FRANKFURT (dpa-AFX) - Die Angst vor einer neuen Wirtschaftskrise lähmt die Stahlbranche. "Vielen Unternehmen steckt noch der Schock von 2008 in den Knochen", sagt Salzgitter-Sprecher (
Salzgitter) Bernhard Kleinermann. Um nicht wieder unvorbereitet in einen Abschwung zu rutschen, agieren Stahlhändler und -verarbeiter extrem vorsichtig. Seit Sommer schieben sie Bestellungen auf. Das lässt die Nachfrage sinken und setzt die Preise unter Druck. Die Stahlkonzerne haben reagiert und ihre Produktion gedrosselt. Doch es gibt Hoffnung auf Besserung.
Die Marktforscher vom britischen Institut MEPS rechnen Anfang 2012 wieder mit einem Anziehen der Preise. Die Experten verweisen in einer aktuellen Studie auf die derzeit extrem geringen Vorräte bei den Stahlverarbeitern. Um die bestehenden Aufträge zu bedienen, würden diese in der ersten Jahreshälfte fast zwangsläufig wieder mehr ordern müssen. Zudem dürfte sich die europaweite Drosselung des Stahlproduktion nun stabilisierend auf die Preise auswirken.
Die Frage ist nur, wie nachhaltig eine solche Erholung wäre. Die MEPS-Analysten sind da angesichts der sich eintrübenden Weltkonjunktur skeptisch. In Deutschland bemüht sich die Branche hingegen weiter um Optimismus, auch wenn allein im November die Stahlproduktion um zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum eingebrochen ist. "Die Stahlnachfrage in Deutschland wird 2012 voraussichtlich ein ähnlich hohes Niveau erreichen wie 2011", sagt der Chef der Wirtschaftsvereinigung Stahl, Hans Jürgen Kerkhoff.
Trotz der Schwäche in den vergangenen Monaten schlug sich die Branche dank der insgesamt starken Wirtschaftsentwicklung in Deutschland 2011 gut. Die Rohstahlkapazitäten in den deutschen Hütten waren zu fast 90 Prozent ausgelastet - weltweit waren es dagegen nur rund 80 Prozent. Dabei profitierten die Stahlkonzerne hierzulande vom Boom der Auto- und Maschinenbauer.
Und es gibt durchaus noch Hoffnung, dass die gute Entwicklung auch 2012 nicht abbricht - sofern die Euro-Schuldenkrise endlich gelöst wird. "Unsere Kunden sind weiter gut ausgelastet", sagt Salzgitter-Sprecher Kleinermann. Es gebe bislang keine Anzeichen, dass sich das ändere. Sogar aus der Baubranche, die lange seit Jahren schwächelt, gebe es einen positiven Auftragstrend. "Es gibt keinen Grund zum Schwarzmalen."
Auch ThyssenKrupp-Stahlchef (ThyssenKrupp) Edwin Eichler will bislang lediglich einen "ausgedehnten Lagerzyklus" sehen. Das heißt, dass der tatsächliche Verbrauch der Stahlverarbeiter weiter hoch ist. Sie bedienten ihn zuletzt nur eben stärker aus dem eigenen Lager, statt neue Aufträge an die Hütten zu geben. Branchenkenner rechnen daher damit, dass nach dem Jahreswechsel die Bestellungen wieder zulegen werden.
Kritischer sieht der Stahlhändler Klöckner & Co (KlöCo) (KloecknerCo) die Lage. Der Duisburger MDax-Konzern (MDAX) musste seine Gewinnprognose schon streichen und rechnet für 2011 unter dem Strich nur noch mit einer "schwarzen Null". "Wir bewegen uns wie erwartet in einem zunehmend schwierigen konjunkturellen Fahrwasser", sagte Vorstandschef Gisbert Rühl im November. Er stellte besonders heraus, die übliche Erholung nach der Sommerpause sei ausgeblieben.
Die große Unsicherheit ist auch eine Reaktion auf die tiefgreifenden Veränderungen in der Branche. Boom- und Schwächephasen dürften sich künftig in immer schnellerer Folge ablösen, sagen Experten. Das liegt auch daran, dass die Lieferverträge immer kürzer und flexibler werden. Ausgelöst wurde diese Entwicklung vor anderthalb Jahren von den Bergbaukonzernen, die die Preise in den Langfristverträgen nicht mehr auf ein Jahr festschreiben wollten, wie es jahrzehntelange Praxis war.
In den vergangenen Monaten konnten die Stahlkocher von dieser Entwicklung sogar profitieren. Denn die Preise für Eisenerz gingen angesichts der Sorgen um die Weltwirtschaft deutlich zurück./enl/dct
--- Von Erik Nebel, dpa-AFX ---