AIG-Rettung verunsichert die Märkte
Nachdem die US-Regierung den US-Versicherungskonzern American International Group, kurz AIG, mit einem milliardenschweren Kredit vor der Pleite gerettet hat, atmeten die Märkte kurzzeitig auf. Ein Zusammenbruch von AIG hätte unvorhersehbare Folgen gehabt. Dennoch begibt sich die AIG-Aktie in eine unsichere Zukunft, außerhalb des Dow Jones-Index – die Finanzkrise hält die Märkte fest im Griff.
Nach diversen Zusammenbrüchen in der US-Finanzwirtschaft ist eine weitere Pleite eines Finanzriesen in den USA vorerst vom Tisch: Dem weltgrößten Versicherungskonzern American International Group, kurz AIG, wird von der US-Regierung hilfreich unter die Arme gegriffen. Wie am Dienstagabend bekannt wurde wird dem Institut ein milliardenschwerer Kredit in Höhe von 85 Milliarden Dollar von der Federal Reserve bereit gestellt. Damit soll "ein unkontrolliertes Versagen" des Instituts verhindert werden, hieß es.
Der Kredit soll eine Laufzeit von zwei Jahren haben und sichert der US-Regierung zeitgleich die Kontrolle über das Finanzhaus. Somit ist AIG nun zu knapp 80 Prozent in staatlicher Hand. Wobei die Aktionäre zunächst in die Röhre schauen dürften. Die Regierung erhält damit ein Veto-Recht bei der Ausschüttung der Dividende, was insbesondere zu Lasten der Aktionäre gehen dürfte. Dabei stellt sich die Frage, auf welchem Wege die US-Regierung ihren Anteil von 80 Prozent erhält. Im Raum steht beispielsweise eine Kapitalerhöhung. Auf der Verliererseite finden sich somit die Aktionäre, deren Anteil sich durch die äußerst hohe Beteiligung der US-Regierung etwa auf ein Fünftel reduziert. Die Interessen der Steuerzahler seien indes der Notenbank zufolge durch die Kernbedingungen dieses Kredits geschützt. Als Sicherheit diene immerhin das gesamte Vermögen des Versicherungsriesen. Zudem habe man habe das Rettungspaket in enger Abstimmung mit dem Finanzministerium erarbeitet, so die Fed weiter.
Mit ihrem erneuten Eingreifen in den US-Finanzmarkt verhindert die Regierung in Washington zunächst einen Zusammenbruch von AIG, der Experten zufolge weitreichende und teilweise unabsehbare Folgen für die Wirtschaft und die Finanzmärkte gehabt hätte. Die Pleite des Versicherungskonzerns hätte zu einem Dominoeffekt führen können, in dessen Folge eine Reihe weiterer Institute in massive Bedrängnis geraten wären, denn AIG ist in vielen Bereichen der Wirtschaft involviert und spielt insbesondere im Bereich Risikoabsicherung eine große Rolle. AIG hat Anleiheprodukte im Volumen von 441 Milliarden Dollar gegen Kreditausfälle abgesichert. Davon werden Hypothekenanleihen mit niedriger Bonität allein auf knapp 60 Milliarden Dollar beziffert. Zu den Kunden gehören Finanzinstitute in der ganzen Welt. Im Falle einer AIG-Pleite hatten Experten den Abschreibungsbedarf bei anderen Banken auf satte 180 Milliarden Dollar geschätzt.
Dennoch ist die Zukunft von AIG ungewiss. Die Ängste an den Parketts konnten aufgrund der Rettung des Versicherungsriesen nur kurzzeitig eingedämmt werden und kehrten umso stärker an die Märkte zurück. Verunsicherung macht sich breit. Die Kurse an den internationalen Börsen brachen ein – insbesondere werden Finanzwerte unter Druck gesetzt. Auch die Papiere von AIG rutschten erneut in den Keller. Anleger befürchten, dass ihre Anteile an AIG bald wertlos sein könnten. An der Börse wurde bereits reagiert. Die AIG-Aktie muss zum 22. September im Dow Jones-Index Platz für das Papier von Kraft Foods machen.
Der Unsicherheit an den Parketts wollen internationale Notenbanken nun mit einer konzertierten Aktion entgegenwirken. Mit koordinierten Maßnahmen reagieren die Währungshüter damit auf die angespannte Finanzmarktlage. Die Europäische Zentralbank EZB stellt über einen Schnelltender weitere Liquidität zur Verfügung. Das Volumen soll bei 40 Milliarden Dollar liegen. Auch die Bank of Canada, die Bank of England, die US-Notebank Federal Reserve, die Bank of Japan sowie die Schweizerische Zentralbank SNB wollen Geld in die Märkte pumpen. Daneben überschlagen sich die Meldungen aus dem Finanzsektor. So steht der britische Immobilienfinanzierer HBOS auf dem Einkaufszettel des Konkurrenten Lloyds, welcher hierfür 12,2 Milliarden Pfund auf den Tisch legen will. Daneben stellt sich die US-Investmentbank Merrill Lynch möglicherweise zum Verkauf. Wie der amerikanische Nachrichtensender CNBC berichtet laufen aktuell Gespräche mit diversen Interessenten. Man darf also gespannt sein – welche Überraschungen die Finanzmarktkrise weiter für die Anleger bereit hält.