26.10.2008 09:00
Drucken |

Schrift:

Hilfe, ich bin Oligarch (EuramS)

Russlands Superreiche trifft die Finanzkrise besonders hart: Insgesamt 230 Milliarden Dollar haben sie binnen weniger Wochen eingebüßt. Jetzt soll der Staat helfen.

von Günter Heismann

Seinen Gästen servierte Oleg Deripaska Blini, Kaviar und Montrachet, einen französi­schen Spitzenwein des Jahrgangs 2001. Er selbst begnügte sich mit Toast und schwarzem Tee, um seinen bis dato spektakulärsten Coup zu genießen: Im April 2008 übernahm der russische Oligarch einen Anteil von 25 Prozent an der Minengesellschaft Norilsk Nickel, einem der größten Grubenkonzerne der Welt. An der Börse war das Aktienpaket damals umgerechnet rund 13 Milliarden Dollar wert.

Jetzt, nur ein halbes Jahr später, steht der einst reichste Mann Russlands vor einem Trümmerhaufen. Der Wert der Norilsk-Beteiligung schrumpfte schier unaufhaltsam auf nur noch rund vier Milliarden Dollar. Schlimmer noch: Deripaska ist gezwungen, die russische Regierung anzubetteln.

Keiner Gruppe von Superreichen setzt die Finanzkrise so zu wie Russ­lands Oligarchen, jenen Männern, die nach dem Ende der UdSSR auf dunklen Wegen zu Geld und Macht kamen. Allein Deripaska büßte 16 Milliarden Dollar ein – etwa die Hälfte seines Vermögens. Die 25 reichsten Russen wurden von Mai bis Oktober um insgesamt 230 Milliarden Dollar ärmer, ermittelte die Nachrichtenagentur Bloomberg. "Der Boden unter den Oligarchen beginnt zu wanken", stellt Rory McFarquhar fest, Russland-Spezialist bei Goldman Sachs. "Selbst für die sehr, sehr großen Player könnten sich die Spielregeln ändern."

Der dramatische Vermögensverfall hat viele Ursachen. Die Immobilien- und Bankenkrise macht natürlich auch vor Russland nicht halt. Obendrein ist die russische Wirtschaft nach wie vor sehr stark von Rohstoffen abhängig. Doch die Preise haben auf breiter Front zum Sturzflug angesetzt – und reißen die Aktienkurse der Ölgesellschaften, Minenkonzer­-ne und Stahlwerke mit.

Daneben haben Auslands­investoren nach dem Krieg mit Georgien massiv Kapital abgezogen. Laut der französischen Großbank BNP Paribas flossen seit Anfang August 74 Milliarden Dollar aus Russ­land ab. Zudem stehen hoch verschuldete Unternehmer wie Deripaska unter Verkaufsdruck – darunter leiden Aktien wie die von Norilsk Nickel. In Russland ist an den Börsen aber noch keine breite Mittelschicht aktiv, die die Abwärtsspirale der Kurse bremsen könnte.

Zu den größten Verlierern der Finanzkrise gehört Alexei Mordaschow. Während der ungezügelten Privatisierung in den 90er-Jahren hatte er – mit nicht immer ganz feinen Methoden – die Kontrolle über Russlands größten Stahlkonzern Severstal errungen. Dessen Börsenkurs ist seit dem Höchststand im Mai um rund 80 ­Prozent gesunken. Im Frühjahr war Mordaschows Vermögen noch auf 21,2 Milliarden Dollar taxiert worden. Jetzt ist der Stahlzar, der auch an der deutschen TUI beteiligt ist, nur noch 5,3 Milliarden wert.

Noch ein klein wenig mehr hat Roman Abramowitsch verloren: 20 Milliarden Dollar. Freilich verfügt der Lebemann und Kunstsammler noch über genügend teure Spielzeu­-ge, etwa vier riesige Jachten, zwei U-Boote, drei Hubschrauber und zwei ausgewachsene Verkehrsflugzeuge. Doch sogar bei seinem Fußballklub Chelsea London will Abramowitsch nun sparen. "Künftig wollen wir junge Talente entwickeln, anstatt etablierte Stars einzukaufen", sagt Klubchef Bruce Buck.

Der größte Verlierer aber ist Wladimir Lisin, der den Stahlkonzern Novolipetsk kontrolliert – sein Vermögen schrumpfte um 22 Milliarden Dollar. Nun muss Lisin die Expansion ins Ausland stoppen. Ursprünglich wollte er für 3,5 Milliarden Dollar den US-Konkurrenten John Maneely übernehmen. Doch der Russe ließ die Frist am 29. September verstreichen, ohne den Deal mit dem Verkäufer, der Beteiligungsgesellschaft Carlyle, abzuschließen. Der Kaufpreis sei zu hoch, zetert Lisin. Carlyle will nun vor Gericht ziehen.

