AIG braucht schon wieder Geld
Der angeschlagene US-Versicherer American International Group (AIG), der vor wenigen Wochen nur durch einen milliardenschweren Kredit vor dem Zusammenbruch gerettet werden konnte, benötigt schon wieder frisches Geld. Die US-Zentralbank stellt dem Unternehmen weitere Milliarden zur Verfügung. Verärgert zeigte man sich indes über eine Luxuskur der AIG-Manager.
Der US-Versicherungskonzern American International Group (AIG) benötigt erneut frisches Geld. Erst vor wenigen Wochen hatte die US-Regierung dem Finanzriesen in letzter Minute mit einem 85 Milliarden Dollar schweren Kredit unter die Arme gegriffen und damit einen Zusammenbruch des Instituts verhindert, der unvorhersehbare Folgen für die US-Finanzwirtschaft gehabt hätte. Die Finanzspritze kam dabei von der US-Notenbank Federal Reserve, um ein "unkontrollierbares Versagen" des Finanzhauses zu vermeiden. Im Gegenzug wurde AIG verstaatlicht, die Regierung übernahm die Kontrolle über den Versicherer, der nun zu knapp 80 Prozent in staatlicher Hand ist. Damit hat die Regierung ein Veto-Recht bei der Ausschüttung der Dividende erworben, was insbesondere den übrigen Anteilseignern des Konzerns sauer aufgestoßen war. AIG hatte sich zuvor am Kapitalmarkt bei riskanten Finanzierungsgeschäften verspekuliert und milliardenschwere Verluste eingefahren.
Die zur Verfügung gestellten 85 Milliarden Dollar reichen jedoch offenbar nicht aus. Der Kredit sei aufgebraucht, erklärte die US-Notenbank am Mittwochabend. Daher werde dem Konzern ein weiteres Darlehen zur Verfügung gestellt. Die Finanzspritze im Wert von 37,8 Milliarden Dollar sei dabei "wegen der schweren Marktbedingungen" nötig gewesen, so die Währungshüter weiter. Der ehemals weltgrößte Versicherungskonzern soll mit dem frischen Geld seine laufenden Geschäfte abwickeln.
Als Sicherheit erhalte die Fed im Gegenzug festverzinsliche Anleihen. Damit wolle man die Liquidität des Versicherers erhalten. AIG hatte sich bereits in den vergangenen Wochen mit zahlreichen Maßnahmen darum bemüht, die Eigenständigkeit wieder zu erlangen und der quasi-staatlichen Kontrolle zu entgehen. Unter anderem plant das Unternehmen, durch den Verkauf umfangreicher Konzernteile neues Geld in die leeren Kassen zu bekommen, um das von der Notenbank zur Verfügung gestellte Darlehen schnellstmöglich zurückzahlen zu können.
Dass nun eine weitere Kapitalspritze von der Fed nötig ist, sorgt zumindest für Verwunderung. Denn erst am Vortag war im Rahmen einer Anhörung im US-Kongress bekannt geworden, dass mehrere Manager des angeschlagenen Konzerns eine Woche nach dem ersten Fed-Kredit und der Rettung des Unternehmens vor der Pleite einen Kuraufenthalt in einem Luxushotel an der kalifornischen Küste eingelegt hatten. Die Kosten für die Reise schlugen den Angaben zufolge mit 440.000 US-Dollar zu Buche - allein die Kosten für die Übernachtungen hatten sich auf 200.000 Dollar belaufen. Dazu kamen Kosten für Wellness-Behandlungen, Golf-Trips sowie Galamenüs. US-Präsidentschaftssprecherin Dana Perino kommentierte den Vorfall mit: "Das ist ziemlich verachtenswert. Ich verstehe es, wenn sich die Amerikaner darüber aufregen".
Der Versicherer selbst versuchte die Gemüter zu beruhigen und die Situation zu relativieren: Der Aufenthalt sei bereits seit Monaten geplant gewesen, hieß es von Konzernseite. Zudem sei der Trip für unabhängige Vertriebler mit Top-Ergebnissen, nicht aber für AIG-Angestellte gedacht gewesen. Zudem hätten von den 100 Teilnehmern nur zehn für AIG gearbeitet, betonte das Unternehmen in einer eilends verfassten Pressemitteilung am Mittwochabend. In einem Brief an Finanzminister Henry Paulson erklärte AIG-Chef Edward M. Liddy, dass man "die Kosten aller Aspekte unserer Operationen im Licht der neuen Umstände neu bewerten" müsse.
Die AIG-Aktie, die in den vergangenen Tagen im Sog anderer Finanztitel eine massive Talfahrt hingelegt hatte, konnte sich am Donnerstag zunächst leicht stabilisieren. Im weiteren Handelsverlauf drehte die Stimmung allerdings, der Anteilsschein rutschte abermals zweistellig ab.