von Günter Heismann
Seinen Gästen servierte Oleg Deripaska Blini, Kaviar und Montrachet, einen französischen Spitzenwein des Jahrgangs 2001. Er selbst begnügte sich mit Toast und schwarzem Tee, um seinen bis dato spektakulärsten Coup zu genießen: Im April 2008 übernahm der russische Oligarch einen Anteil von 25 Prozent an der Minengesellschaft Norilsk Nickel, einem der größten Grubenkonzerne der Welt. An der Börse war das Aktienpaket damals umgerechnet rund 13 Milliarden Dollar wert.
Jetzt, nur ein halbes Jahr später, steht der einst reichste Mann Russlands vor einem Trümmerhaufen. Der Wert der Norilsk-Beteiligung schrumpfte schier unaufhaltsam auf nur noch rund vier Milliarden Dollar. Schlimmer noch: Deripaska ist gezwungen, die russische Regierung anzubetteln.
Keiner Gruppe von Superreichen setzt die Finanzkrise so zu wie Russlands Oligarchen, jenen Männern, die nach dem Ende der UdSSR auf dunklen Wegen zu Geld und Macht kamen. Allein Deripaska büßte 16 Milliarden Dollar ein – etwa die Hälfte seines Vermögens. Die 25 reichsten Russen wurden von Mai bis Oktober um insgesamt 230 Milliarden Dollar ärmer, ermittelte die Nachrichtenagentur Bloomberg. "Der Boden unter den Oligarchen beginnt zu wanken", stellt Rory McFarquhar fest, Russland-Spezialist bei Goldman Sachs. "Selbst für die sehr, sehr großen Player könnten sich die Spielregeln ändern."
Der dramatische Vermögensverfall hat viele Ursachen. Die Immobilien- und Bankenkrise macht natürlich auch vor Russland nicht halt. Obendrein ist die russische Wirtschaft nach wie vor sehr stark von Rohstoffen abhängig. Doch die Preise haben auf breiter Front zum Sturzflug angesetzt – und reißen die Aktienkurse der Ölgesellschaften, Minenkonzer-ne und Stahlwerke mit.
Daneben haben Auslandsinvestoren nach dem Krieg mit Georgien massiv Kapital abgezogen. Laut der französischen Großbank BNP Paribas flossen seit Anfang August 74 Milliarden Dollar aus Russland ab. Zudem stehen hoch verschuldete Unternehmer wie Deripaska unter Verkaufsdruck – darunter leiden Aktien wie die von Norilsk Nickel. In Russland ist an den Börsen aber noch keine breite Mittelschicht aktiv, die die Abwärtsspirale der Kurse bremsen könnte.
Zu den größten Verlierern der Finanzkrise gehört Alexei Mordaschow. Während der ungezügelten Privatisierung in den 90er-Jahren hatte er – mit nicht immer ganz feinen Methoden – die Kontrolle über Russlands größten Stahlkonzern Severstal errungen. Dessen Börsenkurs ist seit dem Höchststand im Mai um rund 80 Prozent gesunken. Im Frühjahr war Mordaschows Vermögen noch auf 21,2 Milliarden Dollar taxiert worden. Jetzt ist der Stahlzar, der auch an der deutschen TUI beteiligt ist, nur noch 5,3 Milliarden wert.
Noch ein klein wenig mehr hat Roman Abramowitsch verloren: 20 Milliarden Dollar. Freilich verfügt der Lebemann und Kunstsammler noch über genügend teure Spielzeu-ge, etwa vier riesige Jachten, zwei U-Boote, drei Hubschrauber und zwei ausgewachsene Verkehrsflugzeuge. Doch sogar bei seinem Fußballklub Chelsea London will Abramowitsch nun sparen. "Künftig wollen wir junge Talente entwickeln, anstatt etablierte Stars einzukaufen", sagt Klubchef Bruce Buck.
Der größte Verlierer aber ist Wladimir Lisin, der den Stahlkonzern Novolipetsk kontrolliert – sein Vermögen schrumpfte um 22 Milliarden Dollar. Nun muss Lisin die Expansion ins Ausland stoppen. Ursprünglich wollte er für 3,5 Milliarden Dollar den US-Konkurrenten John Maneely übernehmen. Doch der Russe ließ die Frist am 29. September verstreichen, ohne den Deal mit dem Verkäufer, der Beteiligungsgesellschaft Carlyle, abzuschließen. Der Kaufpreis sei zu hoch, zetert Lisin. Carlyle will nun vor Gericht ziehen.
