FRANKFURT (dpa-AFX) - Die seit über einem Jahr tobende Finanzkrise erreicht die Stahlbranche. Über Umwege schleichen sich die Sorgen über zusammenbrechende Finanzmärkte bei den erfolgsverwöhnten Stahlkochern ein: Die Autobauer als wichtigste Kunden kämpfen mit sinkender Nachfrage. Die Lager der Großhändler sind voll - hohe Energiekosten und ein schwächeres Wachstum in China erhöhen den Druck auf die Stahlbranche zusätzlich. Schon passen die führenden Stahlkonzerne ihre Produktion den rückläufigen Bestellungen an, um die Preise stabil zu halten. Nach Branchenprimus ArcelorMittal hat auch Corus entsprechende Schritte angekündigt. "Wir ergreifen Maßnahmen, um unsere Produktion den neuen Realitäten anzupassen", sagte ein Corus-Sprecher. Das zu Indiens Tata Steel gehörende Unternehmen hat eine jährliche Rohstahlproduktion von über 20 Millionen Tonnen. Vor einigen Wochen hatte bereits ArcelorMittal Produktionskürzungen von bis zu 15 Prozent angekündigt. Die deutschen Marktführer ThyssenKrupp und Salzgitter bleiben dagegen zunächst gelassen und ziehen nicht mit. Eine Kürzung der Produktion sei nicht geplant, sagte ein Thyssen-Sprecher. "Unsere Werke sind weiterhin voll ausgelastet." Um auf Schwankungen bei der Nachfrage zu reagieren, habe ThyssenKrupp in einem ersten Schritt die Möglichkeit, den Zukauf von Brammen für die Weiterverarbeitung zu drosseln. Ungeachtet unsicherer Zeiten baut der Branchenprimus in Amerika zwei Stahlwerke - als Lieferant von Premiumprodukten sieht er sich auf der sicheren Seite. "Im Automotive-Bereich haben wir langfristige Kundenbeziehungen. Wir sind nicht so anfällig bei temporären Schwankungen." Auch Salzgitter baut momentan seine Produktion aus - bis Ende nächsten Jahres oder Anfang 2010 soll sie um knapp zwei Millionen auf neun Millionen Tonnen wachsen. Dann aber soll dann aber das Ende der Fahnenstange erreicht sein. "Mehr wollen wir nicht", sagte Vorstandschef Wolfgang Leese der "Financial Times Deutschland". Wegen der hohen Schwankungsanfälligkeit der Stahlbranche setzt Salzgitter seit einiger Zeit auf weitere Standbeine - die Produktion von Röhren liefert sichere Zuwächse, die Technologie-Sparte um den zugekauften Maschinenbauer Klöckner-Werke trägt zum Umsatzwachstum bei und in diesem Sommer überraschte Salzgitter mit dem Einstieg bei der Norddeutschen Affinerie. Vorsicht ist angebracht: Der Weltstahlverband ist angesichts des unsicheren Marktumfelds vorsichtig: Beim jährlichen Treffen der Branche in Washington wollte er keine konkreten Prognosen für die Stahlnachfrage geben. Die Stahlindustrie werde 2008 und auch im kommenden Jahr wachsen, hieß es lediglich. "Wir befinden uns in einer Phase hoher wirtschaftlicher Unsicherheit", sagte Verbandspräsident Ku-Taek Lee, der zugleich Chef von Asiens Schwergewicht Posco ist. Im Laufe des Jahres habe sich der Einfluss dieses Umfelds auf die Stahlmärkte vermehrt bemerkbar gemacht. Lange Zeit lebten die Stahlproduzenten auf einer Art Insel der Glückseligen: Die Nachfrage aus China und anderen Schwellenländern war über Jahre derartig hoch, dass einige Experten schon nicht mehr mit einem Abschwung rechneten. Sie hatten sich getäuscht, einige chinesische Anbieter mussten in diesem Jahr ihre Preise bereits senken. Seitdem geht unter den Unternehmen die Sorge um, dass die steigenden Rohstoffkosten nicht mehr an die Kunden weitergegeben werden könnten. Zuletzt konnten die deutschen Anbieter Mehrbelastungen an ihre Abnehmer durchreichen. Doch die Kunden sind nicht frei von Sorgen: Belastet wird die Industrie vom Abschwung auf dem Automobilmarkt. Angesichts von Finanzkrise und Konjunkturabschwung halten sich die Kunden beim Kauf neuer Autos zurück - nach schwachen Verkäufe im September stellte der Branchenverband VDA die Prognose von 3,2 Millionen in Deutschland verkauften Autos auf den Prüfstand. "Die Finanzkrise hat einen Einfluss auf die Wirtschaft und damit auch auf die Autobranche. Wir leben nicht in Isolation", musste schon Daimler-Chef Dieter Zetsche einräumen. Dies stimmt: Am Dienstag drosselten BMW und Opel ihre Produktion - die GM-Tochter Opel sogar für drei Wochen./sb/mur/fn
---Von Kathrin Schulte-Bunert und Martin Murphy, dpa-AFX---