06.07.2008 15:21
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ROUNDUP2: Ölpreis-Schock schreckt Mittelstand auf - IEA: Öl bleibt teuer

        (Neu: DIW)

    HAMBURG (dpa-AFX) - Die Rekord-Ölpreise lassen zehntausende deutsche Unternehmen um ihre Existenz bangen. Laut einer Umfrage im Mittelstand könnten hochgerechnet gut 50 000 Firmen ins Wanken geraten. Fast jedes zweite Unternehmen wolle die Preise erhöhen. Schwer betroffen seien der Einzelhandel und die Verkehrsbranche, ergab die Befragung der Wirtschaftsauskunftei Creditreform. Die Spediteure drohen angesichts der rekordhohen Spritpreise mit Protesten. Der Reiseriese TUI Deutschland kündigte Preiserhöhungen an. Die Internationale Energie-Agentur (IEA) rechnet unterdessen nicht mit einer Entspannung auf den Ölmärkten. Die Bundesregierung setzt als Alternative verstärkt auf Windkraft mit dem Bau von bis zu 30 Windparks in der Nord- und Ostsee.

    Die Ölpreise waren in den vergangenen Tagen über die Marke von 145 Dollar je Barrel (159 Liter) gestiegen. Daraufhin erreichten auch die Spritpreise in Deutschland Rekordmarken: Ein Liter Benzin kostete nach Angaben aus der Branche durchschnittlich 1,60 Euro, Diesel 1,56 Euro. DIW-Expertin Claudia Kemfert warnte, bei dem in der Branche erwarteten Ölpreis von 170 Dollar je Barrel würde ein Liter Benzin in Deutschland 1,75 Euro kosten. Bei 200 Dollar je Barrel würden beim jetzigen Euro-Dollar-Kurs 1,95 Euro je Liter Benzin fällig werden, sagte sie "Euro am Sonntag" und dem "Tagesspiegel" (Montagausgabe).

DEUTSCHER MITTELSTAND MIT EXISTENZSORGEN

   Bei der Befragung von 4.000 mittelständischen Unternehmen gaben Ende Juni 1,5 Prozent der Firmen an, wegen der hohen Kostenbelastung bereits jetzt vor der Geschäftsschließung zu stehen. Hochgerechnet auf den gesamten Mittelstand in Deutschland entspreche das einer Zahl von 51.000 Unternehmen, sagte ein Sprecher von Creditreform der Deutschen Presse-Agentur dpa. Allein im Einzelhandel befürchteten demnach 15.000 Firmeninhaber, das Geschäft aufgeben zu müssen. Im Verkehrs- und Logistiksektor sowie im Baugewerbe rechnen nach Hochrechnung von Creditrefom jeweils 5.600 Unternehmen mit dem Aus.

    Akuten Alarm schlägt die Verkehrsbranche. "Für das Transportgewebe ist die Dieselpreisbelastung katastrophal", sagte der Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbandes Verkehrsgewerbe Niedersachsen, Bernward Franzky, der dpa in Hannover. Innerhalb eines Jahres habe es eine Mehrbelastung von 12.000 Euro pro Lastwagen gegeben. Dies könnten die Speditionen nicht ausgleichen. Dazu komme die geplante Erhöhung der Lkw-Maut, die im Schnitt von 13,5 auf 16,3 Cent pro Kilometer angehoben werden solle. "Das macht pro Lastwagen pro Jahr noch einmal eine Mehrbelastung von 9500 Euro."

PREISSTEIGERUNGEN WEITERREICHEN NUR BEDINGT MÖGLICH

    Bundesweit drohten wegen der Mehrbelastungen rund 3.000 Speditionen in die Insolvenz zu gehen, sagte Franzky. Dies wären vier Mal mehr als im vergangenen Jahr. Derzeit gebe es bundesweit rund 51.000. Die Speditionen hätten große Schwierigkeiten, die höheren Kosten an die Kunden weiterzugeben.

