20.08.2008 12:00
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GoingPublic Kolumne: Was ist neu an der Finanzkrise?

        WOLFRATSHAUSEN (goingpublic.de) - Die Nachrichten über die gegenwärtige Finanzkrise sind schockierend. Man kann durchaus auf die Idee kommen, der finanzielle Untergang des Abendlandes scheine bereits festzustehen. Und dennoch läuft alles nach Plan und nichts aus dem Ruder: Im Westen nichts gravierend Neues.

    Man braucht schon ein dickes Fell, um über diesen Sommer zu kommen. Ich muss zugeben, solch herbe Schlagzeilen, wie sie in der letzten Zeit gekommen sind, vorher noch nicht gelesen zu haben. Schenkt man dem, was in den Medien veröffentlicht wird, auch nur etwas Glauben, so müsste es uns eigentlich bereits an den Kragen gegangen sein.

    Blicken wir daher kurz zurück in vergangenen Krisen: Die Krise von 1987 geschah aus heiterem Himmel, doch hinterher konnten einem nur die Hosenbeine schlottern, wenn man daran dachte, was wohl hätte passieren können. Da kam die Sorge erst in dem Moment auf, als das Schlimmste bereits überstanden war. Heute hingegen scheint durchaus das Umgekehrte der Fall zu sein.

    Einer hatte jedoch den Crash 1987 richtig prophezeit und wurde danach zum Star. Doch was hörten wir aus seinem Munde seit der Mitte der 90er Jahre? Ein erneuter Crash. Damals war das etwas Schlimmes, aus dem Blickwinkel der heutigen Nachrichten jedoch wirkt das außerordentlich putzig und possierlich. Heute haben wir ganz andere Dimensionen drauf.

    Zuerst kam da die Untergangsvision der Royal Bank of Scotland. Nur wenig später konnte man lesen, der Chef des niederländischen Finanzkonzerns Fortis, Maurice Lippens, prognostiziere den kompletten Zusammenbruch des US-Finanzsystems. Lippens hatte in einem Zeitungsinterview gesagt, er sehe den Zeitpunkt für den totalen Kollaps des US-Finanzsystems innerhalb von wenigen Tagen bis zu einigen Wochen.

    Kein Wunder, dass anfällige Naturen in derartigen Zeiten schwach werden. In bestimmten Kreisen scheint der (finanzielle) Untergang des Abendlandes bereits ausgemachte Sache zu sein. Einzig über die Frage, wann es so weit ist, wird noch diskutiert. Bezeichnend für das, was in derartigen Kreisen gedacht wird, mag der folgende Beitrag sein, den ich in einem Internetforum gefunden habe:

    „Wenn ein Mensch krank ist“, schreibt da jemand, „dann kann man anhand verschiedener Symptome eine Therapie einleiten und mit gewissen Wahrscheinlichkeiten Vorhersagen zu seiner Genesung beziehungsweise zu seiner Hinfälligkeit machen. Ähnlich verhält es sich mit dem Finanzsystem. Wenn jedoch der Mensch (oder das Finanzsystem) unheilbar krank sind, dann versagen diese Erkenntnis samt Therapie zunehmend. Genau an dieser Stelle sind wir offensichtlich angelangt, bei allem, was mit Finanzen zu tun hat.“

    Die Menschen da draußen an Bildschirmen sind anscheinend vollkommen verunsichert in Hinsicht auf unser Finanzsystem – und wohl auch noch viel weitgehender in Hinsicht auf unser gesamtes Gesellschaftssystem und unsere Demokratie. Das mutet schon etwas gespenstisch an, gerade wenn man die unheilvolle Geschichte unseres Landes kennt. Unheilbar krank, keine Erkenntnis, keine Therapie. Doch was in unseligen Zeiten breite Massen mit großem Ernst an die Kehle packte, ist aus meiner Sicht heute zum größten Teil das Luxusphänomen fetter Bürger.

    Aus diesem Grunde sehe ich auch die augenblickliche Krise vorbeigehen wie alle anderen Krisen vorbei gegangen sind. Auf schlechtes Wetter folgt wieder gutes Wetter – nur dass man sich das in Regen und Nebel stets nicht vorstellen kann. Die Zentralbanken haben sich vorbildlich verhalten und die Krise gemeistert. Und genau das ist ihre Aufgabe. Egal, ob sie öffentlich-rechtlichen oder privatwirtschaftlich organisiert sind, wie die US-Notenbank, woraus naturgemäß in heutiger Zeit diverse Verschwörungstheorien gestrickt werden.

    Der Ölpreis kracht, die Rohstoffpreise gehen in breiter Front zurück. Ein besseres Konjunkturprogramm bei gleichzeitiger Inflationsbekämpfung ist gar nicht vorstellbar. Die Wirtschaftskrise wird dadurch maßvoll ausfallen. Und wenn die Konjunktur dann wieder brummt und die Aktien neue Höchststände erreichen, dann ist auch wieder Raum für neue Verteuerungen der Rohstoffe. Denn Rohstoffzyklen, das wissen wir, sind extrem lang anhaltend. Das, was wir gegenwärtig erleben, ist nur eine heftige Reaktion, da sollte man sich nicht täuschen lassen.

    Insgesamt also wenig Neues. Nur die andauernde neue Wiederholung des Immergleichen. Manchmal ein bisschen schärfer in den Worten und Ereignissen und manchmal etwas abgeschwächter.

Bernd Niquet

    Die GoingPublic Kolumne ist ein Service des GoingPublic Magazins, Deutschlands großem Kapitalmarktmagazin. GoingPublic ist allein für die Inhalte der Kolumne verantwortlich. Informationen zu einzelnen Unternehmen stellen keine Aufforderung zum Kauf bzw. Verkauf von Aktien dar. Die Kolumne erscheint wöchentlich in Zusammenarbeit mit dpa-AFX.



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Kommentare zu diesem Artikel

Reiner Tiroch schrieb:
20.08.2008 17:52:05

Dominoeffekt
das ist doch keine augenblickliche Krise, denn diese übertrifft alles was bisher dagewesen ist. Hier geht es um Billionen von Dollar allein in USA. Wir sind da bisher mit 15% dabeigewesen und bleiben es auch. Das Megachaos war abzusehen, und wird von Träumern nicht gesehen.

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