Nach dem Turnaround im Jahr 2003 klingt auch das Börsenjahr 2004 versöhnlich aus. Fast alle größeren Indizes verbuchten im Jahresverlauf gute Gewinne: beim
Dax sind es 7,5 Prozent, beim
Dow Jones 3,8 Prozent, an der
Nasdaq 8,9 Prozent und im S&P 500, der repräsentativer als Dow Jones und NASDAQ ist, 9 Prozent. Der
Nikkei 225 stieg um immerhin 7 Prozent. Spitzenreiter unter den von uns beobachteten Indizes war der
MDAX mit 18,1 Prozent. Unsere Warnung vor TecDAX-Werten hat sich als richtig herausgestellt: der wiederaufgekochte NEMAX verlor 2004 6,7 Prozent. Osteuropa entwickelte sich prächtig, und der Hang Seng scheint seine Schwäche vom Frühjahr 2004 überwunden zu haben.
Die Veränderungen in unserer Anlagestrategie haben sich gelohnt: mit +19,2 Prozent schlagen wir im Wachstumsportfolio sogar den MDAX knapp. 2003 hatten wir begonnen, den US-Anteil abzubauen und verstärkt in europäische Werte zu investieren. Rückblickend war es sicherlich ein Fehler, dass wir das nicht schon im Jahr 2002 gemacht haben, denn dann hätte die Gesamtperformance noch besser ausgesehen. Wir befinden uns aber in bester Gesellschaft - Deutschlands bester unabhängiger Fondsmanager Hendrik Leber von acatis hat auch erst 2003 den US-Anteil reduziert. Hektik bringt an der Börse wenig. Wenn ein Trend belastbar ist, dann kann man auch in Ruhe handeln.
Auch 2005 wird ein Jahr der selektiven Anlagen. Es wird nicht funktionieren, einfach nur gute und große Unternehmen zu kaufen. Einige mögliche Trends:
1. Die großen Blue Chips (Large- und Mega-Caps) sind immer noch bestenfalls fair bewertet. Bei Unternehmen wie Coca Cola, General Electric, Microsoft und anderen Königen sollte man keine allzu dynamische Kursentwicklung erwarten.
2. Es lohnt sich, neben den Wachstumsperspektiven bei Großunternehmen auch auf den Preis (z. B. Kurs-Buchwert-Verhältnis) und die Dividendenrendite zu achten. Wenn das Geschäft stabil ist, kann man bei solchen Unternehmen durchaus einsteigen. Hierzu zählen aus meiner Sicht Altria und Merck & Co, E.ON, Swedish Match und selbst die Deutsche Telekom.
3. Immer wieder wird es Turnaround-Möglichkeiten geben (wie z.B. die Commerzbank oder McDonald's im Jahr 2003). Bei KarstadtQuelle könnte jetzt eine solche Möglichkeit entstehen. Auch die verbliebenen privaten deutschen Großbanken sind interessant, denn irgendwann könnten sie übernommen werden. Turnaround-Investments sind allerdings deutlich schwieriger als das Langfristinvestment in Wachstumswerte.
4. Die Pharmabranche wurde in den letzten Jahren arg gebeutelt. Das ändert nichts daran, dass es sich prinzipiell weiter um einen Wachstumsmarkt handelt. Jetzt könnte langsam die Zeit gekommen sein, einzusteigen oder seine Positionen aufzustocken.
5. Öl-, Energie und Rohstoffe werden aus meiner Sicht nicht so weit fallen, wie es von einigen nach den Zwischenhochs 2004 angenommen wird. Zwar ist die Versorgungslage entspannt, aber der Markt kann in die Zukunft schauen. Und schon in wenigen Jahren werden Öl und Rohstoffe wirklich knapp.
6. Die Identifikation von beständig und überdurchschnittlich wachsenden Unternehmen ist eine Daueraufgabe. Solche Unternehmen sind nach wie vor hauptsächlich in den USA zu finden, daneben aber auch in Europa (Bijou Brigitte, AWD, United Internet). Es lohnt sich auch, in Osteuropa, Russland, Südkorea, Indien und China zu schauen. In diesen Ländern ist die Informationslage allerdings dürftiger und das Risiko höher. Interessant sind vor allem Finanzdienstleistungen, Telekom, Handel und Gesundheit – alles Branchen, die in der Dienstleistungsgesellschaft weiter an Bedeutung gewinnen werden.
7. Sollten die Zinsen niedrig bleiben - was durchaus möglich ist - sind auch hochverzinsliche Unternehmensanleihen interessant. Da dies allerdings spezielle Kenntnis erfordert, sollten Sie sich hierbei auf europäische Unternehmen mit einem soliden Geschäft konzentrieren. Meiden Sie Entwicklungsländer - man weiß nie, ob diese ihren Zahlungsverpflichtungen auch nachkommen.
Auch im Neuen Jahr wollen wir Sie dabei unterstützen, aus der Vielzahl von Anlagemöglichkeiten renditestarke und gleichzeitig solide Investments zu identifizieren. Dabei sollte eine Mischung aus Wachstumswerten und zyklischen Werten, ggf. ergänzt durch Anleihen, den Erfolg bringen.
Für das neue Anlagejahr wünsche ich Ihnen Gelassenheit und eine gute Hand. Denken Sie daran: die Anzahl der Aktienbesitzer ist in Deutschland weiter gefallen. Eigentlich sind das immer noch ideale Voraussetzungen für langfristig orientierte Investoren.
Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien alles Gute für das Jahr 2005,
Ihr
Prof. Dr. Max Otte
Prof. Dr. Max Otte ist Herausgeber des PRIVATINVESTOR (www.privatinvestor.de) und Geschäftsführender Gesellschafter der IFVE Institut für Vermögensentwicklung GmbH. Ziel des Instituts ist die Aktienanalyse und die Entwicklung von Aktienstrategien für Privatanleger.
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