von Joachim Spiering, €uro am Sonntag
Einmal im Jahr werden wir persönlich: Dann zitieren wir nicht aus 112 Seiten langen Studien über den amerikanischen Ausrüstermarkt für Videokonferenzen. Dann interpretieren wir keine Grafiken zum wahnsinnig stark gewachsenen Bruttoinlandsprodukt in sechs südchinesischen Provinzen. Und dann gelten auch keine Kursziele von Analysten. Dann lehnen wir uns selbst aus dem Fenster und nennen unsere ganz persönlichen Anlagetipps für das kommende Jahr.
Dabei gilt: Die Gedanken sind frei. Jeder Redakteur kann empfehlen, was er will – von hochriskanten Hot-Stock-Aktien über Anleihen oder Zertifikate bis hin zu ultrakonservativen Fonds.
Innerhalb der Redaktion sind die Jahrestipps längst zu einer festen Größe geworden. Aufmerksam wird verfolgt, wer was empfiehlt. Und natürlich auch, wer im laufenden Jahr wie abgeschnitten hat. Also: Haben die Tipps das gehalten, was sich die Redakteure davon versprochen hatten? Ist das zugrunde liegende Szenario aufgegangen oder nicht?
Um es vorwegzunehmen: Unterm Strich sieht es mit den Tipps für 2009 sehr gut aus. Ein dickes Minus steht am Ende nur vor der Aktie der Porsche Holding AG. Bei dem Top-Trend-AMI-Fonds und dem S&P-DCI-Zertifikat ist das Kalkül ebenfalls nicht aufgegangen. Beide Anlagen basieren auf Trendfolgemodellen – und die haben dieses Jahr allgemein nicht gut funktioniert.
Die meisten anderen Investments wie das Ölzertifikat, der Indien-Fonds oder das Bonuszertifikat auf ThyssenKrupp haben die Erwartungen erfüllt. Absolut top war die Empfehlung der Apple-Aktie. Sie legte im Lauf des Jahres um über 141,33 Prozent zu. Auf Rang 2 der Rendite-Rennliste folgen der Indien-Fonds mit plus 84 Prozent und die Syngenta-Aktie mit rund 44,36 Prozent. Insgesamt steht unterm Strich aller Empfehlungen eine Rendite von 18,09 Prozent – was angesichts der Mischung ein ausgezeichneter Wert ist.
Doch worauf setzen die Redakteure von €uro am Sonntag nun für das kommende Jahr? Ist die Mehrheit spekulativ ausgerichtet oder doch lieber etwas vorsichtig? Schließlich wird allgemein mit einem eher schwierigen Börsenjahr gerechnet. Im Prinzip bietet die Mischung wieder von allem etwas. Von einem konservativen Produkt, das in Waldflächen investiert, über einen Asia-Small-Cap-Fonds bis hin zu kleineren, eher spekulativen Aktien wie Plan Optik, Asian Bamboo oder Frogster ist alles dabei. Interessant ist, dass gleich fünf Kollegen auf Mischfonds setzen und so versuchen, aus allen Börsenlebenslagen im kommenden Jahr Kapital zu schlagen.
Interessant ist auch die sehr unterschiedliche Meinung zu Gold: Während ein Kollege im dritten Jahr hintereinander auf weiter steigende Goldnotierungen setzt (nach zwei sehr erfolgreichen Jahren), glaubt einer (unser Chef) an ein Ende der Goldhausse und spekuliert auf sinkende Preise.
In einem Jahr werden wir sehen, wer recht behalten hat. Bis dahin wünschen wir Ihnen, liebe Leser, alles Gute für 2010 – und viel Erfolg bei Ihren Investmententscheidungen.

Carl Batisweiler
Carl Batisweiler: Klar, mit den richtigen Aktien sind auch in diesem Jahr zweistellige Renditen drin. Bei diesem Tipp geht es aber um Anlagestrategie – und da bin ich konservativ und sicherheitsbewusst unterwegs. Einer der Megatrends der kommenden Jahrzehnte ist die Agrikultur, ein Teil davon ist Forstwirtschaft. Das
Focus Global Forests Zertifikat investiert in Waldflächen. Die bieten zum einen einen biologischen Zins –Bäume werden beim Wachsen immer wertvoller –, zum anderen korreliert dieses indirekte Immobilieninvestment nur gering zu anderen Assetklassen.