Michail Prochorow gehört zu den wenigen Oligarchen, die die Rezession in Russland rechtzeitig vorausgeahnt haben: Bereits im April ver­kaufte er seinen Norilsk-Anteil an Deripaska und kassierte dafür sieben Milliarden Dollar in bar. Davon gab Prochorow Ende September 500 Millionen aus, um einen Anteil von 50 Prozent an der russischen Investmentbank Renaissance Capital zu erwerben. Noch vor einem Jahr war ihr Wert auf mehr als das Vierfache geschätzt worden. "Wollt ihr mich dafür kritisieren, dass ich mich mitten in der Pest der Schlemmerei hingebe?", scherzte Prochorow gegen­über Journalisten. "Die Krise ist die beste Zeit, zu kaufen." Allzu viele Oligarchen haben ihre Imperien hauptsächlich mit dem Geld von Banken aufgebaut. Jetzt drohen die Kreditpyramiden einzustürzen. Besonders gefährdet ist das Kartenhaus von Oleg Deripaska.

Anfang Oktober musste er seine Beteiligung am kanadischen Autozulieferer Magna an BNP Paribas übertragen, die diese finanziert hatte. Wenig später gingen auch noch seine zehn Prozent am Essener Bauriesen Hochtief an die Commerzbank. Mehr Glück hatte er beim österreichischen Baukonzern Strabag, wo die finanzierende Deutsche Bank ebenfalls kalte Füße bekam. Ein Konsortium um die österreichische Raiffeisen-Zentralbank gewährte dem Russen kurzfristig einen Kredit von 460 Millionen Euro. "Wir sehen keinen Boden in der globalen Kreditkrise", räumt Gulzhan Moldazhanova ein, Chefin von Deripaskas Holding-Gesellschaft Basic Element.

So rasch dürften die Probleme für Deripaska nicht enden. Allein seine Firma Rusal ist mit zehn Milliarden verschuldet. Davon muss ein Gutteil demnächst umgeschuldet werden. Am 14. Oktober gab Deripaska bekannt, dass er die Hilfen der Regierung in Anspruch nehmen werde, die den russischen Banken und Industrie­unternehmen mit Darlehen, Kapitalspritzen und Steuererleichterungen unter die Arme greifen will. Allein 50 Milliarden Dollar sind für die Umschuldung von Krediten bei Auslandsbanken vorgesehen.

Auch eine Unzahl kleinerer und mittelgroßer Unternehmer haben sich um die Staatskredite beworben. Bis Juli 2009 braucht die russische Wirtschaft insgesamt mindestens 363 Milliarden Dollar, um alte Kredite abzulösen, schätzen die Analysten der italienischen Großbank Unicredit. Für rund 50 Milliarden Dollar sind bereits Darlehen bei der Regierung beantragt worden. Nun fürchten Beobachter, dass Russlands Premier Wladimir Putin die Not der Unternehmer nutzt, um missliebige Oligarchen abzustrafen. Der Öltycoon Michail Chodorkowski wurde bereits vor Jahren enteignet und ins Gefängnis geworfen. Zwei weitere Oligarchen gingen ins Exil. Zumindest will die Regierung im Gegenzug für ihre Hilfen die Kontrolle über strategisch wichtige Industrien. Christopher Weafer, Chefstratege bei der russischen Bank Uralsib: "2008 gibt es nur noch einen wirklichen Oligarchen: den Staat."

 0 Bewertungen dieses Artikels: 

Kommentare zu diesem Artikel

Geben Sie jetzt einen Kommentar zu diesem Artikel ab.