Michail Prochorow gehört zu den wenigen Oligarchen, die die Rezession in Russland rechtzeitig vorausgeahnt haben: Bereits im April verkaufte er seinen Norilsk-Anteil an Deripaska und kassierte dafür sieben Milliarden Dollar in bar. Davon gab Prochorow Ende September 500 Millionen aus, um einen Anteil von 50 Prozent an der russischen Investmentbank Renaissance Capital zu erwerben. Noch vor einem Jahr war ihr Wert auf mehr als das Vierfache geschätzt worden. "Wollt ihr mich dafür kritisieren, dass ich mich mitten in der Pest der Schlemmerei hingebe?", scherzte Prochorow gegenüber Journalisten. "Die Krise ist die beste Zeit, zu kaufen." Allzu viele Oligarchen haben ihre Imperien hauptsächlich mit dem Geld von Banken aufgebaut. Jetzt drohen die Kreditpyramiden einzustürzen. Besonders gefährdet ist das Kartenhaus von Oleg Deripaska.
Anfang Oktober musste er seine Beteiligung am kanadischen Autozulieferer Magna an BNP Paribas übertragen, die diese finanziert hatte. Wenig später gingen auch noch seine zehn Prozent am Essener Bauriesen Hochtief an die Commerzbank. Mehr Glück hatte er beim österreichischen Baukonzern Strabag, wo die finanzierende Deutsche Bank ebenfalls kalte Füße bekam. Ein Konsortium um die österreichische Raiffeisen-Zentralbank gewährte dem Russen kurzfristig einen Kredit von 460 Millionen Euro. "Wir sehen keinen Boden in der globalen Kreditkrise", räumt Gulzhan Moldazhanova ein, Chefin von Deripaskas Holding-Gesellschaft Basic Element.
So rasch dürften die Probleme für Deripaska nicht enden. Allein seine Firma Rusal ist mit zehn Milliarden verschuldet. Davon muss ein Gutteil demnächst umgeschuldet werden. Am 14. Oktober gab Deripaska bekannt, dass er die Hilfen der Regierung in Anspruch nehmen werde, die den russischen Banken und Industrieunternehmen mit Darlehen, Kapitalspritzen und Steuererleichterungen unter die Arme greifen will. Allein 50 Milliarden Dollar sind für die Umschuldung von Krediten bei Auslandsbanken vorgesehen.
Auch eine Unzahl kleinerer und mittelgroßer Unternehmer haben sich um die Staatskredite beworben. Bis Juli 2009 braucht die russische Wirtschaft insgesamt mindestens 363 Milliarden Dollar, um alte Kredite abzulösen, schätzen die Analysten der italienischen Großbank Unicredit. Für rund 50 Milliarden Dollar sind bereits Darlehen bei der Regierung beantragt worden.
Nun fürchten Beobachter, dass Russlands Premier Wladimir Putin die Not der Unternehmer nutzt, um missliebige Oligarchen abzustrafen. Der Öltycoon Michail Chodorkowski wurde bereits vor Jahren enteignet und ins Gefängnis geworfen. Zwei weitere Oligarchen gingen ins Exil. Zumindest will die Regierung im Gegenzug für ihre Hilfen die Kontrolle über strategisch wichtige Industrien. Christopher Weafer, Chefstratege bei der russischen Bank Uralsib: "2008 gibt es nur noch einen wirklichen Oligarchen: den Staat."
Anzeige
![]() | |
![]() | |
![]() |
Anzeige
| 03.07.2009 16:32 Dax kaum verändert - Zeitung: Real will mehr Geld von Adidas | |
| 03.07.2009 13:31 Analyser to go: Deutsche Bank hebt Lanxess an | |
| 03.07.2009 13:02 Analyser to go - Kepler belässt EADS auf 'Reduce' |
Aktuelle News
| |||||||||||||
| Problem mit dieser Seite? | |||||||||||||


















