11.05.2008 09:00
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Leid und Lust der Ölpreis-Hysterie (EuramS)

Erste Experten prognostizieren einen Anstieg auf 200 Dollar. Den DAX kann das nicht erschüttern. Profiteure finden sich sogar im Tierreich.

von Sven Parplies

Mehr als 300 Prozent Rendite. Nicht mit Aktien oder Immobilien, sondern mit Kamelen. 40?000 Rupien, umgerechnet rund 620 Euro, werden in Indien für ein kräftig gebautes Männchen bezahlt. Vor drei Jahren waren es 5000 bis 10?000 Rupien, so die britische "Financial Times". Ein Grund für die Wertsteigerung der als Zugtiere geschätzten Paarhufer: der steigende Ölpreis, der den Unterhalt von Traktoren immer kostspieliger mache.

Auch wenn die Wall Street noch keine Kursziele für den Kamelpreis ausgibt – die Chancen auf weiteren Wertzuwachs dürften gut stehen. Der Ölpreis attackiert inzwischen die Marke von 125 Dollar je Barrel (159 Liter). Analyst Arjun Murti von der Investmentbank Golman Sachs sieht den Ölpreis innerhalb von zwei Jahren sogar auf bis zu 200 Dollar steigen. Diese Möglichkeit sei "zunehmend wahrscheinlich" geworden.

Murti hatte bereits im März 2005 für Aufsehen gesorgt, als er einen Ölpreis von 105 Dollar voraussagte. Das Barrel stand da bei 55 Dollar. Damals wurde er von vielen verspottet – heute ist die Prognose nur auf den ersten Blick spektakulär. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hatte bereits zu Jahresbeginn einen Preis von 200 Dollar aufgerufen. Allerdings erst als Szenario für das kommende Jahrzehnt.

"Die Nachfrage steigt global stärker als das Angebot. Das wird auch eine milde Rezession in den USA nicht ändern, weil die Dynamik der Nachfrage aus den Schwellenländern kommt", erklärt Dora Borbély von der Deka Bank die Mechanismen. Dem steigenden Bedarf stehen schleppende Kapazitätserweiterungen und politische Krisen in Förderländern gegenüber. Besonders hart spüren Verbraucher den Preisdruck. "Durch steigende Kosten für Energie ist das verfügbare Einkommen der Bundesbürger in den vergangenen zwölf Monaten um fast ein Prozent gesunken", rechnet Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, vor.

Börsianer sehen die Aufwärtsdynamik entspannter. Denn Spekulationen auf steigende Ölpreise können Risiken am Aktienmarkt absichern. "Wegen der Finanzkrise flüchten viele Investoren in Rohstoffe. Deshalb ist der Ölpreis sehr schnell und sehr stark gestiegen. Rein fundamental wäre derzeit ein Preis von 80 bis 85 Dollar je Barrel gerechtfertigt", sagt Expertin Borbély. Erstaunlich – der steigende Ölpreis hat den seit dem Jahr 2003 anhaltenden Aufwärtstrend des DAX bislang nicht aufhalten können. Sogar die Lufthansa, die allein im ersten Quartal 231 Millionen Euro Mehrkosten durch den Ölpreis verzeichnete, konnte durch Absicherungsgeschäfte und Zuschläge auf Tickets Zusatzkosten erheblich abwälzen.

"Die Unternehmen in Deutschland profitieren davon, dass sie sehr gut in Osteuropa und Asien aufgestellt sind", erklärt Volkswirt Krämer die Widerstandskraft der Konzerne. Zudem hilft der schwache Dollar. Da der Ölpreis in der US-Währung berechnet wird, wird der reale Kostenanstieg gedämpft.

Selbst die Autohersteller zählen nicht unmittelbar zu den Verlierern. Ein Zusammenhang zwischen steigendem Benzinpreis und den Verkaufszahlen der Fahrzeugbauer sei nicht auszumachen, betont Autoexperte Ferdinand Dudenhöfer. In einer komfortablen Position ist neben den Energieriesen E.on und RWE auch BASF. Die Ludwigshafener sind über ihre Tochter Wintershall im Ölgeschäft aktiv. Ein Zuwachs um einen Dollar je Barrel steigere das Vorsteuer­ergebnis (Ebit) von Wintershall um 35 Millionen Euro, so BASF.

Die wahren Profiteure aber sind große Ölkonzerne und kleinere Spezialisten. "Viele Ölunternehmen sind stark unterbewertet, weil es für sie immer schwieriger wird, Zugang zu den Ressourcen zu bekommen. Gleichzeitig steigen jedoch die Gewinne aufgrund des hohen Ölpreises stärker als vom Markt bisher prog­nostiziert, was den Sektor für Investoren sehr interessant macht", sagt Bernd Schneider, Fondsmanager bei Union Investment.

Goldman-Analyst Murti rät vor allem zu Aktien der integrierten Konzerne wie Chevron und ConocoPhilips, die von der Erforschung über die Förderung bis zum Verkauf die komplette Wertschöpfungskette abdecken und sinkende Margen im Raffineriegeschäft durch Erträge aus anderen Sparten auffangen können. Riskanter sind die Servicespezialisten, die von dem überfälligen Kapazitätsausbau profitieren würden, aber selbst zunehmend unter steigenden Kosten für Material und Personal zu leiden haben.

Ausgerechnet 200-Dollar-Mann Murti erwartet für den Fall, dass der Ölpreis tatsächlich die Megamarke erreichen sollte, mit einer steilen Korrektur auf etwa 75 Dollar, da die Nachfrage ab einem bestimmten Preisniveau einbrechen werde.

Murtis Vision: Steigende Rohstoffpreise schaffen Anreize für Investitionen in Energieprojekte und stärkere Effizienz beim Verbrauch. Das werde den Umweltschutz stärker voranbringen als eine Welt mit niedrigen Energiekosten.

Auch auf den Artenschutz in Indien wirke der hohe Ölpreis positiv, so die "Financial Times". Nachdem die Zahl der Kamele um mehr als 50 Prozent geschrumpft ist, könnte der steigende Wert der Tiere den Trend jetzt umkehren.





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