Anzeige

Anzeige

Aktuelle News

03.07.2009dpa-AFX Überblick: ANALYSTEN-EINSTUFUNGEN vom 03.07.2009
03.07.2009dpa-AFX Überblick: ANALYSTEN-EINSTUFUNGEN vom 29.06. bis 03.07.2009
03.07.2009Devisen: Eurokurs rutscht wieder unter 1,40 US-Dollar
03.07.2009ROUNDUP: IKB bekommt weitere Milliarden Staatshilfe
03.07.2009IKB bekommt weitere Milliarden Staatshilfe
03.07.2009DIW-Präsident rechnet mit drastischem Anstieg der Staatsverschuldung
03.07.2009SZ": Ex-Siemens-Chef von Griechenland gesteht
03.07.2009Michael Jacksons Tod beschert US-Auktionshaus Rekordgewinne
03.07.2009Anwaltskanzlei prüft Klage gegen Ex-HRE-Vorstandschef Georg Funke
03.07.2009Börsen in Europa Schluss: Uneinheitlich, US-Börsen feiertagsbedingt geschlossen
03.07.2009Scheichtum Katar vor Einstieg bei Porsche
03.07.2009DIW-Präsident Zimmermann: "Man könnte meinen, es gäbe keine Krise"
03.07.2009Deutsche Anleihen: Etwas schwächer nach Gewinnmitnahmen
03.07.2009Regelung für mehr Anlegerschutz wackelt wieder
03.07.2009Aktien Osteuropa Schluss: Verluste - Ruhiger Handel, Wall Street geschlossen
03.07.2009Presse: Volkswagen - Elektroautos ab 2013
03.07.2009Aktien Wien Schluss: Verluste - Wenig Geschäft wegen US-Feiertag
03.07.2009Aktien Moskau Schluss: Verluste - Fallende Ölpreise
03.07.2009Marktkommentar: El Niño spielt wieder mit
03.07.2009Aktien Zürich Schluss: Leicht im Minus - Fehlende Impulse aus den USA
03.07.2009ROUNDUP/Aktien Frankfurt Schluss: DAX im Sommerloch - Abwarten und Tee trinken
03.07.2009Aktien Frankfurt Schluss: DAX im Sommerloch - 'Abwarten und Tee trinken'
03.07.2009Fonds, die sich wieder lohnen (EuramS)
03.07.2009Wiederholt sich die Geschichte? (EuramS)
03.07.2009Alles auf Berlin (EuramS)
03.07.2009Alles auf Berlin (EuramS)
03.07.2009Wahre Werte gegen die Krise (EuramS)
03.07.2009Nie ohne Begleiter (EuramS)
03.07.2009Auf Messers Schneide (EuramS)
03.07.2009TAGESVORSCHAU: Termine am 6. Juli 2009
03.07.2009WOCHENVORSCHAU: Termine bis zum 10. Juli 2009
03.07.2009Wochenrückblick KW 27
03.07.2009Börse Frankfurt Schluss: DAX leicht im Minus, Commerzbank an der Spitze
03.07.2009Personalien der Woche
03.07.2009Deutsche Börsen mit Verlusten -- Quelle-Katalog: Druck gestoppt --Bundestag beschließt Bad Bank-Gesetz -- Hapag Lloyd: Doch Staatshilfe? -- Magna nicht alleiniger Verhandlungspartner um Opel
03.07.2009Frankfurt Intern: Schlechtes Umfeld für Neulinge
03.07.2009ROUNDUP 2: Autobranche droht Absturz nach Abwrackboom
03.07.2009Börse Frankfurt-News: Dämpfer für Konjunkturoptimisten (Anleihen)
03.07.2009Kommentar: Entwertung
03.07.2009EUWAX-Kolumne: Trends am Nachmittag - Abwärtsbewegung vorerst gebremst - DAX stabilisiert sich im Bereich der 4.700er Marke
03.07.2009ROUNDUP: VW im ersten Halbjahr mit Absatzminus von fünf Prozent
03.07.2009British Airways muss im Juni Passagierrückgang hinnehmen
03.07.2009VW im ersten Halbjahr mit Absatzminus von fünf Prozent
03.07.2009ANALYSE: Morgan Stanley senkt Symrise auf 'Equal-weight'
03.07.2009Rolls-Royce erhält Auftrag von Turkish Airlines
03.07.2009Aktien New York Ausblick: Börsen geschlossen - Feiertag am Samstag
03.07.2009Aktien New York: Börsen wegen Feiertag geschlossen - Unabhängigkeitstag
03.07.2009Aktien Frankfurt: DAX kaum verändert im nachrichten- und umsatzarmen Handel
03.07.2009ANALYSE-FLASH: UBS senkt France Telecom auf 'Sell' - Ziel auf 14,80 Euro
03.07.2009ESTAVIS: Rückabwicklung von Portfoliotransaktion im Umfang von 16,5 Mio. Euro
Wie kaufen Sie am liebsten ein?
Online/Internet
Versandhandel/Katalog
Kaufhaus
Ich habe keine eindeutige Präferenz




Wie bewerten Sie diese Seite?   sehr gut       schlecht
Problem mit dieser Seite?