von Tim Schäfer, €uro am Sonntag
Wer in der US-Wirtschaft etwas auf sich hält, träumt von einem Auftritt im „Wall Street Journal“ oder in der „New York Times“. Doch beim Mischkonzern Danaher gehen die Uhren anders. Am Stammsitz in Washington D. C. ist Schweigen Gold. Die Brüder Steven und Mitchell Rales, die das Unternehmen vor 43 Jahren gründeten, wollen sich lieber nicht in die Karten schauen lassen.
Dabei hätten die Geschwister viel zu erzählen. Das Geschäft brummt seit über vier Jahrzehnten. Es ist in fünf Bereiche — Umwelt-, Messtechnik, Zahnarztausrüstung, Diagnostik und Industrietechnologien — unterteilt. Alle Sparten bedienen einen weltweit wachsenden Bedarf. Angetrieben durch zahllose Zukäufe hat der Konzern seinen Umsatz binnen eines Jahrzehnts auf zuletzt 16 Milliarden Dollar vervierfacht.
Analysten mögen insbesondere die Dentalsparte. Bohrer, Werkzeuge für Füllungen, Spezialkameras und Spangentechnik umfasst das Sortiment, das für zwei Milliarden Dollar Umsatz steht. Die operative Marge beträgt mehr als zehn Prozent. Im vergangenen Jahr kamen 25 neue Produkte auf den Markt. Am größten ist das Wachstum in China mit derzeit über 60 Prozent.
Stark in Wachstumsmärkten
Konzernweit stemmen die Amerikaner bereits 23 Prozent ihres Geschäfts in den Wachstumsregionen, einschließlich Indien, Russland und Brasilien. In den Schwellenländern wurden in den vergangenen fünf Jahren neun Firmen zugekauft. In Deutschland übernahmen die Amerikaner 2005 den Instrumentenhersteller PMA. Zwei Jahre später schluckten sie die Wetzlarer Leica Microsystems, den Marktführer für Mikroskope.
Gegründet haben die Brüder das Unternehmen 1969 als Holding, die Ramschanleihen kaufte. Durch die Junkbonds verschafften sie sich Zugriff auf Industrieunternehmen. Wenn sich das Duo mal in ein Unternehmen verbissen hatte, zog es seine Pläne gnadenlos durch. Immer wieder kam es zu Prozessen. Doch die Rales’ ließen sich nicht stoppen. Um die Durchschlagskraft ihrer Attacken zu erhöhen, verbündeten sie sich zur Finanzierung ihrer immer größeren Deals mit dem New Yorker Ramschanleihenkönig Michael Milken. Das Magazin „Forbes“ lästerte in den 80er-Jahren über die naturverbundenen Rales-Brüder mit der Schlagzeile: „Raider in kurzen Hosen“. Waren die Firmen saniert und integriert, ging die Jagd nach neuen Übernahmeobjekten weiter — bis zum heutigen Tag.
1984 benannten sie die Holding in Danaher um, nach dem gleichnamigen Fluss im US-Bundesstaat Montana, wo beide gern angeln gehen. Nach der Umfirmierung legten die Rales-Brüder einen Gang zu. Gleich in den darauffolgenden beiden Jahren rissen sie sich 14 Industriefirmen unter den Nagel. Darunter war der New Yorker Qualitätskontrollprofi Qualitrol sowie der traditionsreiche Tankstellenzulieferer Gilbarco Veeder-Root.
Was nahezu lautlos in Washington D. C. begann, ist nun einer der erfolgreichsten Mittelständler der USA. 59.000 Mitarbeiter kümmern sich um Kunden in 125 Ländern. Erfolgsrezept ist die breite Aufstellung. Das schützt selbst vor harten Rezessionen.
Ab den 90er-Jahren begann das Duo, zyklische Geschäftseinheiten um konjunkturresistente Töchter zu ergänzen, um die Abhängigkeit von der Wirtschaftsentwicklung zu reduzieren. Hinter allem stand stets das Ziel, ein kontinuierliches Wachstum zu schaffen. Der Eintritt in viele Nischenmärkte sorgt obendrein für ein geringeres Risiko.
Überflieger an der Börse
An der Börse kommt die 40-jährige Erfolgsserie des im S & P 500 notierten Unternehmens gut an. Seit Januar 1988 stieg der Kurs (splitbereinigt) von 58 Cent auf bis zu 56 Dollar. Das Researchhaus Wilshire führt die Aktie auf dem dritten Platz ihrer Top-Performance-List. In den vergangenen 30 Jahren stieg der Kurs im Schnitt um 23,8 Prozent pro Jahr — Dividenden eingerechnet.
Die gegenwärtige Kursschwäche hat ihren Charme. Unspektakuläre Firmen günstig einzukaufen und zu sanieren kann ein einträgliches Geschäft sein. Für seine Gründer ist das Geschäftsmodell von Danaher jedenfalls zur Goldgrube geworden. Der 61-jährige Steve Rales schaffte es auf die „Forbes“-Liste der reichsten Amerikaner. Er wird auf dem 130. Rang der Milliardäre geführt. Als Verwaltungsratsvorsitzender überwacht er noch immer die Geschäfte.
Der fünf Jahre jüngere Mitchell Rales sitzt nach wie vor im Direktorium. Er ist leidenschaftlicher Kunstsammler. Für seine Bilder und Skulpturen betreibt der Milliardär das Glenstone-Privatmuseum in Maryland, das er jetzt erweitern möchte. Am Geld wird das kaum scheitern.
Investor-Info
Danaher
Anhaltendes Wachstum
Bei dem Mischkonzern handelt sich um eine richtige Cashmaschine. Im laufenden Jahr soll der Umsatz um 14,4 Prozent auf 18,4 Milliarden Dollar steigen, der Gewinn je Aktie um über 16 Prozent auf 3,30 Dollar. Für 2013 wird ebenfalls ein deutliches Wachstum erwartet. Gemessen daran ist das KGV von 13,6 nicht zu hoch. Auch charttechnisch ist die Aktie verlockend. Nach dem Hoch im April bei 56 Dollar hat der Wert korrigiert. Jetzt scheint sich bei 50 Dollar eine Unterstützung auszubilden.
Euro am Sonntag meint: Die Strategie von Danaher ist seit Jahren erfolgreich. Es gibt keinen Grund, weshalb sich das in Zukunft ändern sollte.