Radioaktive Flüssigkeit aus französischem Akw ausgelaufen
MARSEILLE/BERLIN (AFP)--Im südfranzösischen Atomkraftwerk Tricastin sind 6,25 Kubikmeter radioaktive Flüssigkeit ausgelaufen und zum Teil in umliegende Flussläufe gelangt. Eine Gefahr für die Bevölkerung habe nicht bestanden, erklärten die Betreiber des Atommeilers und die Behörden in der Provence am Dienstagabend.
Der Unfall beeinflusst auch die Debatte über die Nutzung der Atomkraft in Deutschland. Der Vorfall zeige, dass die Atomkraft eine Hochrisikotechnik sei, sagte der Sprecher des Bundesumweltministeriums, Michael Schroeren, am Mittwoch in Berlin. Politiker von CDU und FDP bekräftigten unterdessen ihre Forderung nach längeren Laufzeiten für deutsche Akws.
Auf der Gefahrenskala von null bis sieben liege der Zwischenfall bei eins, teilte die Pressestelle der Anlage in Bollène mit. Wie die französische Atomaufsichtsbehörde (ASN) mitteilte, trat die uranhaltige Lösung am Dienstagmorgen bei der Reinigung eines Kessels aus. Die Flüssigkeit, die zwölf Gramm Uran pro Liter enthielt, sei in der Anlage an der Rhône "aus ungeklärter Ursache" auf den Boden gelaufen und nur teilweise wieder aufgefangen worden. Ein Teil der Lösung gelangte demnach über einen Kanal in die angrenzenden Flüsse Gaffière und Auzont.
In einem der Flussläufe sei die Strahlenbelastung vorübergehend leicht erhöht gewesen, erklärte die ASN. Die Ämter verhängten neben einem Angel- auch ein Badeverbot in den angrenzenden Gemeinden. Eine Tochterfirma des Atomkonzerns Areva meldete den Unfall laut ASN erst am Dienstagmorgen. Nach Angaben von Socatri war der Behälter mit radioaktiver Flüssigkeit aber am Montagabend kurz vor Mitternacht übergelaufen.
In Deutschland heizte der Vorfall die Diskussion über die Gefahren der Atomkraft weiter an. "Es ist nicht so, dass das alles unproblematisch ist", sagte Umwelt-Staatssekretär Michael Müller (SPD). Der Vorfall zeige, dass "in Atomkraftwerken immer wieder Dinge passieren, mit denen keiner rechnet." Der Grünen-Energieexperte Hans-Josef Fell sagte, weltweit gebe es "439 Atommeiler, das sind 439 Risikofaktoren, die jede Pro-Atom-Debatte täglich ad absurdum führen können".
Für längere Akw-Laufzeiten plädierte hingegen der CDU-Energieexperte Joachim Pfeiffer. "Ich schlage vor, die willkürlich verkürzten Akw-Laufzeiten zurückzunehmen und dies mit Strompreissenkungen und der Erforschung erneuerbarer Energien zu verknüpfen", sagte er der "Rheinischen Post" vom Mittwoch. Es habe "volkswirtschaftlich keinen Sinn", bei den hohen Stromkosten den günstigen Atomstrom abzuschalten, sagte der niedersächsische Umweltminister Hans-Heinrich Sander (FDP).
Für ein Festhalten am Atomausstieg plädierte auch die SPD-Präsidentschaftskandidatin Gesine Schwan. Sie widersprach jedoch in der "Passauer Neuen Presse" vom Mittwoch Vorschlägen aus der SPD, den Bau neuer Akw im Grundgesetz zu verbieten.
DJG/kth (END) Dow Jones NewswiresJuly 09, 2008 10:44 ET (14:44 GMT)
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