Von Klaus Brune und Laura Stevens
THE WALL STREET JOURNAL
MÜNCHEN (Dow Jones)-Die Allianz will mehr europäische Staatsanleihen ins eigene Portfolio nehmen. Während Europas Politiker zäh darüber verhandeln, wie die Schlagkraft des europäischen Rettungsschirms EFSF erhöht werden kann, setzt der Münchener Versicherer auf das von ihm vorgeschlagene "Versicherungsmodell". Paul Achleitner, im Allianz-Vorstand verantwortlich für das Kapitalanlagegeschäft, glaubt daran, dass eine Ausfallgarantie für Staatsanleihen eine gewichtige Rolle bei der Überwindung der Vertrauenskrise an den europäischen Anleihemärkten spielen kann.
"Wir sind zuversichtlich, dass der EFSF mit Hilfe der Versicherungslösung zusätzliche Möglichkeiten (für Investitionen in europäische Staatsanleihen) schaffen wird, und wenn das der Fall ist, dann würden wir auch mehr investieren", sagte Achleitner dem Wall Street Journal Deutschland. "Sehr zuversichtlich" äußerte er sich etwa "für Italien". Dennoch brauche die Allianz eine Teilabsicherung durch den EFSF, um gemäß ihrer Überzeugung zusätzliche Anleihen kaufen zu können: "Selbstverständlich sehen auch wir uns dem Druck unserer eigenen Investoren und Risikomanager ausgesetzt", so Achleitner. Die Allianz könne nicht einfach nach der Devise "wir glauben aber an Italien" dort ihr Risiko signifikant erhöhen.
Achleitner, der im Mai Chefaufseher bei der Deutschen Bank wird, verantwortet bei der Allianz neben den Finanzen das internationale Anlagegeschäft. Der Münchener Versicherer ist mit dem US-Anleihespezialist Pimco ein gewichtiger Spieler im internationalen Konzert: Mit verwalteten Anlagen von rund 1,6 Billionen Euro ist die Allianz neben dem US-Investor Blackrock der größte Investor der Welt und der größte institutionelle Anleger in Europa.
Achleitner selbst verantwortet die eigenen Kapitalmarktanlagen der Allianz. Das Gros steckt in Anleihen. Etwa 90 Prozent des fast 460 Milliarden Euro schweren Portfolios ist in festverzinslichen Papieren angelegt, rund ein Drittel davon in Staatsanleihen. Italien stellt mit etwa 25,6 Milliarden Euro nach Deutschland den größten Einzelbrocken auf dem alten Kontinent.
Schon deshalb hat die Allianz vitales Interesse an einem funktionierenden europäischen Anleihemarkt. Achleitner plädiert für ein Versicherungsmodell, das er im vergangenen Jahr erstmalig vorstellte. Es sieht vor, dass der europäische Rettungsschirm EFSF als Versicherer auftritt und Garantien für Staatsanleihen ausgibt, mit dem die Staatsschulden für private Investoren attraktiver werden.
Konkret liefe es so: Wenn ein Krisenstaat mit Staatsanleihen frisches Geld am Kapitalmarkt aufnehmen will, garantiert der Fonds privaten Anlegern zum Beispiel die ersten 20 von 100 Euro. Ein Anleger, der das Ausfallrisiko des Krisenstaates bei 50 Prozent ansetzt, ginge dann nur noch mit 30 Euro ins Risiko. Auch für das Krisenland würde sich der Umweg über die EFSF-Versicherung lohnen: Weil Anleger ihr Risiko geringer einschätzen, würden sie auch einen geringeren Zinssatz akzeptieren.
Und wenn alles gut läuft, verdient der Fonds am Ende auch noch Geld. Denn wie bei einer Haftpflichtversicherung zahlen die Länder, die in den Genuss der Absicherung kommen, eine Gebühr an den Versicherer. Geht alles gut, verdient der Versicherer die Gebühr - und wenn nicht, decken die eingenommenen Versicherungsprämien für alle gewährten Garantien vielleicht sogar die fällige Versicherungssumme für den Ausfall.
