Arcandor: Insolvenz als Chance?
An Tag 1 nach dem Insolvenzantrag des Handels- und Touristikkonzerns Arcandor schossen zahlreiche Spekulationen über die weitere Zukunft des Unternehmens ins Kraut. Über Sanierung bis hin zu Zerschlagung wurden eine Reihe von Optionen diskutiert. Fest steht: Metro hat weiter Interesse an der Warenhaussparte Karstadt. Neben einem Börsengang könnte auch der Weiterverkauf an einen Investor mittelfristiges Ziel des Handelsriesen sein. Arcandor legte die Gespräche allerdings zwischenzeitlich auf Eis.
"Die Arcandor AG hat beim Amtsgericht Essen den Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens wegen drohender Zahlungsunfähigkeit eingereicht." Mit dieser Mitteilung vom Vortag endete der wochenlange Überlebenskampf des Handels- und Touristikkonzerns Arcandor am Dienstagnachmittag vorerst. Neben dem Mutterkonzern haben auch die Tochtergesellschaften Karstadt, Primondo und Quelle Gläubigerschutz beantragt, hieß es weiter. Nicht betroffen sind unterdessen der Reisekonzern Thomas Cook, die Spezialversender der Primondo-Gruppe sowie der Homeshopping-Sender HSE 24.
Mit dem Insolvenzantrag zog der Essener Konzern die Konsequenzen aus der Tatsache, dass sich der Bund geweigert hatte, dem Unternehmen finanziell unter die Arme zu greifen. "Damit bestand keine nachhaltige Finanzierungsperspektive mehr", hieß es in einer Mitteilung. Zunächst war ein Bürgschaftsantrag des Konzerns abgelehnt worden - zahlreiche Politiker hatten dazu angemerkt, dass Arcandor bereits vor Ausbruch der Finanzkrise wirtschaftliche Probleme hatte und diese primär auf Managementfehler zurückzuführen seien. Auch der folgende Antrag auf Rettungsbeihilfe war von der Regierung abgeschmettert worden. Einen zweiten Anlauf auf einen Notkredit wollte der angeschlagene Handelsriese nicht unternehmen - damit war die Refinanzierung geplatzt.
Der Antrag auf Gläubigerschutz muss aber nicht das endgültige Aus für Arcandor und seine Tochterunternehmen bedeuten. Der Insolvenzverwalter kann nun die Verbindlichkeiten des Unternehmens deutlich reduzieren. Zudem lasten die Gehälter der Mitarbeiter in den kommenden drei Monaten nicht auf den Konzernkassen, das Insolvenzgeld übernimmt bis August die Bundesagentur für Arbeit.
Darüber hinaus haben bereits einige Konkurrenten Interesse an Teilen von Arcandor angemeldet, was eine Zerschlagung des Konzerns bedeuten würde. Der Handelsriese Metro will an seinen Plänen, die Warenhaussparte Karstadt zu übernehmen und mit der eigenen Kaufhauskette Kaufhof zu fusionieren, festhalten, auch wenn Arcandor die Gespräche heute "zunächst einmal auf Eis gelegt" hat. Dabei spekuliere man nach der Arcandor-Pleite aber nicht auf eine billige Übernahme, Metro-Chef Cordes betonte, man wolle einen "fairen Kaufpreis" zahlen. Zudem scheint der Manager ambitionierte Pläne für die mögliche "Warenhaus AG" zu haben. "Wir haben ein kurz- und mittelfristiges Ziel, dieses neue Ganze zu schaffen und ich glaube sogar, jetzt bin ich ganz tollkühn, dass es die Möglichkeit geben könnte, ein solches neues Unternehmen an die Börse zu bringen, an dem wir dann beteiligt bleiben können", so Cordes in einem Interview mit dem ZDF. Darüber hinaus denkt der Metro-Chef möglicherweise bereits einen Schritt weiter. Wie das "Handelsblatt" unter Berufung auf beteiligte Investmentbanken berichtet, sei auch der Weiterverkauf der fusionierten Kaufhauskette an einen Investor eine Option. Als Interessent wurde in diesem Zusammenhang der italienische Unternehmer Maurizio Borletti genannt, der gemeinsam mit einem Finanzinvestor einen Kauf prüfe. Dem Blatt gegenüber erklärte Borletti lediglich: "Es laufen derzeit Diskussionen, an denen wir uns beteiligt haben. Aber angesichts der delikaten Lage ziehe ich es vor, nicht zu kommentieren."
Auch für andere Arcandor-Töchter haben bereits Interessenten die Hand gehoben. So sind die Spezialversender von Primondo möglicherweise ins Visier des Versandhändlers Otto geraten. Der bisherige Umsatz- und Gewinnbringer von Arcandor, die Reisesparte Thomas Cook, an der der insolvente Konzern eine Mehrheitsbeteiligung von 52 Prozent hält, könnte unterdessen von der Kölner Rewe-Gruppe übernommen werden. Aktuell sind die Thomas Cook-Anteile an die Banken verpfändet.
Die Arcandor-Aktie, die sich bereits in den vergangenen Tagen als Zocker-Papier gezeigt hatte, legte heute zweistellig zu. Profiteur der aktuellen Entwicklungen ist allerdings das Papier des Konkurrenten Metro, das heute von den Spekulationen profitierte.