    Auch aus anderen Branchen, zum Beispiel aus der Luftfahrt, heißt es, der harte Wettbewerb erlaube es kaum, die höheren Energiepreise an die Kundschaft durchzureichen. "Auf der Langstrecke holen wir etwa ein Drittel unserer Mehrkosten wieder rein. Doch innerhalb Europas ist dies nur in geringerem Ausmaß oder gar nicht möglich. Hier sind die Preise generell bereits stark unter Druck", sagte Swiss-Chef Christoph Franz der "WirtschaftWoche". Die hohen Kerosinpreise sind im reinen Fluggeschäft inzwischen der größte Kostenfaktor vieler Fluggesellschaften.

TUI KÜNDIGT PREISERHÖHUNGEN AN

    TUI  kündigte an, in der neuen Saison würden Reisen etwa in Mittelmeerländer würden durchschnittlich 2,9 Prozent teurer, Ziele mit eigener Anreise um 1,8 Prozent. Der Reisekonzern geht aber nicht nicht davon aus, dass dies zu Einbußen führen werde. Die Ausgabebereitschaft für Urlaubsreisen bleibe auf hohem Niveau, sagte TUI-Deutschland-Chef Volker Böttcher.

    Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD) trat Befürchtungen entgegen, die rasant steigenden Kosten für Energie und Rohstoffe könnten der deutschen Wirtschaft auf breiter Front schaden. Die Wirtschaft sei "stabil genug, das auszuhalten", sagte er der "Welt am Sonntag". Deutschland habe bereits zur Regierungszeit von SPD-Kanzler Helmut Schmidt (1974 bis 1982) damit begonnen, die Energieeffizienz stetig zu erhöhen. SPD-Fraktionschef Peter Struck rief zu einer Senkung des Energieverbrauchs auf.

    Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee habe einen Raumordnungsplan zum Bau von bis zu 30 Windparks in der Nord- und Ostsee fertiggestellt, berichtete die "Welt am Sonntag". "Wir setzen auf regenerative Energien und nicht auf Atomkraft", sagte der SPD-Politiker der Zeitung.

    Der Versicherungskonzern Allianz  rechnet mit einem Anstieg der Ölpreise auf 200 Dollar je Barrel. "Ich kann nicht sehen, wie wir nach dem Jahr 2010 längerfristig einen Ölpreis von unter 200 Dollar haben können", sagte Vorstandsmitglied Joachim Faber dem "Tagesspiegel" (Montagausgabe).

IEA: SPEKULATION NICHT URSACHE FÜR ÖLPREISSTEIGERUNG

    Die Internationale Energie-Agentur (IEA) dämpfte Erwartungen, dass Öl wieder billiger werden könnte. Zwar werde sich die Lage am Ölmarkt bis 2009/2010 zunächst entspannen, da neue Förderprojekte die Produktion aufnehmen, sagte der IEA-Exekutivdirektor Nobuo Tanaka dem "Handelsblatt" (Montagsausgabe). Danach werde die Förderung aber sinken und gleichzeitig die Nachfrage steigen, vor allem in den Entwicklungsländern: "Bis 2013 bleibt die Lage am Markt sicher gespannt." Der IEA-Direktor rief die Produzenten auf, mehr zu investieren. Aber auch die Verbraucher seien in der Pflicht, Energie zu sparen.

    Die vielgescholtene Spekulation verstärkt nach Tanakas Einschätzung die Bewegungen des Ölpreises, sei aber nicht die Ursache. Um den Ölmarkt zu entspannen, müssten sich die Marktfundamente ändern: Mehr Investitionen auf der Angebotsseite, stärkere Energiesparbemühungen auf der Nachfrageseite. "Dann verschwindet auch die Spekulation, die auf weiter steigende Ölpreise setzt", sagte der IEA-Chef./so/DP/he

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