Für die Euro-Retter hat das Modell den Charme, dass mit einem relativ geringen Kapitaleinsatz viel Geld für gefährdete Länder bereitgestellt werden kann - der sogenannte Hebeleffekt. Denn im schlimmsten Fall stünde der Fonds nur mit seinem Versicherungsanteil "im Feuer". Im genannten Beispiel müsste der Fonds nur 20 statt 100 Euro riskieren. Entsprechend wäre die "Feuerkraft" des Fonds um ein Vielfaches erhöht, ohne dass die Geberländer, allen voran Deutschland, weitere Mittel zur Verfügung stellen müssten.
Dennoch sehen einige europäische Politiker das Allianz-Modell mit Skepsis. Einige Volksvertreter bevorzugen eine stärkere Rolle des Internationalen Währungsfonds als Kreditgeber. In Brüssel gibt es Vorbehalte, den Fonds ausgerechnet mit dem "Teufelsinstrument" des Hebels auszustatten, der als einer der Katalysatoren für die Finanzkrise von 2008 ausgemacht worden ist.
Fraglich erscheint den Skeptikern außerdem, ob die Finanzmittel nicht auch bei einer Versicherungslösung zu begrenzt sind. Denn wenn die Krise akut wird und "große" Euroländer wie Italien erfasst, werden Investoren höhere Risikoabdeckungen vom Fonds verlangen und so seine finanziellen Möglichkeiten sprengen. Zweitens bemängeln Kritiker, dass mit der Versicherungslösung nur die neu aufgelegten Staatspapiere abgesichert seien. Für die vielen bereits umlaufenden Anleihen aus Ländern der Euro-Peripherie gäbe es keine Entspannung.
Allianz-Vorstand Achleitner ficht das alles nicht an. Er hat die europäischen Retter bei den konkreten Details der Versicherungslösung beraten. Jetzt sieht er sein Modell auf der Zielgeraden. "Ich persönlich gehe davon aus, dass es in den nächsten paar Wochen kommt." Die Versicherungslösung werde am Ende des Monats zur Verfügung stehen, betonte am Montagabend auch der Chef des Euro-Rettungsschirms EFSF, der Deutsche Klaus Regling.
Wie bei einem Katalysator in einer chemischen Reaktion erwartet Achleitner, dass die neue Zuversicht ansteckend sein wird und das Zutrauen vieler Investoren in den Euro und in europäische Staatsanleihen erhöhen wird. Denn mit der Versicherung liege ein "Volatilitätskissen" von 20 Prozent oder mehr bereit. Das Kissen, so gibt sich Achleitner überzeugt, bringe auch diejenigen Anleger in den Markt zurück, die wegen der aktuell unberechenbaren Schwankungen jetzt lieber außen vor blieben.
Die Allianz selbst hätte nach Achleitners Darstellung keinen Vorteil, wenn das Versicherungsmodell tatsächlich käme. Weder fielen Beratungsgebühren an, noch gebe es sonstige Kompensationen. Man habe seine Expertise angeboten, um bei der Bewältigung der Krise zu helfen.
Weniger Volatilität an den Märkten ist aber natürlich gut für einen langfristig orientierten Investor wie die Allianz. Und auch für die Banken verspräche es ein gutes Geschäft. "Ich glaube, eine Vielzahl von Banken würde hier gerne investieren, denn wenn man sich bei der Europäischen Zentralbank Geld für 1 Prozent leihen und dann in italienische Staatsanleihen mit einer Rendite von 5 Prozent investieren kann, dann ist das kein uninteressantes Geschäft."
-Von Klaus Brune und Laura Stevens, The Wall Street Journal;
+49 (0)69 29725 110, unternehmen.de@dowjones.com
DJG/DJN/kgb/sha
(END) Dow Jones Newswires
January 24, 2012 12:54 ET (17:54 GMT)
Copyright (c) 2012 Dow Jones & Company, Inc.- - 12 54 PM EST 01-24-12