Stephan Bauer
Stephan Bauer: Im nächsten Jahr werden die Volkswirtschaften Chinas und Indiens im Gegensatz etwa zu Europa stark wachsen. Zunehmende Kaufkraft der Bevölkerung stützt die Binnennachfrage, die Exporte legen zu. Das stärkt Konsumgüterhersteller, aber auch Investitionsgüterkonzerne wie etwa den Automatisierungsspezialisten China Automation, der Kontrollsysteme für die Industrie im Reich der Mitte fertigt. Mein Tipp: Der
Carlson Asian Small Cap, ein Fonds, der zu zwei Dritteln auf chinesische und zu einem Drittel auf indische Small Caps setzt.

Martin Blümel
Martin Blümel: „Erst mal Verluste vermeiden“, sagt Luca Pesarini. Vom Zürichsee aus managt er den seit Jahren erfolgreichen Mischfonds
Ethna-Aktiv. Aktien und Festzinspapiere werden in seinem Fonds so gemischt, dass in freundlichen Börsenzeiten der Aktienanteil hochgefahren und in Baisse-zeiten stärker in Anleihen, Festgeld und Cash-ähnliche Anlagen investiert wird. „Wir wollen das Anlegervermögen in Zeiten rückläufiger Märkte sichern und in guten Zeiten überdurchschnittlich vermehren“, sagt Pesarini. „Warum Volatilität, wenn man doch nachts ruhig schlafen will?

Jens Castner
Jens Castner: Zwei Jahre lang bin ich mit Gold gut gefahren, warum also nicht ein drittes? Es gibt zwar, vor allem in der zweiten und dritten Reihe, eine Vielzahl interessanter Aktien. Aber ein einziger Managementfehler, ein vager Ausblick oder eine Börsenkorrektur können die Performance eines Jahres schnell zunichtemachen. Bei Gold fallen Risiken wie ein allzu euphorisches Management oder überzogene Analystenerwartungen weg. In Zeiten niedriger Zinsen zogen Edelmetalle in der Vergangenheit meist stark an. Und im Moment sieht es nicht nach Zinserhöhungen aus. Der
Gold-ETF bleibt also erste Wahl.

Hartmut Conrad
Hartmut Conrad: Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass überlieferten Vorstellungen über Risiko/Rendite-Verteilungen und Korrelationen zwischen Assetklassen revidiert werden müssen. Prognosen darüber wie in einer immer stärker globalisierten Welt sich einzelne Kapitalmärkte entwickeln werden damit nicht einfacher. Anleger müssen ihre Reaktionsbereitschaft erhöhen – oder in Produkte investieren, die eingebaute Flexibilität bieten. 2010 wird zur Bewährungsprobe für Mischfonds die den intelligenten Umgang mit kurzfristigen Trends versprechen. Die Manager des
Gamma Concept Fonds müssen zeigen, was sie können.

Wolfgang Ehrensberger
Wolfgang Ehrensberger: Onlinerollenspiele („World of Warcraft“) sind die Renner in der Unterhaltungsindustrie. Der seit 2006 börsennotierte Berliner Spieleentwickler und -betreiber
Frogster hat 2009 mit „Runes of Magic“ nicht nur den internationalen Durchbruch geschafft (2,5 Millionen Nutzer weltweit). Der Umsatz versechsfachte sich auf 13,5 Millionen Euro, erstmals fließt positiver operativer Cashflow, vor Steuern bleiben dank geringer Kosten zwei Millionen Euro Gewinn. 15 bis 20 Prozent Umsatzrendite sollen es auch künftig sein, sagt Frogster-Chef Christoph Gerlinger – bei dreistelligem Millionenumsatz.

Peter Gewalt
Peter Gewalt: Von der Aktienrally profitieren und dennoch nicht alles auf eine Karte setzen – das ist mit Wandelanleihen möglich, einer Mischung aus Aktien und Unternehmensanleihen. Die hybriden Papiere machen rund zwei Drittel der Aktienmarktbewegungen nach oben mit. In Baissephasen kommt dagegen der Anleihecharakter der Convertibles stärker zum Tragen, der Verluste begrenzt. Dass sich das lohnt, beweist der
DWS Convertibles mit der €uro-FondsNote 1. Mit einem Plus von knapp 30 Prozent in den vergangenen fünf Jahren hat der Wandlerfonds dabei viele reine Aktien- oder Anleiheportfolios hinter sich gelassen.
Bildquellen: Julian Mezger