechnet VW auf dem weltgrößten Automobilmarkt mit 17,3 Mio verkauften Wagen. Branchenexperten glauben jedoch aufgrund der schwächelnden Konjunktur und steigender Spritpreise, dass die Neuwagenverkäufe in den USA in den kommenden Jahren unter 16 Mio sinken. 2008 könnte demnach das schwächste Jahr seit einer Dekade für den weltgrößten Automobilmarkt werden.

   Die Marktforscher von J.D. Power & Associates hatten ihre Jahresabsatzprognose zuletzt auf 14,95 Mio von zuvor 15,7 Mio Fahrzeugen gesenkt. Im Jahr 2007 wurden in den USA noch 16,1 Mio Neuwagen verkauft.

Webseite: http://www.volkswagenag.com

- Von Katharina Becker, Dow Jones Newswires, +49 (0)69 29725 112, katharina.becker@dowjones.com

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   July 15, 2008 12:03 ET (16:03 GMT)

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